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ADHS
bei Erwachsenen

ADHS bei Erwachsenen: Wirkstoffe im Vergleich, Psychoedukation und Coaching, Erfahrungsberichte, Versorgung in der Schweiz, Deutschland und Österreich, Tagesplaner Wirkfenster und Druckvorlagen.

Stand Oktober 2026

Wirkstoffe

Wirkstoffe im Überblick

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) gilt lange als Kinderthema. Dabei erfüllen etwa 2,5 bis 3 Prozent der Erwachsenen die Kriterien, so die grossen epidemiologischen Übersichten, darunter eine Auswertung der WHO-Erhebungen in rund zehn Ländern. ADHS beginnt immer in der Kindheit. Bei etwa der Hälfte bis zwei Dritteln der Betroffenen bleiben deutliche Beschwerden bis ins Erwachsenenalter bestehen, auch wenn sich das Bild verändert: Die sichtbare Zappeligkeit tritt zurück, an ihre Stelle treten innere Unruhe, Mühe beim Planen und Priorisieren, Vergesslichkeit, Aufschieben, impulsive Entscheidungen und starke Gefühlsschwankungen. Viele Erwachsene haben über Jahre Strategien entwickelt, die nach aussen gut funktionieren und innen sehr viel Kraft kosten.

Frauen werden oft erst spät diagnostiziert, häufig zwischen 30 und 50 Jahren, manchmal erst, wenn ein eigenes Kind abgeklärt wird. Bei Mädchen steht häufiger die Unaufmerksamkeit im Vordergrund, sie stören den Unterricht weniger und fallen deshalb seltener auf. Im Kindesalter werden Knaben etwa dreimal so oft diagnostiziert, bei Erwachsenen ist das Verhältnis deutlich ausgeglichener. Hormonelle Phasen wie Zyklus, Schwangerschaft und Wechseljahre können die Symptome spürbar verstärken.

Begleiterkrankungen sind eher die Regel als die Ausnahme. Etwa drei Viertel der Erwachsenen mit ADHS haben im Lauf des Lebens mindestens eine weitere psychische Erkrankung. Am häufigsten sind Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen, Suchterkrankungen (Nikotin, Alkohol, Cannabis), Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen vom Borderline-Typ und Autismus-Spektrum-Störungen. Oft führt erst die Depression oder das Burnout in die Praxis, und die ADHS wird dabei entdeckt. Für die Behandlung ist das wichtig: Begleiterkrankungen bestimmen mit, welches Medikament passt und in welcher Reihenfolge behandelt wird.

Die Kernfakten zur Behandlung:

  • Die Behandlung ist multimodal. Sie besteht aus Psychoedukation (Wissen über die eigene ADHS), Anpassungen im Alltag, Psychotherapie oder Coaching und, je nach Schweregrad, Medikamenten. Die S3-Leitlinie "ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter" (AWMF-Register 028-045, Fassung 2017) empfiehlt bei Erwachsenen mit mittlerer bis schwerer ADHS, eine medikamentöse Behandlung anzubieten. Bei leichter Ausprägung können Psychoedukation und psychosoziale Massnahmen zuerst kommen.
  • Wirkstoffklassen: Stimulanzien (Methylphenidat, Lisdexamfetamin, Dexamfetamin) und Nicht-Stimulanzien (Atomoxetin, Guanfacin, Bupropion, Viloxazin). Stimulanzien unterstehen in allen drei Ländern dem Betäubungsmittel- beziehungsweise Suchtmittelrecht.
  • Anwendungsform: Tabletten oder Kapseln, meist einmal morgens (Retardpräparate) oder zwei- bis dreimal täglich (schnell freisetzende Präparate). Stimulanzien wirken ab dem ersten Tag, die richtige Dosis wird über mehrere Wochen gesucht. Atomoxetin braucht vier bis zwölf Wochen bis zur vollen Wirkung.
  • Erwarteter Effekt: In der Netzwerk-Metaanalyse von Cortese und Kollegen (Lancet Psychiatry, 2018, über 130 Studien) verbesserten bei Erwachsenen Amphetamine die Kernsymptome am stärksten (standardisierte Effektstärke etwa 0,8), Methylphenidat, Atomoxetin und Bupropion mittelstark (etwa 0,45 bis 0,5). Grob gesagt spricht etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Erwachsenen gut auf das erste Stimulans an, ein Teil der übrigen auf das zweite. Wer auf welchen Wirkstoff anspricht, lässt sich vorher nicht sagen.
  • Häufigste Nebenwirkungen: verminderter Appetit, Gewichtsabnahme, Einschlafprobleme, Kopfschmerzen, Mundtrockenheit, Herzklopfen, leicht erhöhter Puls und Blutdruck, Reizbarkeit beim Nachlassen der Wirkung (Rebound am Nachmittag oder Abend). Bei Atomoxetin kommen Übelkeit, Müdigkeit und sexuelle Funktionsstörungen hinzu.

Wirkstoffe im Vergleich

Medikament
Methylphenidat retardiert (Concerta, Ritalin LA beziehungsweise in DE Ritalin Adult, Medikinet adult, Generika)
Wirkstoff
Stimulans, hemmt die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin
Indikation
ADHS bei Erwachsenen, Behandlungsbeginn oder Fortführung aus dem Jugendalter, je nach Präparat
Dosierung
Langsam steigernd, meist Start mit 10 bis 18 mg morgens, Zieldosis individuell, häufig 20 bis 60 mg, Höchstdosis laut Fachinformation meist 72 bis 80 mg pro Tag; Wirkdauer je nach Freisetzung etwa 6 bis 12 Stunden
Status
Betäubungsmittel; S3 2017 und NICE: Mittel der ersten Wahl; Zulassung für Erwachsene unterscheidet sich je Präparat und Land (in DE ausdrücklich für Erwachsene zugelassen: Medikinet adult, Ritalin Adult)
Nebenwirkungen
Appetitminderung, Einschlafprobleme, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Puls- und Blutdruckanstieg, Mundtrockenheit, Reizbarkeit beim Nachlassen
Medikament
Methylphenidat unretardiert (Ritalin, Medikinet, Generika)
Wirkstoff
Stimulans, wie oben
Indikation
ADHS; bei Erwachsenen vor allem zur Feinabstimmung oder als Ergänzung am Nachmittag
Dosierung
5 bis 10 mg pro Gabe, zwei- bis dreimal täglich; Wirkdauer etwa 3 bis 4 Stunden
Status
Betäubungsmittel; für Erwachsene in DE nicht zugelassen (Off-Label, Kostenübernahme unsicher), in CH und AT je nach Präparat prüfen
Nebenwirkungen
Wie retardiert, dazu stärkere Schwankungen über den Tag und häufiger Rebound
Medikament
Lisdexamfetamin (Elvanse, in DE Elvanse Adult)
Wirkstoff
Stimulans, Vorstufe (Prodrug) von Dexamfetamin, setzt Dopamin und Noradrenalin frei
Indikation
ADHS bei Erwachsenen
Dosierung
Start 30 mg morgens, Steigerung in Schritten von 20 mg nach jeweils etwa einer Woche, Höchstdosis 70 mg; Wirkdauer etwa 13 bis 14 Stunden
Status
Betäubungsmittel; in DE seit 2019 für Erwachsene zugelassen, in CH für Erwachsene zugelassen, in AT Status je Packung prüfen; NICE: erste Wahl gleichrangig mit Methylphenidat, S3 2017: Alternative bei ungenügendem Ansprechen auf Methylphenidat
Nebenwirkungen
Appetitminderung, Schlaflosigkeit, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Puls- und Blutdruckanstieg, Gereiztheit, Angst
Medikament
Dexamfetamin (Attentin, Rezepturen)
Wirkstoff
Stimulans, setzt Dopamin und Noradrenalin frei
Indikation
ADHS bei Kindern und Jugendlichen als Reservemittel; bei Erwachsenen Off-Label
Dosierung
5 mg ein- bis zweimal täglich, langsam steigernd, meist 10 bis 30 mg pro Tag in zwei bis drei Gaben; Wirkdauer etwa 4 bis 6 Stunden
Status
Betäubungsmittel; für Erwachsene in DACH nicht zugelassen; Einsatz durch Spezialistinnen in Einzelfällen, Kostenübernahme meist nur mit Gesuch
Nebenwirkungen
Wie Lisdexamfetamin, wegen schneller Anflutung höheres Missbrauchspotenzial
Medikament
Atomoxetin (Strattera, Generika)
Wirkstoff
Nicht-Stimulans, selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
Indikation
ADHS bei Erwachsenen, auch bei Suchterkrankung, Tics oder Angst
Dosierung
Start 40 mg täglich, nach mindestens 7 Tagen 80 mg, höchstens 100 mg; Wirkung über 24 Stunden, volle Wirkung nach 4 bis 12 Wochen
Status
Kein Betäubungsmittel; in CH, DE und AT für Erwachsene zugelassen; S3 2017 und NICE: Alternative, wenn Stimulanzien nicht wirken, nicht vertragen werden oder nicht in Frage kommen
Nebenwirkungen
Übelkeit, Appetitminderung, Müdigkeit oder Schlaflosigkeit, Mundtrockenheit, Harnverhalt, sexuelle Funktionsstörungen, Puls- und Blutdruckanstieg; selten Leberschäden und Suizidgedanken
Medikament
Guanfacin (Intuniv)
Wirkstoff
Nicht-Stimulans, Alpha-2A-Rezeptor-Agonist im Stirnhirn
Indikation
Zugelassen für Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren; bei Erwachsenen Off-Label
Dosierung
Start 1 mg abends, wöchentlich um 1 mg steigernd, bei Erwachsenen in Studien meist 4 bis 6 mg; Wirkung über 24 Stunden; nie abrupt absetzen
Status
Kein Betäubungsmittel; für Erwachsene in DACH nicht zugelassen, Kostenübernahme unsicher; NICE: bei Erwachsenen nur auf Rat eines spezialisierten ADHS-Zentrums
Nebenwirkungen
Müdigkeit, Benommenheit, Blutdruck- und Pulsabfall, Schwindel beim Aufstehen, Gewichtszunahme; Blutdruckanstieg bei abruptem Absetzen
Medikament
Bupropion (Wellbutrin XR, Elontril, Generika)
Wirkstoff
Antidepressivum, Dopamin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
Indikation
Zugelassen für Depression (und in einigen Präparaten Rauchentwöhnung); bei ADHS Off-Label
Dosierung
150 mg morgens, nach einer Woche 300 mg, höchstens 450 mg pro Tag
Status
Kein Betäubungsmittel; Off-Label; S3 2017: keine Empfehlung als Standard, Einsatz bei Begleitdepression oder Nikotinabhängigkeit denkbar
Nebenwirkungen
Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Mundtrockenheit, Unruhe, Blutdruckanstieg; dosisabhängig erhöhtes Krampfanfallrisiko
Medikament
Viloxazin (Qelbree)
Wirkstoff
Nicht-Stimulans, Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer mit Wirkung auf Serotoninrezeptoren
Indikation
In den USA seit 2021 für Kinder, seit 2022 auch für Erwachsene zugelassen
Dosierung
In US-Studien bei Erwachsenen 200 bis 600 mg einmal täglich
Status
In CH, DE und AT nicht zugelassen und nicht im Handel (Stand Oktober 2026, soweit bekannt); keine Empfehlung in S3 2017 oder NICE
Nebenwirkungen
Schläfrigkeit, Übelkeit, Appetitminderung, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit; Warnhinweis zu Suizidgedanken

Methylphenidat. Methylphenidat blockiert die Transporter, die Dopamin und Noradrenalin aus dem Spalt zwischen den Nervenzellen zurückholen. Dadurch steht in den Netzwerken des Stirnhirns, die Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle steuern, mehr Botenstoff zur Verfügung. Die Wirkung setzt nach etwa 30 bis 60 Minuten ein. Wie lange sie anhält, hängt von der Galenik ab: Unretardierte Tabletten wirken rund drei bis vier Stunden. Medikinet adult und Ritalin LA setzen etwa die Hälfte sofort und die Hälfte verzögert frei und decken etwa sechs bis acht Stunden ab. Concerta nutzt ein osmotisches System mit einem kleineren Sofort- und einem grösseren Verzögerungsanteil und wirkt etwa zehn bis zwölf Stunden. Medikinet adult soll mit oder nach dem Frühstück eingenommen werden, sonst wirkt der verzögerte Anteil schlechter. Die S3-Leitlinie 2017 nennt Methylphenidat bei Erwachsenen als Mittel der ersten Wahl. Die britische NICE-Leitlinie NG87 (2018, aktualisiert 2019) stellt Lisdexamfetamin und Methylphenidat gleichrangig an den Anfang. Die Cortese-Metaanalyse empfahl bei Erwachsenen Amphetamine als erste Wahl für die Wirksamkeit, Methylphenidat bei Kindern und mit Blick auf die Verträglichkeit. In der Praxis beginnen die meisten Spezialistinnen im deutschsprachigen Raum mit Methylphenidat retard, weil die Erfahrung am grössten ist und die Zulassungs- und Erstattungslage am klarsten.

Lisdexamfetamin und Dexamfetamin. Amphetamine blockieren die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin und setzen die Botenstoffe zusätzlich aktiv aus den Speichern frei. Lisdexamfetamin ist eine unwirksame Vorstufe, die erst im Blut durch Enzyme der roten Blutkörperchen in Dexamfetamin umgewandelt wird. Das sorgt für einen gleichmässigen Anstieg, eine lange Wirkdauer von etwa 13 bis 14 Stunden und ein geringeres Risiko für Missbrauch durch Schnupfen oder Spritzen. Die Kapseln können geöffnet und der Inhalt in Wasser oder Joghurt eingerührt werden. Dexamfetamin wirkt schneller und kürzer und wird bei Erwachsenen nur in Einzelfällen eingesetzt, etwa als kurz wirksame Ergänzung. In Deutschland ist es als Attentin nur für Kinder und Jugendliche zugelassen, in der Schweiz und in Österreich wird es meist als Rezeptur in der Apotheke hergestellt. Die S3-Leitlinie 2017 sieht Amphetamine bei Erwachsenen als Option, wenn Methylphenidat nicht ausreichend wirkt oder nicht vertragen wird. NICE nennt Lisdexamfetamin als gleichwertige erste Wahl und Dexamfetamin als Alternative, wenn die lange Wirkdauer von Lisdexamfetamin nicht passt.

Betäubungsmittelrecht bei Stimulanzien. Methylphenidat, Lisdexamfetamin und Dexamfetamin gelten in allen drei Ländern als Betäubungsmittel. In der Schweiz braucht es ein amtliches, nummeriertes Betäubungsmittelrezept. Verschrieben werden darf in der Regel die Menge für einen Monat, mit Begründung für höchstens drei Monate. In Deutschland braucht es ein BtM-Rezept (gelbes, dreiteiliges Formular der Bundesopiumstelle). Es muss innerhalb von sieben Tagen nach Ausstellung eingelöst werden, und pro Patientin und 30 Tagen gelten Höchstmengen nach der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (für Methylphenidat 2400 mg). In Österreich ist ein Suchtgiftrezept mit Suchtgiftvignette nötig. Wer mit Stimulanzien reist, braucht für Schengen-Staaten (dazu gehört auch die Schweiz) eine ärztlich ausgefüllte und behördlich beglaubigte Bescheinigung nach Artikel 75 des Schengener Durchführungsübereinkommens, gültig für bis zu 30 Tage. Für Länder ausserhalb des Schengen-Raums gelten eigene Regeln, manche verbieten die Einfuhr bestimmter Stimulanzien ganz. Es lohnt sich, das vor der Buchung bei der Botschaft des Ziellands zu klären.

Herz-Kreislauf-Kontrollen. Vor dem Beginn einer medikamentösen Behandlung fragt die Ärztin nach Herzerkrankungen, Ohnmachtsanfällen, Herzrasen unter Belastung und plötzlichen Todesfällen in der Familie. Gemessen werden Blutdruck, Puls, Gewicht und Grösse. Ein EKG ist nicht routinemässig nötig, wird aber bei auffälliger Vorgeschichte, bekannter Herzerkrankung, Bluthochdruck oder älteren Patientinnen und Patienten empfohlen, dann gegebenenfalls ergänzt durch eine kardiologische Abklärung. Während der Einstellung werden Blutdruck und Puls nach jeder Dosisänderung kontrolliert, danach mindestens alle sechs Monate (so NICE), dazu das Gewicht. Im Mittel steigen unter Stimulanzien und Atomoxetin der Puls um einige Schläge pro Minute und der Blutdruck um wenige mmHg. Bei einem kleinen Teil fällt der Anstieg deutlicher aus. Grosse Registerstudien haben bei Erwachsenen ohne Vorerkrankung kein deutlich erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall gezeigt. Eine schwedische Fall-Kontroll-Studie (JAMA Psychiatry, 2024) fand bei langjähriger Einnahme ein leicht erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, vor allem für Bluthochdruck. Deshalb gehören Blutdruck und Puls bei Langzeitbehandlung fest zu jeder Kontrolle. Schlecht eingestellter Bluthochdruck, schwere Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche und eine Schilddrüsenüberfunktion sind Gegenanzeigen oder verlangen besondere Vorsicht.

Atomoxetin. Atomoxetin hemmt gezielt die Wiederaufnahme von Noradrenalin und erhöht im Stirnhirn auch die Dopaminkonzentration. Es wirkt nicht über das Belohnungssystem, macht nicht abhängig und fällt nicht unter das Betäubungsmittelrecht. Das macht es interessant für Menschen mit aktiver oder früherer Suchterkrankung, für Menschen mit Tics und für alle, die eine Wirkung rund um die Uhr wollen, auch abends und morgens vor der nächsten Einnahme. Der Preis dafür ist Geduld: Die volle Wirkung zeigt sich oft erst nach acht bis zwölf Wochen, und die Effektstärke liegt im Mittel etwas unter derjenigen der Stimulanzien. In den ersten Wochen sind Übelkeit und Müdigkeit häufig, die Einnahme zum Essen oder am Abend hilft. Atomoxetin wird über das Enzym CYP2D6 abgebaut, deshalb sind Wechselwirkungen mit Fluoxetin, Paroxetin und Bupropion zu beachten. Die Fachinformation enthält Warnhinweise zu Suizidgedanken (vor allem bei Kindern und Jugendlichen beobachtet) und zu sehr seltenen Leberschäden. Die S3-Leitlinie 2017 und NICE empfehlen Atomoxetin, wenn Stimulanzien nicht wirken, nicht vertragen werden oder bewusst vermieden werden sollen.

Guanfacin. Guanfacin aktiviert Alpha-2A-Rezeptoren im Stirnhirn und verstärkt so die Signalübertragung in den Netzwerken für Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle. Ursprünglich war es ein Blutdruckmittel, und es senkt Blutdruck und Puls auch heute spürbar. Zugelassen ist die Retardform (Intuniv) in Europa und der Schweiz nur für Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren. Bei Erwachsenen ist der Einsatz Off-Label. Eine kontrollierte Studie bei Erwachsenen zeigte eine Wirkung, die Datenlage ist aber deutlich schmaler als bei Kindern. Der Zulassungsstatus kann sich ändern, Patientinnen und Patienten sollten ihn vor Therapiebeginn mit der Ärztin klären, auch wegen der Kostenübernahme. Guanfacin darf nicht abrupt abgesetzt werden, weil sonst der Blutdruck stark ansteigen kann. Die Dosis wird über mehrere Wochen reduziert. NICE empfiehlt Guanfacin bei Erwachsenen nur nach Rücksprache mit einem spezialisierten ADHS-Zentrum, die S3-Leitlinie 2017 enthält keine Empfehlung für Erwachsene.

Bupropion. Bupropion hemmt die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin, ähnlich wie Methylphenidat, aber schwächer. Zugelassen ist es als Antidepressivum, bei ADHS ist der Einsatz Off-Label. In Studien bei Erwachsenen lag die Wirkung auf ADHS-Symptome im mittleren Bereich, die Studien waren aber klein. Sinnvoll sein kann Bupropion, wenn eine Depression oder eine Nikotinabhängigkeit dazukommt und Stimulanzien nicht in Frage kommen. Weil das Krampfanfallrisiko mit der Dosis steigt, ist es bei Epilepsie, Essstörungen mit Erbrechen und Alkoholentzug kontraindiziert. Die S3-Leitlinie 2017 nennt Bupropion nicht als Standard, NICE empfiehlt es für ADHS nicht.

Viloxazin. Viloxazin war in Europa früher als Antidepressivum im Handel und wurde vom Markt genommen. In den USA ist eine Retardform seit 2021 für Kinder und seit 2022 für Erwachsene mit ADHS zugelassen. In einer zulassungsrelevanten Studie mit etwa 370 Erwachsenen verbesserten sich die Symptome nach sechs Wochen stärker als unter Placebo, der Effekt war klein bis mittel. In der Schweiz, in Deutschland und in Österreich ist Viloxazin nach dem Wissensstand dieser Seite weder zugelassen noch erhältlich. Ein Import über eine Auslandapotheke ist im Einzelfall rechtlich möglich, aber aufwendig, teuer und ohne Kostenübernahme.

Was eine gute Einstellung ausmacht. Die Dosis wird bei Stimulanzien in kleinen Schritten über drei bis sechs Wochen gesteigert, bis die Wirkung gut ist und die Nebenwirkungen tragbar sind. Hilfreich sind Rückmeldungen aus dem Alltag, etwa von der Partnerin oder von Kollegen, und eine Skala, die vor und während der Behandlung ausgefüllt wird. Die Ärztin prüft die Wirkung auf die Kernsymptome und auf Arbeit, Beziehungen, Fahrverhalten und Stimmung. Stimulanzien können bei Bedarf an einzelnen Tagen weggelassen werden, Atomoxetin und Guanfacin nicht. Mindestens einmal im Jahr wird gemeinsam überlegt, ob die Medikation noch nötig ist. Manche machen dazu eine geplante Pause. Bei unklarer Wirkung kann ein zweites Stimulans oder ein Nicht-Stimulans versucht werden. Etwa drei Viertel der Erwachsenen finden nach einem oder zwei Versuchen eine Behandlung, die spürbar hilft.

Psychoedukation, Coaching und KVT für Erwachsene mit ADHS

Medikamente verbessern Konzentration und Impulskontrolle, sie bringen aber keine neuen Gewohnheiten bei. Viele Erwachsene haben über Jahre Strategien entwickelt, die nicht mehr tragen, oder sich ein Selbstbild zurechtgelegt, das aus "faul", "chaotisch" und "zu viel" besteht. Hier setzen die nicht-medikamentösen Verfahren an.

Psychoedukation steht am Anfang jeder Behandlung. Betroffene und, wenn sie möchten, ihre Partnerinnen oder Partner lernen, wie ADHS entsteht, welche Symptome dazugehören, was Medikamente leisten und was nicht, und wie sich ADHS auf Beziehungen, Arbeit und Geld auswirkt. Viele beschreiben die Diagnose und die Aufklärung als Entlastung, manche auch als Trauer über verlorene Jahre. Beides hat Platz. Psychoedukation gibt es als Einzelgespräch, in Gruppen in psychiatrischen Ambulanzen, über Selbsthilfeorganisationen und in guten Ratgebern.

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist das am besten untersuchte psychotherapeutische Verfahren für Erwachsene mit ADHS. Sie arbeitet an Organisation und Planung (Kalender, Listen, Aufgaben in kleine Schritte zerlegen), am Umgang mit Ablenkbarkeit, an Aufschieben, an Gefühlsregulation und an negativen Denkmustern. In einer amerikanischen Studie (Safren und Kollegen, JAMA, 2010) mit 86 bereits medikamentös behandelten Erwachsenen verbesserten zwölf KVT-Sitzungen die Symptome deutlich stärker als Entspannungstraining mit Unterstützung, und der Effekt hielt über zwölf Monate an. Im deutschsprachigen Raum ist das Freiburger Konzept bekannt, ein Gruppenprogramm mit Elementen der dialektisch-behavioralen Therapie, das Achtsamkeit, Gefühlsregulation, Impulskontrolle und Selbstorganisation trainiert. In der grossen deutschen COMPAS-Studie (Philipsen und Kollegen, JAMA Psychiatry, 2015) mit 433 Erwachsenen war Methylphenidat wirksamer als Placebo. Das strukturierte Gruppenprogramm war aber nicht besser als regelmässige ärztliche Einzelgespräche. Die Studie zeigt, dass Medikation und eine verlässliche Begleitung beide wichtig sind, und dass die Form der Begleitung weniger entscheidend sein könnte als vermutet. Die S3-Leitlinie 2017 empfiehlt für Erwachsene Psychotherapie, vor allem KVT, als Teil der Behandlung, auch kombiniert mit Medikamenten. NICE rät, KVT anzubieten, wenn Medikamente nicht gewünscht sind, nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden.

Achtsamkeitsbasierte Programme zeigen in kleineren Studien positive Effekte auf Aufmerksamkeit, Stimmung und Gefühlsregulation. Die Evidenz ist schwächer als bei KVT, für viele sind sie aber eine gute Ergänzung.

ADHS-Coaching ist praktisch ausgerichtet: Ziele setzen, Wochen planen, Routinen aufbauen, an Terminen dranbleiben. Coaching kann im Alltag viel bewirken, die wissenschaftliche Datenlage ist aber dünn, und "ADHS-Coach" ist in keinem der drei Länder eine geschützte Berufsbezeichnung. Seriöse Coaches haben eine anerkannte Grundausbildung, etwa in Psychologie, Sozialarbeit oder Ergotherapie, arbeiten transparent mit festen Preisen und verweisen bei Depression, Sucht oder Krisen an Fachpersonen. Coaching wird von der Grundversicherung, der GKV und der ÖGK in der Regel nicht übernommen. Ergotherapie mit Schwerpunkt Alltagsorganisation kann auf ärztliche Verordnung übernommen werden.

Weitere Bausteine sind Paarberatung, wenn ADHS die Beziehung belastet, Schuldenberatung bei finanziellen Folgen von Impulsivität, Ausdauersport (mehrere Studien zeigen kurzfristige Verbesserungen von Aufmerksamkeit und Stimmung) und eine geregelte Schlafhygiene. Schlafprobleme sind bei ADHS sehr häufig, ein Teil der Betroffenen hat einen verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus. Am Arbeitsplatz helfen ruhige Arbeitsplätze, Kopfhörer, klare Prioritäten, schriftliche Aufträge und flexible Arbeitszeiten. Ob man die Diagnose dem Arbeitgeber mitteilt, ist eine persönliche Entscheidung, eine Pflicht dazu besteht nicht.

Lieferengpässe bei Stimulanzien seit 2023

Seit Herbst 2022 kommt es international immer wieder zu Lieferengpässen bei ADHS-Medikamenten. In den USA meldete die Arzneimittelbehörde FDA im Oktober 2022 einen Engpass bei Amphetamin-Mischsalzen, später folgten Lisdexamfetamin und einzelne Methylphenidat-Präparate. In Europa waren ab 2023 vor allem Lisdexamfetamin und verschiedene retardierte Methylphenidat-Präparate (darunter Generika von Concerta und Medikinet adult) betroffen. In Deutschland führte das BfArM mehrere Präparate in seiner Datenbank zu Lieferengpässen, in Grossbritannien gab das Gesundheitsministerium 2023 eine offizielle Warnung an Ärztinnen und Apotheken heraus. Auch in der Schweiz und in Österreich waren einzelne Wirkstärken zeitweise nicht lieferbar.

Die Gründe liegen auf mehreren Ebenen. Die Nachfrage ist stark gestiegen, gerade durch mehr Diagnosen bei Erwachsenen. Die Herstellung von Betäubungsmitteln ist streng kontingentiert, die Mengen der Wirkstoffe werden international über Quoten festgelegt und können nicht kurzfristig erhöht werden. Dazu kommen Produktionsprobleme bei einzelnen Herstellern und die Konzentration der Wirkstoffproduktion auf wenige Standorte.

Was Betroffene tun können:

  • Früh nachfragen. Rezepte nicht erst am letzten Tag einlösen. Bei einem BtM-Rezept in Deutschland ist das wegen der kurzen Gültigkeit von sieben Tagen besonders wichtig. Viele Apotheken können vorab prüfen, ob ein Präparat verfügbar ist, und es reservieren.
  • Mit der Ärztin einen Plan B vereinbaren. Bei Methylphenidat ist ein Wechsel auf ein anderes Retardpräparat oft möglich, die Präparate sind aber nicht eins zu eins austauschbar, weil sich Sofort- und Verzögerungsanteil unterscheiden. Eine Umstellung sollte ärztlich begleitet werden. In Deutschland braucht jede Änderung ein neues BtM-Rezept.
  • Nicht eigenmächtig strecken oder teilen. Retardkapseln und -tabletten dürfen je nach Präparat nicht geteilt oder zerkaut werden. Wer die Dosis reduzieren muss, bespricht das vorher.
  • Keine Medikamente aus unsicheren Quellen. Stimulanzien aus dem Internet ohne Rezept oder von Bekannten sind illegal und oft gefälscht.

Bei einem Engpass müssen Stimulanzien nicht ausgeschlichen werden, ein abrupter Unterbruch ist körperlich nicht gefährlich. Viele erleben aber in den Tagen danach Müdigkeit, schlechte Stimmung, Gereiztheit und eine Rückkehr der ADHS-Symptome. Im Arbeitsalltag und im Strassenverkehr lohnt sich dann besondere Vorsicht.

ADHS und Autofahren, Alkohol, Cannabis, Schwangerschaft

Autofahren. Unbehandelte ADHS erhöht das Risiko für Verkehrsunfälle, durch Ablenkung, Geschwindigkeitsüberschreitungen und impulsive Manöver. Eine schwedische Registerstudie mit über 17 000 Erwachsenen mit ADHS (Chang und Kollegen, JAMA Psychiatry, 2017) fand bei Männern in Phasen mit Medikation etwa 38 Prozent weniger schwere Verkehrsunfälle als in Phasen ohne. Bei gut eingestellter Medikation verbessert sich die Fahrtüchtigkeit bei den meisten. In der Einstellungsphase und nach Dosisänderungen ist Vorsicht nötig, bis klar ist, wie das Medikament wirkt. Rechtlich gilt in allen drei Ländern: Wer ein ärztlich verschriebenes Medikament bestimmungsgemäss einnimmt und fahrtüchtig ist, darf fahren. In Deutschland nimmt Paragraf 24a des Strassenverkehrsgesetzes die bestimmungsgemässe Einnahme verschriebener Arzneimittel von der Ordnungswidrigkeit aus, in der Schweiz gilt die Nulltoleranz für Amphetamin nicht bei ärztlicher Verschreibung. Es ist sinnvoll, eine Kopie des Rezepts oder eine ärztliche Bescheinigung im Auto mitzuführen. Medikamente aus fremden Quellen sind davon nicht gedeckt. Wer am späten Abend fährt, sollte bedenken, dass kurz wirksame Präparate dann oft schon nachgelassen haben.

Alkohol. Erwachsene mit ADHS haben ein etwa doppelt so hohes Risiko für Alkohol- und andere Suchterkrankungen. Schwedische Registerdaten deuten darauf hin, dass eine Behandlung mit Stimulanzien dieses Risiko nicht erhöht, sondern eher senkt. Alkohol und Stimulanzien vertragen sich trotzdem schlecht. Stimulanzien überdecken die dämpfende Wirkung des Alkohols, man fühlt sich nüchterner, als man ist, und trinkt leicht mehr. Bei einigen Retardpräparaten kann Alkohol die Freisetzung beschleunigen, und Methylphenidat bildet zusammen mit Alkohol in der Leber eine zusätzliche wirksame Substanz (Ethylphenidat). Gelegentlich ein Glas ist für die meisten unproblematisch, regelmässiger oder hoher Konsum gehört in die Sprechstunde. Bei Alkoholabhängigkeit wird meist zuerst die Sucht behandelt oder gleichzeitig Atomoxetin eingesetzt.

Cannabis. Viele Erwachsene mit ADHS berichten, dass Cannabis sie beruhigt und beim Einschlafen hilft. Belastbare Belege für eine Wirkung auf ADHS-Symptome fehlen. Die einzige kleine kontrollierte Studie mit einem Cannabis-Mundspray (Cooper und Kollegen, European Neuropsychopharmacology, 2017, 30 Teilnehmende) zeigte beim Hauptziel keinen signifikanten Unterschied zu Placebo. Regelmässiger Cannabiskonsum verschlechtert Gedächtnis, Antrieb und Konzentration, erhöht das Risiko für Psychosen und Abhängigkeit und kann die Wirkung von ADHS-Medikamenten überdecken. Weder die S3-Leitlinie noch NICE empfehlen Cannabis bei ADHS. Im Strassenverkehr gelten strenge Regeln: In der Schweiz und in Österreich gilt für THC eine Nulltoleranz, in Deutschland seit August 2024 ein Grenzwert von 3,5 Nanogramm THC pro Milliliter Blutserum, und das Mischen mit Alkohol ist für Fahrerinnen und Fahrer verboten. Die Teillegalisierung in Deutschland seit April 2024 ändert nichts an der medizinischen Einschätzung.

Schwangerschaft und Stillzeit. Wer schwanger werden möchte oder schwanger ist, sollte die Medikation mit der behandelnden Ärztin besprechen, am besten schon vor der Schwangerschaft. Für Methylphenidat gibt es die meisten Daten. Grosse Registerstudien (unter anderem Huybrechts und Kollegen, JAMA Psychiatry, 2018, mit über 1,8 Millionen Schwangerschaften) zeigten kein deutlich erhöhtes Gesamtrisiko für Fehlbildungen. Für Herzfehlbildungen fand sich ein kleiner möglicher Anstieg (relatives Risiko etwa 1,3), der sich in anderen Auswertungen nicht bestätigte. Für Amphetamine sind die Daten ähnlich beruhigend, aber weniger umfangreich, für Atomoxetin und Guanfacin dünn. Das Pharmakovigilanzzentrum Embryotox (Charité Berlin) nennt Methylphenidat als Mittel der Wahl, wenn in der Schwangerschaft eine Behandlung nötig ist. Ob weiterbehandelt wird, hängt davon ab, wie stark die ADHS den Alltag, das Autofahren und die Stimmung beeinträchtigt. Viele Frauen pausieren, andere reduzieren die Dosis, wieder andere bleiben bei der bisherigen Behandlung. Nach der Geburt steigt das Risiko für eine Depression, bei Frauen mit ADHS zusätzlich. Methylphenidat geht nur in geringer Menge in die Muttermilch über und gilt in der Stillzeit bei gesunden, reif geborenen Säuglingen als vertretbar. Bei den anderen Wirkstoffen ist die Datenlage schmaler.

Wenn es nicht mehr geht. ADHS ist mit einem erhöhten Risiko für Depression und Suizidgedanken verbunden, besonders bei zusätzlicher Depression, Sucht oder nach Krisen wie Jobverlust oder Trennung. Bei Suizidgedanken sofort Hilfe holen: in der Schweiz Die Dargebotene Hand (143), Pro Juventute (147) für Jugendliche, Notruf 144; in Deutschland die TelefonSeelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222), Notruf 112; in Österreich die TelefonSeelsorge (142), Rat auf Draht (147), Notruf 144.

Erfahrungsberichte

Was Patienten erzählen

Die Erfahrungsberichte sind redaktionell verfasste, anonymisierte Beispiele auf Basis typischer Therapieverläufe. Sie ersetzen keine medizinische Beratung.

Bericht 1

Erfolg

"Beim Abklärungsgespräch meines Sohnes habe ich jede Frage für mich selbst beantwortet"

Marco B., 38, Winterthur (CH)

Therapiedauer
14 Monate
Therapie
Methylphenidat retard (Concerta) 54 mg am Morgen, Psychoedukation

Unser Sohn Luca war acht, als die Lehrerin zum dritten Mal anrief. Er stehe auf, rede rein, vergesse die Hausaufgaben, sei aber eigentlich ein heller Kopf. Wir sind dann zum Kinderpsychiater. Der hat uns Eltern einen Fragebogen über Lucas Verhalten gegeben, und dazu ein paar Fragen zur Familie. Ob jemand in der Verwandtschaft ähnlich gewesen sei. Meine Frau hat mich angeschaut und gelacht. Ich habe nicht gelacht.

Ich war genau so. In der Sekundarschule hatte ich Einträge ohne Ende, in der Lehre als Elektroinstallateur habe ich zweimal fast die Abschlussprüfung vermasselt, weil ich die Theorie nie rechtzeitig angefangen habe. Später habe ich mich selbständig gemacht, und das lief erstaunlich gut, solange es auf der Baustelle brannte. Offerten schreiben, Rechnungen stellen, Mahnungen beantworten: Das blieb liegen. Einmal hatte ich offene Rechnungen über 40 000 Franken, die ich einfach nicht verschickt hatte. Meine Frau hat das irgendwann übernommen, und darüber haben wir viel gestritten.

Bericht 2

Erfolg

"Zwölf Jahre lang war ich die depressive Frau mit den Angstattacken"

Sabine K., 42, Bielefeld (DE)

Therapiedauer
10 Monate
Therapie
Lisdexamfetamin (Elvanse Adult) 50 mg, vorher Sertralin, Verhaltenstherapie

Mit 29 habe ich die erste Diagnose bekommen: mittelgradige depressive Episode. Mit 33 kam die generalisierte Angststörung dazu. Ich habe drei Antidepressiva ausprobiert, zwei Verhaltenstherapien gemacht und war einmal acht Wochen in einer psychosomatischen Klinik im Sauerland. Es wurde immer etwas besser und dann wieder schlechter. Ich dachte irgendwann, ich bin halt so ein Fall, bei dem nichts richtig greift.

Die Wende kam über meine Kollegin. Ich arbeite in der Personalabteilung eines Logistikunternehmens, und sie hat mir in der Mittagspause erzählt, dass bei ihr mit 40 ADHS festgestellt wurde. Sie hat ihren Alltag beschrieben: drei angefangene Dinge gleichzeitig, das schlechte Gewissen wegen vergessener Geburtstage, die Erschöpfung vom ständigen Kompensieren. Ich bin danach auf die Toilette gegangen und habe geheult. Das war mein Leben, nur dass ich es immer Angst genannt hatte.

Bericht 3

Erfolg

"Ich wollte keine Tabletten, und das musste ich niemandem rechtfertigen"

Herbert W., 56, Linz (AT)

Therapiedauer
18 Monate
Therapie
ADHS-Coaching, KVT-Gruppe (12 Sitzungen), Struktur-Tools, keine Medikation

Ich bin Vermessungstechniker, seit 31 Jahren im selben Büro. Meine Diagnose habe ich mit 54 bekommen, nachdem mein Enkel abgeklärt worden ist und meine Tochter gesagt hat: Papa, das bist ja du. Ich habe zuerst abgewunken. Mit 54 noch eine Diagnose, wozu?

Der Hausarzt hat mich trotzdem zu einem Psychiater geschickt. Dort war die Sache nach zwei Terminen recht eindeutig, eher der unaufmerksame Typ. Hyperaktiv war ich als Bub schon, aber das hat sich irgendwann ins Innere verlagert. Ich sitz im Meeting und bin gedanklich im Garten, beim Auto, bei einem Problem von vor drei Wochen.

Bericht 4

Erfolg

"Drei Studiengänge abgebrochen, und beim vierten habe ich endlich verstanden, warum"

Jonas F., 24, Freiburg im Breisgau (DE)

Therapiedauer
2 Jahre
Therapie
Methylphenidat retard (Medikinet adult) 40 mg plus 10 mg nicht retardiert am Nachmittag, Nachteilsausgleich, Lerncoaching

Erst Maschinenbau in Karlsruhe, zwei Semester. Dann Informatik, drei Semester. Dann Geografie, ein Semester, das ich eigentlich nur noch formal studiert habe. In jeder Klausurenphase das gleiche Muster: Ich wusste genau, was ich lernen musste, habe mich hingesetzt und dann sechs Stunden YouTube geschaut. Am Tag vor der Prüfung die Panik, dann eine Nacht durch, dann durchgefallen oder knapp bestanden. Meinen Eltern habe ich lange erzählt, alles laufe gut.

Nach dem dritten Abbruch war ich ziemlich am Boden. Ich habe in einem Fahrradladen gejobbt und gedacht, ich bin einfach zu dumm fürs Studium. Ein Kumpel aus der WG hat mich dann zur psychologischen Beratungsstelle vom Studierendenwerk geschleppt. Die Beraterin hat nach zwanzig Minuten gefragt, ob ich mal an ADHS gedacht habe. Hatte ich nicht. Ich dachte, ADHS haben Kinder, die auf Tischen tanzen.

Bericht 5

In Anpassung

"Die Konzentration war endlich da, aber ich habe kaum mehr gegessen und nicht mehr geschlafen"

Lea S., 29, Bern (CH)

Therapiedauer
5 Monate
Therapie
Methylphenidat retard (Ritalin LA) 30 mg, Zeitpunkt und Dosis angepasst

Ich bin Pflegefachfrau im Schichtdienst, und genau das hat die Sache kompliziert gemacht. Meine Diagnose kam vor gut einem halben Jahr, nachdem ich zweimal einen Medikamentenfehler fast gemacht hätte. Fast. Beide Male hat eine Kollegin es gemerkt. Danach habe ich mich krankschreiben lassen, weil ich mir selbst nicht mehr getraut habe.

Die Psychiaterin hat mir Ritalin LA verschrieben, Start mit 20 mg, nach zwei Wochen 30 mg, dann 40 mg. Bei 40 mg war ich bei der Arbeit so klar wie noch nie. Ich habe die Übergabe im Kopf behalten, ohne Zettelwirtschaft. Ich war richtig euphorisch deswegen.

Bericht 6

In Anpassung

"Um halb vier wurde ich jeden Tag ein anderer Mensch, und meine Familie hat das abbekommen"

Thomas G., 47, Leipzig (DE)

Therapiedauer
9 Monate
Therapie
zuerst Methylphenidat retard (Medikinet adult) 30 mg, seit 6 Wochen Lisdexamfetamin (Elvanse Adult) 30 mg

Ich bin Projektleiter bei einem Energieversorger, verheiratet, zwei Töchter im Teenageralter. Die Diagnose kam letztes Jahr, nach einem langen Weg über eine Psychotherapeutin, die wegen meiner Reizbarkeit eigentlich an eine Depression dachte.

Medikinet adult hat am Vormittag hervorragend gewirkt. Ich habe zum ersten Mal seit Jahren eine Lenkungskreisvorlage ohne Nachtschicht fertig bekommen. Mein Chef hat gefragt, ob ich im Urlaub war. Ich nehme die Kapsel um sieben, zum Frühstück, wie es sein soll.

Bericht 7

Frühe Phase

"Mein Handy hat mir gesagt, dass ich ADHS habe, und ich wollte wissen, ob das stimmt"

Nina R., 22, Wien (AT)

Therapiedauer
2 Monate seit Erstgespräch, Diagnostik läuft
Therapie
noch keine, Abklärung an einer Spezialambulanz

Es fing mit einem Video an. Eine junge Frau erklärt, dass man ADHS haben könnte, wenn man beim Duschen fünf Lieder im Kopf gleichzeitig hört und Wäsche wochenlang auf dem Sessel liegen lässt. Ich habe gelacht und das nächste geschaut. Nach einer Woche war meine ganze Startseite voll damit. Und ich habe mich in fast allem wiedererkannt.

Ich studiere Publizistik und arbeite nebenbei in einem Café. Ich verliere ständig Sachen, ich komme zu spät, ich fange fünf Hausarbeiten an und gebe sie dann alle in der letzten Nacht ab. In der Schule war ich trotzdem gut, deshalb hat nie jemand was gesagt.

Bericht 8

Abgesetzt

"Die Übelkeit hätte ich ausgehalten. Das andere nicht."

Markus T., 41, Köln (DE)

Therapiedauer
5 Monate
Therapie
Atomoxetin (Strattera) bis 80 mg, abgesetzt, danach Methylphenidat retardiert in Planung

Diagnostiziert wurde ich mit 39, nachdem mein Sohn in der zweiten Klasse seine ADHS-Diagnose bekam und ich beim Lesen der Fragebögen dachte: Das bin ja ich. Beim Psychiater habe ich dann den ASRS ausgefüllt, 49 von 72 Punkten, dazu ein langes Interview mit meiner Mutter am Telefon über meine Schulzeit. Ich arbeite als Disponent bei einer Spedition, und die Fehler, die mir passieren, sind teuer: falsche Rampe, vergessener Rückruf, ein LKW, der leer zurückfährt.

Der Arzt hat mir Atomoxetin vorgeschlagen, weil ich früher mal eine Phase mit zu viel Alkohol hatte und er bei mir lieber mit etwas ohne Missbrauchspotenzial anfangen wollte. Das fand ich vernünftig. Er hat mir auch gesagt, dass es Wochen dauert, bis man etwas merkt, und dass Übelkeit am Anfang häufig ist.

Bericht 9

Abgesetzt

"Mein Herz hat schneller gearbeitet als mein Kopf."

Sandra K., 47, St. Gallen (CH)

Therapiedauer
14 Monate (8 Monate Methylphenidat, seit 6 Monaten Atomoxetin)
Therapie
Methylphenidat retardiert bis 54 mg, abgesetzt, Wechsel auf Atomoxetin 80 mg

Ich bin Pflegefachfrau auf einer chirurgischen Station, und ausgerechnet ich habe meinen eigenen Puls lange ignoriert. Die ADHS-Diagnose kam mit 46, nach Jahren, in denen ich mich für schlampig und überempfindlich hielt. Meine Hausärztin hat mich zur Psychiaterin geschickt, die Abklärung hat fast ein halbes Jahr gedauert. Vor dem Start hat sie Blutdruck, Puls und ein EKG gemacht, alles unauffällig, 128 zu 82, Puls 72.

Methylphenidat war für mich am Anfang eine Offenbarung. Mit 36 mg konnte ich zum ersten Mal eine Übergabe machen, ohne Notizen auf dem Handrücken. Wir sind auf 54 mg hoch, weil die Wirkung nach dem Mittag nachliess. Der ASRS ging von 51 auf 27. Ich habe geweint, als ich das Ergebnis sah, ehrlich.

Bericht 10

Erfolg

"Ich hab zehn Jahre lang mein Hirn leiser gedreht, statt es zu verstehen."

Florian H., 33, Graz (AT)

Therapiedauer
16 Monate (Abstinenz seit 18 Monaten)
Therapie
Ambulante Suchtbehandlung, danach Methylphenidat retardiert 40 mg, Gruppe für Erwachsene mit ADHS

Den ersten Joint hab ich mit 19 geraucht und mir gedacht: Ah, so fühlen sich die anderen also die ganze Zeit. Ruhig. Mit 23 war ich bei drei, vier Joints am Tag, später beim ersten schon in der Früh, sonst bin ich gar nicht aus dem Bett gekommen. Ich hab Mechatronik studiert und nach dem fünften Semester abgebrochen. Gejobbt hab ich als Lagerist, als Fahrer, im Callcenter. Nirgends länger als ein Jahr.

Dass ich ADHS haben könnte, hat mir zuerst eine Ex-Freundin gesagt, im Streit. Ich hab gelacht. Erst mit 31, als mein Hausarzt beim Gesundheitscheck nach meinem Konsum gefragt hat und ich zum ersten Mal ehrlich war, ist was ins Rollen gekommen. Er hat mich zu einer Suchtberatungsstelle geschickt. Die Psychologin dort hat schon im zweiten Gespräch gefragt, wie ich als Kind war. Meine Zeugnisse hab ich noch: «Florian stört den Unterricht», dritte Klasse, vierte Klasse, immer dasselbe.

Bericht 11

Erfolg

"Die Werkstatt hab ich immer im Griff gehabt. Das Büro hat mich fast ruiniert."

Beat R., 50, Langnau im Emmental (CH)

Therapiedauer
2 Jahre
Therapie
Methylphenidat retardiert 36 mg an Arbeitstagen, ADHS-Coaching, feste Büroroutine mit Partnerin

Ich bin Schreiner, seit 22 Jahren selbständig, mit einem Lehrling und einem Angestellten. Eine Küche planen, einen Einbauschrank auf den Millimeter, das kann ich im Schlaf. Was ich nie konnte, sind Offerten, Rechnungen, Mehrwertsteuer. Vor drei Jahren lagen bei mir etwa 40'000 Franken an Arbeit, die schon fertig war, aber nie verrechnet. Einfach liegengeblieben. Dazu eine Mahnung von der Steuerverwaltung und eine Busse, weil die MWST-Abrechnung zu spät war.

Meine Partnerin Ruth, wir sind seit acht Jahren zusammen, hat dann gesagt: So geht das nicht mehr. Sie hat einen Artikel über ADHS bei Erwachsenen gelesen und mir hingelegt. Ich hab ihn eine Woche liegen lassen, typisch. Dann hab ich ihn gelesen und mich darin gefunden, bis zu dem Satz mit den Schlüsseln, die man fünfmal am Tag sucht.

Bericht 12

In Anpassung

"Ich habe mehr Apotheken von innen gesehen als in meinem ganzen Leben vorher."

Nadine B., 38, Hannover (DE)

Therapiedauer
3 Jahre (davon 5 Monate Umstellung)
Therapie
Lisdexamfetamin (Elvanse Adult) 50 mg, wegen Lieferengpass Umstellung auf 30 mg plus 20 mg, derzeit Methylphenidat retardiert als Überbrückung

Zweieinhalb Jahre lief alles gut. Ich bin Projektleiterin in einer Agentur für Messebau, Lisdexamfetamin 50 mg morgens um sechs, und mein Tag hatte endlich eine Struktur. ASRS bei 25, vorher 50. Dann kam der Anruf meiner Stammapotheke: Die 50er Kapseln seien nicht lieferbar, voraussichtlich mehrere Wochen.

Was danach kam, war absurd. Lisdexamfetamin ist ein Betäubungsmittel, ich brauche also jedes Mal ein BtM-Rezept, und das ist nur ein paar Tage gültig. Meine Psychiaterin hat zuerst einfach ein neues Rezept für 50 mg ausgestellt, damit ich andere Apotheken abklappern kann. Ich habe an einem Vormittag elf Apotheken angerufen. Drei hatten noch Packungen, eine davon in Langenhagen, also hin. Die nächste Packung, ein Monat später, war schon nirgends mehr zu finden.

Bericht 13

Frühe Phase

"Erst mit Baby ist mir aufgefallen, wie viel ich all die Jahre kompensiert habe."

Lea M., 35, Freiburg im Breisgau (DE)

Therapiedauer
8 Wochen
Therapie
Methylphenidat retardiert, derzeit 27 mg, Beratung zu Kinderwunsch und Medikation

Vor der Geburt meiner Tochter habe ich mein Leben mit Listen, Wecker und einem Partner zusammengehalten, der früh aufsteht. Ich bin Bauingenieurin, ich kann organisieren, solange ich mir meine Zeit einteilen darf. In der Elternzeit war das vorbei. Ein Baby hält sich an keine Liste. Ich habe Fläschchen auf dem Herd vergessen, einmal den Kinderwagen vor der Bäckerei stehen lassen, mit Kind drin, für vielleicht eine Minute. Das hat mir eine Heidenangst gemacht.

Die Hebamme hat zuerst an eine postpartale Depression gedacht. Ich war erschöpft, das schon, aber nicht traurig. Eher ständig überfordert und reizbar, weil alles gleichzeitig auf mich einprasselte: Weinen, Waschmaschine, Nachrichten im Elternchat. Die Frauenärztin hat mich dann zur Psychiaterin überwiesen, und die hat nach zwei Terminen gesagt: Ich glaube, das ist ADHS, und zwar schon lange. Meine Grundschulzeugnisse hatten diese Bemerkungen über Träumerei, die Mädchen damals halt bekamen.

Bericht 14

Frühe Phase

"Ich bin nicht dumm gewesen. Ich hab nur nie gewusst, wie mein Kopf funktioniert."

Gerhard W., 56, Linz (AT)

Therapiedauer
4 Wochen seit Diagnose
Therapie
Psychoedukationsgruppe, Medikation noch nicht begonnen

Vor vier Wochen hat mir eine Psychiaterin gesagt, dass ich ADHS habe. Ich bin 56, Versicherungskaufmann, zweimal geschieden, zwei erwachsene Kinder. Die Diagnose hat mir nicht der Leidensdruck eingebracht, sondern mein Enkel. Bei ihm wurde es abgeklärt, und meine Tochter hat beim Abendessen gesagt: Papa, das klingt alles wie du.

Die Abklärung hat drei Termine gedauert. Ein strukturiertes Interview, Fragebögen zu jetzt und zu meiner Kindheit, die Wender-Utah-Skala, und meine ältere Schwester hat einen Bogen über mich als Volksschüler ausgefüllt. Das Ergebnis war eindeutig, sagt die Ärztin. ASRS 52, die Kindheitsskala auch klar über dem Grenzwert.

Versorgung & Kosten

Vom ersten Gespräch zur Begleitung

1

Verdacht und Screening

Der Anstoss kommt oft von aussen: ein Artikel, die Diagnose beim eigenen Kind, eine Kollegin, die von sich erzählt. Ein Selbsttest wie die ASRS v1.1 der WHO (sechs Screeningfragen) oder die Kurzform der Wender Utah Rating Scale (WURS-K, Rückblick auf die Kindheit) kann einen Verdacht stützen, eine Diagnose ersetzt er nicht. Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis. Sie klärt körperliche Ursachen ab, etwa Schilddrüse, Eisenmangel, Schlafapnoe und Medikamente, und überweist an die Psychiatrie.

2

Diagnostik in der Psychiatrie

Die Diagnose stellt eine Fachärztin oder ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, oft in einer spezialisierten ADHS-Sprechstunde, oder eine entsprechend erfahrene Psychologin. Dazu gehören ein ausführliches Gespräch zur Lebensgeschichte, ein strukturiertes Interview (zum Beispiel DIVA-5), Fragebögen zu aktuellen Symptomen und die Fremdanamnese: Eltern, Geschwister oder Partnerinnen schildern, wie sie die Person erleben und erlebt haben. Weil ADHS vor dem 12. Lebensjahr beginnt, braucht es einen Kindheitsnachweis, etwa Schulzeugnisse mit Bemerkungen zu Verhalten und Mitarbeit, frühere Berichte oder Aussagen der Eltern. Gleichzeitig werden andere Erklärungen und Begleiterkrankungen geprüft, vor allem Depression, bipolare Störung, Angst, Sucht, Borderline-Persönlichkeit und Autismus. Die Diagnostik umfasst meist zwei bis vier Termine.

3

Therapieplan

Nach der Diagnose wird gemeinsam besprochen, was im Vordergrund steht, und es wird ein Plan aufgestellt: Psychoedukation, Medikament ja oder nein und wenn ja welches, Psychotherapie oder Coaching, Behandlung von Begleiterkrankungen. Vor einer medikamentösen Behandlung folgen Blutdruck, Puls, Gewicht und je nach Vorgeschichte ein EKG. Die Einstellung auf ein Stimulans dauert meist drei bis sechs Wochen mit Kontrollen alle ein bis zwei Wochen, oft auch telefonisch.

4

Begleitung

Ist die Einstellung abgeschlossen, folgen Kontrollen alle drei bis sechs Monate, mit Blutdruck, Puls, Gewicht, Fragen zu Schlaf, Stimmung und Alltag. Folgerezepte stellt je nach Land und Absprache die Psychiaterin oder die Hausärztin aus. Einmal im Jahr wird überprüft, ob die Behandlung noch passt und nötig ist. Bei Lebensveränderungen wie neuer Stelle, Schwangerschaft oder Wechseljahren wird der Plan angepasst.

Der Engpass liegt in allen drei Ländern bei der Diagnostik. Die Zahl der Anfragen ist seit etwa 2020 stark gestiegen, die Zahl der Psychiaterinnen mit ADHS-Erfahrung für Erwachsene nicht im gleichen Mass. Wartezeiten von mehreren Monaten bis über einem Jahr sind verbreitet, auf dem Land und an Universitätskliniken oft länger als in Privatpraxen. Wer wartet, kann die Zeit nutzen: Schulzeugnisse und alte Berichte suchen, Eltern oder Geschwister um eine schriftliche Schilderung bitten, über zwei bis vier Wochen notieren, wo der Alltag hakt. Das verkürzt die Diagnostik und macht sie genauer.

Schweiz. Die Diagnostik bei Psychiaterinnen und Psychiatern ist eine Leistung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP), mit Franchise und 10 Prozent Selbstbehalt bis höchstens 700 Franken pro Jahr. Psychologische Diagnostik durch psychologische Psychotherapeutinnen wird über das Anordnungsmodell abgerechnet, wenn eine ärztliche Anordnung vorliegt. Neuropsychologische Tests werden nicht in jedem Fall übernommen, eine vorherige Abklärung mit der Krankenkasse lohnt sich. Methylphenidat-, Lisdexamfetamin- und Atomoxetin-Präparate stehen auf der Spezialitätenliste, teils mit Limitationen. Für Off-Label-Anwendungen braucht es eine Kostengutsprache der Krankenkasse nach Artikel 71a bis 71d der Krankenversicherungsverordnung, die nicht garantiert ist. Verschrieben werden Stimulanzien auf einem amtlichen Betäubungsmittelrezept, das die kantonalen Behörden an die Ärztinnen abgeben.

Deutschland. Die Diagnostik ist Kassenleistung bei Fachärztinnen für Psychiatrie und Psychotherapie, Nervenheilkunde, Neurologie oder Psychosomatik sowie bei psychologischen Psychotherapeutinnen. Spezialisierte ADHS-Ambulanzen gibt es an vielen Universitätskliniken und psychiatrischen Institutsambulanzen. Nach der Arzneimittel-Richtlinie des G-BA dürfen Stimulanzien nur von Spezialistinnen für Verhaltensstörungen eingeleitet und überwacht werden, Folgerezepte durch die Hausärztin sind nach Absprache möglich. Erstattet werden in der Regel die für Erwachsene zugelassenen Präparate (Medikinet adult, Ritalin Adult, Elvanse Adult, Atomoxetin, Generika). Die Verordnung von unretardiertem Methylphenidat, Concerta oder Dexamfetamin bei Erwachsenen kann je nach Zulassungsstand Off-Label sein und wird dann nicht oder nur nach Antrag übernommen. Hier lohnt sich die Nachfrage, bevor eine Umstellung geplant wird. Die Terminservicestelle 116117 vermittelt Termine bei Fachärztinnen innerhalb von vier Wochen, eine spezialisierte ADHS-Diagnostik ist darüber aber nicht garantiert.

Österreich. Diagnostik bei Fachärztinnen für Psychiatrie mit Kassenvertrag ist kostenlos, Wartezeiten sind aber lang. Bei Wahlärztinnen ohne Kassenvertrag wird ein Teil der Kosten rückerstattet (bei der ÖGK 80 Prozent des Kassentarifs, der deutlich unter dem Wahlarzthonorar liegt). Klinisch-psychologische Diagnostik ist auf Zuweisung Kassenleistung. Medikamente des Erstattungskodex werden übernommen, einige ADHS-Präparate brauchen eine chefärztliche Bewilligung oder fallen unter Regeln zur Verordnung durch Fachärztinnen. Stimulanzien werden auf einem Suchtgiftrezept mit Vignette verschrieben.

Wer verschreibt
CH
Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie stellen Diagnose und leiten die Therapie ein; Folgerezepte auch durch die Hausärztin nach Absprache; Psychotherapie durch psychologische Psychotherapeutinnen auf ärztliche Anordnung
DE
Fachärztinnen für Psychiatrie und Psychotherapie, Nervenheilkunde, Neurologie, Psychosomatik leiten ein (Arzneimittel-Richtlinie des G-BA); Hausärztin für Folgerezepte nach Absprache; Psychotherapie direkt über die psychotherapeutische Sprechstunde
AT
Fachärztinnen für Psychiatrie leiten ein; Folgeverschreibung auch durch Allgemeinmedizinerinnen; Psychotherapie und klinisch-psychologische Behandlung durch eingetragene Berufsgruppen
Wartezeiten Diagnostik
CH
Etwa 3 bis 12 Monate, an Universitätskliniken und in ländlichen Kantonen teils länger
DE
Etwa 6 bis 18 Monate an spezialisierten Ambulanzen, bei Privatpraxen oft kürzer
AT
Etwa 3 bis 12 Monate mit Kassenvertrag, bei Wahlärztinnen meist Wochen
Kosten private Diagnostik
CH
Bei Selbstzahlung oder hoher Franchise etwa 800 bis 2500 Franken, je nach Umfang (Gespräche, Interview, Testpsychologie)
DE
Etwa 500 bis 1500 Euro nach Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ), mit neuropsychologischer Testung teils mehr
AT
Etwa 400 bis 1500 Euro bei Wahlärztinnen oder Wahlpsychologinnen, abzüglich eines Teilersatzes durch die Kasse
Verschreibung
CH
Amtliches Betäubungsmittelrezept, Menge für in der Regel einen Monat, mit Begründung bis drei Monate; Atomoxetin, Guanfacin und Bupropion auf normalem Rezept
DE
BtM-Rezept (gelb, dreiteilig), Einlösung innerhalb von 7 Tagen, Höchstmengen pro 30 Tage nach BtMVV; Off-Label-Problematik für Erwachsene bei manchen Präparaten (unretardiertes Methylphenidat, Dexamfetamin, je nach Stand weitere); Nicht-Stimulanzien auf Kassenrezept
AT
Suchtgiftrezept mit Suchtgiftvignette; Nicht-Stimulanzien auf Kassenrezept; einzelne Präparate mit chefärztlicher Bewilligung
Kostenübernahme Grundversicherung/GKV/ÖGK
CH
OKP übernimmt psychiatrische Diagnostik und Behandlung, Medikamente der Spezialitätenliste (teils mit Limitationen) und Psychotherapie im Anordnungsmodell; Off-Label nur mit Kostengutsprache; Coaching nicht
DE
GKV übernimmt Diagnostik, für Erwachsene zugelassene Medikamente, Psychotherapie und Ergotherapie auf Verordnung; Off-Label in der Regel nicht; Coaching nicht
AT
ÖGK und andere Kassen übernehmen Diagnostik bei Vertragsärztinnen, Medikamente des Erstattungskodex, Psychotherapie auf Kassenplatz oder mit Zuschuss; Coaching nicht
Selbstbehalt und typische Monatskosten
CH
Franchise (300 bis 2500 Franken pro Jahr) plus 10 Prozent Selbstbehalt bis 700 Franken; Methylphenidat retard etwa 40 bis 120 Franken pro Monat je nach Dosis, Lisdexamfetamin etwa 100 bis 150 Franken, Atomoxetin-Generika etwa 50 bis 100 Franken (vor Kostenbeteiligung)
DE
Zuzahlung 10 Prozent des Preises, mindestens 5, höchstens 10 Euro pro Packung; Belastungsgrenze 2 Prozent des Bruttoeinkommens, bei chronischer Erkrankung 1 Prozent; Psychotherapie zuzahlungsfrei
AT
Rezeptgebühr pro Packung (2025 rund 7,55 Euro), Rezeptgebührenobergrenze 2 Prozent des Nettoeinkommens; Befreiung bei geringem Einkommen möglich
Programme und Selbsthilfe
CH
Schweizerische Fachgesellschaft ADHS (SFG ADHS), elpos (Selbsthilfeorganisation, auch für Erwachsene), ADHS-Gruppenprogramme an psychiatrischen Kliniken
DE
ADHS Deutschland e.V. mit Selbsthilfegruppen, zentrales adhs-netz, Gruppenprogramme an Institutsambulanzen, Selbsthilfe über NAKOS
AT
Selbsthilfegruppen über die Selbsthilfe-Dachverbände der Bundesländer, Gruppenangebote an psychiatrischen Ambulanzen, Psychosoziale Dienste
Reha und Hilfsmittel
CH
Stationäre oder tagesklinische Behandlung bei schwerer Begleiterkrankung mit Kostengutsprache; Ergotherapie auf Verordnung
DE
Psychosomatische Reha über die Deutsche Rentenversicherung bei Gefährdung der Erwerbsfähigkeit; Ergotherapie auf Verordnung; Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben; Nachteilsausgleich im Studium
AT
Psychiatrische Rehabilitation über die Pensionsversicherung (PVA); Ergotherapie mit Zuschuss; Unterstützung über das Arbeitsmarktservice und das Netzwerk Berufliche Assistenz
Behörden
CH
Swissmedic (Zulassung, Betäubungsmittelkontrolle), BAG (Spezialitätenliste, Preise), kantonale Heilmittelbehörden (Betäubungsmittelrezepte, Aufsicht)
DE
BfArM mit Bundesopiumstelle (Zulassung, BtM-Rezepte, Lieferengpässe), G-BA (Arzneimittel-Richtlinie)
AT
BASG mit AGES Medizinmarktaufsicht (Zulassung, Sicherheit), Gesundheitsministerium (Suchtmittelrecht), Dachverband der Sozialversicherungsträger (Erstattungskodex)

Die Zahlen zu Wartezeiten und privaten Kosten sind Erfahrungswerte und schwanken je nach Region, Praxis und Umfang der Abklärung stark. Eine gute Diagnostik ist kein Schnelltest. Wer eine private Abklärung erwägt, sollte vorher nachfragen, was im Preis enthalten ist, ob ein schriftlicher Bericht dazugehört und ob die Praxis die Behandlung danach übernimmt oder ob ein Wechsel nötig wird. Ein privater Befund wird von Kassenpraxen meist anerkannt, wenn er nachvollziehbar dokumentiert ist. Darauf verlassen sollte man sich nicht.

Spezialisten finden. Zuständig für Diagnose und medikamentöse Einstellung sind Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie mit Erfahrung in Erwachsenen-ADHS, idealerweise in einer Erwachsenenpsychiatrie mit ADHS-Sprechstunde. Solche Sprechstunden gibt es an vielen Universitätskliniken und grösseren psychiatrischen Kliniken, in der Schweiz etwa in Basel, Bern, Zürich und Lausanne, in Deutschland unter anderem in Frankfurt, Freiburg, Mannheim, Würzburg und Berlin, in Österreich an den Universitätskliniken in Wien, Graz und Innsbruck. Für die Psychotherapie sind psychologische Psychotherapeutinnen mit KVT-Schwerpunkt und ADHS-Erfahrung die richtige Adresse, bei Begleiterkrankungen wie Sucht oder Borderline-Persönlichkeit spezialisierte Ambulanzen. In der Schweiz helfen die Listen der SFG ADHS, das Verzeichnis der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) und der Suchdienst der FSP (psychologie.ch). In Deutschland führen ADHS Deutschland e.V. und das zentrale adhs-netz Adresslisten, dazu kommen die Arztsuche der Kassenärztlichen Vereinigungen und die 116117. In Österreich helfen die Ärztekammern der Bundesländer mit ihrer Arztsuche, die Psychotherapeutenliste des Gesundheitsministeriums und die regionalen Selbsthilfegruppen. Eine gezielte Frage bei der Terminvereinbarung spart Zeit: "Bieten Sie ADHS-Diagnostik für Erwachsene an, und behandeln Sie auch medikamentös?"

Vorsicht bei Online-Diagnoseangeboten. Mit der steigenden Nachfrage sind Anbieter entstanden, die eine ADHS-Diagnose nach einem Online-Fragebogen und einem kurzen Videogespräch versprechen, oft verbunden mit einem schnellen Rezept oder einem Abo-Modell. In den USA erhob das Justizministerium 2024 Anklage gegen Verantwortliche eines grossen Online-Anbieters wegen massenhafter Stimulanzien-Verschreibungen ohne ausreichende Abklärung. In Grossbritannien deckte eine Recherche der BBC 2023 auf, dass private Online-Kliniken Diagnosen nach sehr kurzen Gesprächen stellten. Videosprechstunden sind nicht grundsätzlich unseriös, gerade für Folgekontrollen sind sie praktisch. Warnzeichen sind aber: Diagnose garantiert oder in wenigen Tagen versprochen, keine Fremdanamnese und keine Fragen nach der Kindheit, keine Abklärung von Begleiterkrankungen und körperlichen Ursachen, keine Messung von Blutdruck und Puls vor Rezeptbeginn, Werbung mit Medikamenten statt mit Diagnostik, unklare Qualifikation und unklarer Praxissitz, hohe Vorauszahlungen oder Abos. Stimulanzien dürfen in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich nur auf einem gültigen Betäubungsmittel- beziehungsweise Suchtgiftrezept abgegeben werden, ein Bezug ohne ein solches Rezept ist nicht legal. Ein Befund aus einer oberflächlichen Online-Abklärung wird von Kassenpraxen oft nicht anerkannt, und die Diagnostik muss wiederholt werden. Auch eine falsch negative Einschätzung schadet: Wer nach einem Online-Test "kein ADHS" hört, sucht vielleicht keine richtige Abklärung mehr.

Bei akuter Krise oder Suizidgedanken ist sofort Hilfe wichtig: in der Schweiz Die Dargebotene Hand (143), Pro Juventute (147) für Jugendliche oder Notruf 144, in Deutschland die TelefonSeelsorge (0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222) oder Notruf 112, in Österreich die TelefonSeelsorge (142), Rat auf Draht (147) oder Notruf 144.

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Studien & Updates

Aktuelle Evidenz

Aktuelle Evidenz

Über ADHS bei Erwachsenen wird viel gestritten, in Talkshows und in sozialen Medien. Die Studienlage ist dabei besser, als die Debatte vermuten lässt. Die acht Einträge unten sind Arbeiten, auf die sich Leitlinien und Fachgesellschaften regelmässig stützen: ein grosser Medikamentenvergleich, schwedische und amerikanische Registerdaten zu Unfällen und Kriminalität, Langzeitdaten zum Herz-Kreislauf-Risiko, ein internationaler Konsens, eine deutsche Psychotherapiestudie, Zahlen zur Häufigkeit, die deutsche Leitlinie und die Lieferengpässe der letzten Jahre. Die Zahlen stammen aus den Originalpublikationen. Es sind Durchschnittswerte. Wie Sie selbst auf eine Behandlung ansprechen, lässt sich daraus nicht ablesen.

StudieLancet Psychiatry, 2018-09

Cortese et al., Netzwerk-Metaanalyse zu ADHS-Medikamenten

Samuele Cortese und Kollegen werteten 133 doppelblinde randomisierte Studien mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus, mit Daten von mehr als 18'000 Teilnehmenden. Bei Erwachsenen wirkten Amphetamine (darunter Lisdexamfetamin), Methylphenidat, Bupropion und Atomoxetin nach etwa zwölf Wochen besser als Placebo, Amphetamine am stärksten. Modafinil zeigte bei Erwachsenen keinen Vorteil. Unter Berücksichtigung von Wirkung und Verträglichkeit empfehlen die Autoren Methylphenidat als erste Wahl bei Kindern und Jugendlichen, Amphetamine bei Erwachsenen. Die Analyse erfasst nur die kurzfristige Wirkung. Über Jahre lassen sich daraus keine Schlüsse ziehen.

StudieNEJM, 2012-11, und JAMA Psychiatry, 2017-06

Lichtenstein et al. und Chang et al., Registerstudien zu Kriminalität und Verkehrsunfällen

Paul Lichtenstein und Kollegen verfolgten 25'656 Menschen mit ADHS in schwedischen Registern von 2006 bis 2009. Sie verglichen jede Person mit sich selbst, in Phasen mit und ohne Medikament. Unter Medikation war die Rate registrierter Straftaten bei Männern um 32 Prozent und bei Frauen um 41 Prozent tiefer. Zheng Chang und Kollegen werteten 2017 Versicherungsdaten von 2'319'450 Menschen mit ADHS in den USA aus, ebenfalls im Vergleich mit sich selbst. In Monaten mit Medikation war das Risiko für einen Unfall mit Notfallbehandlung bei Männern um 38 Prozent und bei Frauen um 42 Prozent tiefer. Beides sind Beobachtungsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge, keinen sicheren Beweis für Ursache und Wirkung.

StudieJAMA Psychiatry, 2024-02

Zhang et al., ADHS-Medikamente und Herz-Kreislauf-Risiko

Le Zhang und Kollegen nutzten schwedische Register mit 278'027 Menschen zwischen 6 und 64 Jahren mit ADHS-Diagnose, beobachtet bis zu 14 Jahre (2007 bis 2020). Verglichen wurden 10'388 Personen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung mit passenden Kontrollen ohne Erkrankung. Jedes Jahr Medikation war mit einem um etwa 4 Prozent höheren Risiko verbunden, nach mehr als fünf Jahren lag es um 23 Prozent höher als ohne Medikation. Der Zusammenhang betraf vor allem Bluthochdruck und Erkrankungen der Arterien, weniger Herzinfarkt oder Rhythmusstörungen. Für die Praxis heisst das: Blutdruck und Puls vor Beginn und dann regelmässig kontrollieren, besonders bei langer Einnahme.

StudieNeurosci Biobehav Rev, 2021-09

Faraone et al., International Consensus Statement der World Federation of ADHD

Stephen Faraone koordinierte 80 Autorinnen und Autoren aus 27 Ländern, die 208 Aussagen zu ADHS zusammentrugen. Aufgenommen wurde nur, was durch grosse Metaanalysen oder sehr grosse Studien gestützt ist. Der Konsens beziffert die Häufigkeit bei Erwachsenen auf etwa 2,5 Prozent und die Erblichkeit auf etwa 74 Prozent. ADHS geht laut den Daten mit mehr Unfällen, Suchterkrankungen, Arbeitslosigkeit und einer kürzeren Lebenserwartung einher, wenn sie unbehandelt bleibt. Das Papier ist eine deutliche Antwort auf die Behauptung, ADHS sei eine Erfindung.

StudieJAMA Psychiatry, 2015-12

Philipsen et al., COMPAS-Studie zu Gruppentherapie und Methylphenidat

Die deutsche Multicenterstudie COMPAS teilte 433 Erwachsene an sieben Zentren nach dem Zufallsprinzip in vier Gruppen. Sie erhielten entweder eine strukturierte Gruppenpsychotherapie auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie oder eine Einzelbegleitung mit Beratungsgesprächen, jeweils kombiniert mit Methylphenidat oder Placebo. Die Behandlung lief zwölf Wochen wöchentlich und danach monatlich bis zu einem Jahr. Die Gruppentherapie war der Einzelbegleitung beim Hauptzielkriterium (ADHS-Symptome nach 13 Wochen) nicht überlegen, beide Formen verbesserten die Symptome. Methylphenidat wirkte besser als Placebo, und die Kombination mit Methylphenidat schnitt am besten ab.

StudieJ Glob Health, 2021-02

Song et al., weltweite Häufigkeit von ADHS bei Erwachsenen

Peige Song und Kollegen fassten Studien aus vielen Ländern zusammen. Eine seit der Kindheit anhaltende ADHS fanden sie bei etwa 2,6 Prozent der Erwachsenen. Zählt man alle Erwachsenen mit ausgeprägten ADHS-Symptomen, unabhängig vom Beginn in der Kindheit, kommt man auf etwa 6,8 Prozent. Hochgerechnet auf die Weltbevölkerung 2020 entspricht das rund 140 Millionen beziehungsweise 366 Millionen Menschen. Die Zahlen schwanken stark je nach Land und Messmethode.

StudieAWMF, 2017

S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter

Die deutsche Leitlinie (AWMF-Register 028-045), getragen von den Fachgesellschaften für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychiatrie und Kinderheilkunde, empfiehlt eine Behandlung, die mehrere Bausteine kombiniert. Grundlage ist immer die Psychoedukation, also Information über die Störung für Betroffene und Angehörige. Bei Erwachsenen mit deutlicher Beeinträchtigung soll eine medikamentöse Behandlung angeboten werden, mit Methylphenidat, Lisdexamfetamin oder Atomoxetin. Psychotherapie, vor allem kognitive Verhaltenstherapie, kann ergänzen oder bei leichterer Ausprägung im Vordergrund stehen. Für die Diagnose verlangt die Leitlinie, dass die Symptome schon in der Kindheit bestanden und in mehreren Lebensbereichen stören. Eine Überarbeitung ist in Arbeit. Prüfen Sie im AWMF-Register, ob eine neuere Fassung vorliegt.

StudieFDA und DEA, 2023-08

Lieferengpässe bei Stimulanzien

In den USA meldete die FDA im Oktober 2022 einen Engpass bei Amphetamin-Mischsalzen. Im August 2023 veröffentlichten FDA und DEA einen gemeinsamen Brief: Mehrere Stimulanzien, darunter Methylphenidat- und Amphetamin-Präparate, waren weiterhin knapp, und Hersteller hatten die von der DEA zugeteilten Produktionsmengen nicht ausgeschöpft. Auch in Europa kam es seit 2023 zeitweise zu Lieferschwierigkeiten bei einzelnen Präparaten und Wirkstärken. Wer aktuell betroffen ist, findet den Stand für Deutschland in der Lieferengpass-Datenbank des BfArM, für die Schweiz bei der Meldestelle des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) und für Österreich im Vertriebseinschränkungsregister des BASG. Bei einem Engpass nicht eigenmächtig umstellen: Andere Präparate mit demselben Wirkstoff setzen den Wirkstoff unterschiedlich schnell frei.

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Häufige Fragen

Was tue ich, wenn ich an Suizid denke?+

Holen Sie sich heute Hilfe, nicht erst beim nächsten Termin. Die Nummern stehen im Kasten oben, die Beratungsstellen sind rund um die Uhr erreichbar, anonym und kostenlos. Bei akuter Gefahr rufen Sie den Notruf (144 in der Schweiz und Österreich, 112 in Deutschland) oder gehen Sie in die Notaufnahme. Menschen mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für Suizidgedanken, besonders wenn eine Depression, eine Suchterkrankung oder eine akute Krise wie eine Trennung oder ein Jobverlust dazukommt. Die Impulsivität kann solche Momente gefährlicher machen. Sagen Sie Ihrer Ärztin oder Ihrem Therapeuten offen, dass diese Gedanken auftauchen. Genau diese Information braucht die Behandlung.

Gibt es ADHS bei Erwachsenen wirklich, oder ist das ein Trend?+

Es gibt sie. ADHS ist eine der am besten untersuchten psychischen Störungen, die Erblichkeit liegt bei etwa 74 Prozent, und bei etwa 2,5 bis 3 Prozent der Erwachsenen halten die Symptome seit der Kindheit an. Dass heute mehr Erwachsene eine Diagnose bekommen, hat mehrere Gründe: Lange galt ADHS als reine Kinderstörung, und viele Frauen wurden übersehen, weil sie eher verträumt als laut waren. Gleichzeitig ist die Sorge vor Fehldiagnosen berechtigt. Konzentrationsprobleme haben auch Menschen mit Depression, Schlafmangel, Angst oder Dauerstress. Eine seriöse Diagnostik prüft deshalb, ob die Beschwerden schon in der Kindheit da waren und ob etwas anderes sie besser erklärt.

Machen Stimulanzien abhängig?+

In der verordneten Dosis und mit regelmässiger Kontrolle entwickeln die allermeisten Erwachsenen keine Abhängigkeit. Methylphenidat und Amphetamine haben aber ein Missbrauchspotenzial, deshalb gelten sie als Betäubungsmittel. Riskant wird es, wenn Tabletten geschnupft, in hohen Dosen genommen oder weitergegeben werden. Retardpräparate und Lisdexamfetamin, das erst im Körper aktiviert wird, eignen sich dafür schlecht. Registerstudien zeigen eher, dass behandelte Menschen mit ADHS seltener Suchtprobleme entwickeln als unbehandelte. Wer schon einmal eine Suchterkrankung hatte, sollte das offen sagen. Dann kommen auch Atomoxetin oder Guanfacin in Frage, die keine Stimulanzien sind.

Verändert Methylphenidat meine Persönlichkeit?+

Ihre Werte, Ihr Humor und Ihre Beziehungen bleiben, wer Sie sind. Viele beschreiben eher, dass sie endlich das umsetzen können, was sie sich vornehmen. Manche fühlen sich unter Medikation aber gedämpft, flach oder wie hinter Glas, manchmal ist von einem "Zombie-Gefühl" die Rede. Das ist meist ein Zeichen, dass die Dosis zu hoch ist oder das Präparat nicht passt. Es ist kein Preis, den Sie zahlen müssen. Auch Reizbarkeit am Abend, wenn die Wirkung nachlässt, kommt vor. Notieren Sie solche Beobachtungen im Wirktagebuch und sprechen Sie sie an. Oft hilft eine Anpassung der Dosis, der Einnahmezeit oder ein Wechsel des Wirkstoffs.

Darf ich mit Medikation Auto fahren?+

In der Regel ja, wenn Sie gut eingestellt sind und sich fahrtüchtig fühlen. In der Schweiz, in Deutschland und in Österreich gilt für Amphetamin im Strassenverkehr eine strenge Regel, ärztlich verschriebene und bestimmungsgemäss eingenommene Medikamente sind davon aber ausgenommen. Führen Sie eine ärztliche Bescheinigung oder eine Kopie des Rezepts mit. In der Einstellungsphase und nach jeder Dosisänderung sollten Sie vorsichtig sein, bis Sie wissen, wie Sie reagieren. Unbehandelte ADHS erhöht das Unfallrisiko, die Registerdaten von Chang 2017 zeigen unter Medikation deutlich weniger Unfälle. Achten Sie auf das Wirkende: Fahrten am späten Abend, wenn das Präparat nachlässt, sind für manche schwieriger.

Wie lange dauert die Diagnostik?+

Die Abklärung selbst umfasst meist zwei bis vier Termine über einige Wochen. Dazu gehören ein ausführliches Gespräch zur Lebensgeschichte, standardisierte Fragebögen und ein strukturiertes Interview, oft auch Schulzeugnisse oder Berichte von Eltern oder Partnerin. Geprüft wird ausserdem, ob Depression, Angst, Schlafstörungen, Sucht oder körperliche Ursachen wie eine Schilddrüsenerkrankung die Beschwerden erklären. Länger als die Diagnostik ist oft die Wartezeit auf den ersten Termin. In allen drei Ländern sind mehrere Monate keine Seltenheit, in manchen Regionen über ein Jahr. Lassen Sie sich auf mehrere Wartelisten setzen und fragen Sie Ihre Hausärztin nach regionalen Angeboten.

Kann ich die Diagnose online bekommen?+

Teile der Abklärung lassen sich per Video machen, etwa das Gespräch zur Lebensgeschichte oder die Nachbesprechung. Eine vollständige Diagnose allein über einen Online-Fragebogen ist nicht seriös. Es braucht ein ausführliches Gespräch, oft Fremdangaben und den Ausschluss anderer Ursachen. Seien Sie vorsichtig bei Anbietern, die eine Diagnose innert Tagen und ein Rezept gleich dazu versprechen. Stimulanzien unterliegen dem Betäubungsmittelrecht, und eine schnell erstellte Diagnose wird von Krankenkassen, Fachärzten oder bei der Fahreignung unter Umständen nicht anerkannt. Ein Screening wie der ASRS-Selbsttest weiter unten kann ein erster Schritt sein, ersetzt aber keine Abklärung.

ADHS oder Autismus oder beides?+

Beides kann gleichzeitig vorliegen. Seit dem DSM-5 von 2013 dürfen die Diagnosen auch offiziell gemeinsam gestellt werden. Überschneidungen gibt es bei Reizempfindlichkeit, Problemen mit Organisation und sozialen Missverständnissen. Die Gründe unterscheiden sich aber oft: Bei ADHS stehen Ablenkbarkeit, Unruhe und Impulsivität im Vordergrund, bei Autismus Unterschiede in der sozialen Kommunikation, ein starkes Bedürfnis nach Routinen und sehr fokussierte Interessen. Wie häufig beides zusammen auftritt, schwankt je nach Studie stark. Wenn Sie den Eindruck haben, dass die ADHS-Diagnose nicht alles erklärt, fragen Sie gezielt nach einer Abklärung auf Autismus bei einer spezialisierten Stelle.

Was hilft ausser Medikamenten?+

An erster Stelle steht Psychoedukation: verstehen, wie das eigene Gehirn arbeitet, und aufhören, sich für Faulheit zu halten. Kognitive Verhaltenstherapie, einzeln oder in der Gruppe, hilft bei Organisation, Aufschieben und Gefühlsregulation, die COMPAS-Studie zeigt Verbesserungen in beiden Formen. Coaching kann im Alltag unterstützen, ist aber keine Therapie und wird meist nicht von der Krankenkasse bezahlt. Regelmässige Bewegung, feste Schlafzeiten und äussere Strukturen wie Wecker, Listen und Kalender sind keine Nebensache. Für viele Erwachsene funktioniert die Kombination aus Medikament und Verhaltenstherapie am besten. Manche kommen auch ohne Medikament gut zurecht.

Was ist mit Alkohol und Cannabis?+

Viele Menschen mit ADHS nutzen Alkohol oder Cannabis, um runterzukommen oder einschlafen zu können. Das Risiko für eine Abhängigkeit ist bei ADHS erhöht. Cannabis verschlechtert bei vielen Konzentration, Antrieb und Gedächtnis, also genau das, was ohnehin schwerfällt. Alkohol zusammen mit Stimulanzien ist tückisch: Man spürt den Rausch weniger und trinkt mehr, und Herz und Kreislauf werden zusätzlich belastet. Ein Glas zu einem Anlass ist bei den meisten kein akutes Risiko. Wenn Sie aber merken, dass Sie ohne Alkohol oder Cannabis nicht abschalten können, sprechen Sie das in der Behandlung offen an. Dafür gibt es Lösungen, auch für das Einschlafen.

Glossar

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)
Eine neurobiologische Entwicklungsstörung mit anhaltender Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, die in der Kindheit beginnt und bei vielen bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Für die Diagnose müssen die Symptome in mehreren Lebensbereichen deutlich stören.
Hyperaktivität
Ein übermässiger Bewegungsdrang. Bei Erwachsenen zeigt er sich seltener als Herumrennen, sondern eher als innere Unruhe, Zappeln, Schwierigkeit, lange sitzen zu bleiben, oder als Bedürfnis, ständig beschäftigt zu sein.
Impulsivität
Handeln, bevor man nachgedacht hat, etwa anderen ins Wort fallen, spontane Käufe, schnelle Kündigungen oder riskantes Fahren. Sie hängt eng mit einer verminderten Hemmungskontrolle zusammen.
Exekutive Funktionen
Die geistigen Steuerungsfähigkeiten, mit denen wir planen, priorisieren, Aufgaben beginnen, das Arbeitsgedächtnis nutzen und uns selbst kontrollieren. Bei ADHS sind sie oft beeinträchtigt, was Organisation und Zeitmanagement erschwert.
Hyperfokus
Ein Zustand starker, kaum unterbrechbarer Konzentration auf eine Tätigkeit, die interessant oder belohnend ist. Er wird von vielen Menschen mit ADHS beschrieben, ist aber kein Diagnosekriterium und wissenschaftlich weniger gut untersucht.
Emotionale Dysregulation
Schwierigkeiten, Gefühle zu steuern, mit schneller Reizbarkeit, heftigen Reaktionen auf Kritik oder Zurückweisung und raschen Stimmungswechseln. Sie gehört nicht zu den offiziellen Kriterien, kommt bei Erwachsenen mit ADHS aber häufig vor.
Stimulans
Medikament, das die Verfügbarkeit von Dopamin und Noradrenalin im Gehirn erhöht. Bei ADHS werden vor allem Methylphenidat und Amphetamine wie Lisdexamfetamin eingesetzt, ihre Wirkung setzt meist innerhalb von 30 bis 90 Minuten ein.
Retardpräparat
Eine Darreichungsform, die den Wirkstoff verzögert und über mehrere Stunden freisetzt. Dadurch reicht eine Einnahme am Morgen oft für einen Arbeitstag, und die Wirkung setzt sanfter ein und hört sanfter auf.
Rebound
Eine vorübergehende Verstärkung von Unruhe, Gereiztheit, Müdigkeit oder Niedergeschlagenheit, wenn die Wirkung eines Stimulans nachlässt, meist am späten Nachmittag oder Abend. Ein anderes Präparat oder eine angepasste Einnahmezeit kann helfen.
Betäubungsmittelrezept
Ein besonderes, amtliches Rezeptformular für Stimulanzien wie Methylphenidat und Amphetamine. In Deutschland ist es das BtM-Rezept, das ab Ausstellung acht Tage gültig ist, in der Schweiz das amtliche Betäubungsmittelrezept, in Österreich das Suchtgiftrezept mit Vignette.
ASRS (Adult ADHD Self-Report Scale)
Ein Selbstbeurteilungsfragebogen der WHO mit 18 Fragen, dessen erste sechs Fragen (Teil A) als Kurz-Screening dienen. Ein auffälliges Ergebnis ist ein Hinweis, aber keine Diagnose.
Komorbidität
Eine Begleiterkrankung, die zusätzlich zur Haupterkrankung besteht. Bei Erwachsenen mit ADHS sind Depression, Angststörungen, Suchterkrankungen, Schlafstörungen und Autismus häufig, und sie beeinflussen die Wahl der Behandlung.

Downloads & Tools

Rechner 1: ASRS v1.1 Selbsttest (Screening Teil A)

Textfassung, noch kein Rechner

Name: ASRS-Selbsttest, Screening auf ADHS bei Erwachsenen (Adult ADHD Self-Report Scale, Version 1.1, Teil A)

Quelle: Weltgesundheitsorganisation (WHO), Adult ADHD Self-Report Scale v1.1; Kessler RC et al., Psychological Medicine, 2005. Der Fragebogen ist mit Quellenangabe frei nutzbar. Die folgenden Items sind eine sinngemässe Übertragung des Originals. Vor dem Livegang wird der Wortlaut durch die offizielle deutsche WHO-Fassung ersetzt (in Schweizer Schreibweise, ss statt Eszett), damit Schwellenwerte und Aussagekraft gelten.

Einleitung: "Bitte beantworten Sie die folgenden Fragen. Beurteilen Sie dabei, wie Sie sich in den letzten 6 Monaten gefühlt und verhalten haben."

Antwortoptionen für jedes Item: Nie, Selten, Manchmal, Oft, Sehr oft.

Items und Schwelle je Item:

  1. Wie oft haben Sie Schwierigkeiten, die letzten Details einer Aufgabe abzuschliessen, wenn die anspruchsvollen Teile erledigt sind? (auffällig ab "Manchmal")
  2. Wie oft fällt es Ihnen schwer, Ordnung in eine Aufgabe zu bringen, die Organisation erfordert? (auffällig ab "Manchmal")
  3. Wie oft haben Sie Probleme, sich an Termine oder Verpflichtungen zu erinnern? (auffällig ab "Manchmal")
  4. Wenn Sie eine Aufgabe haben, die viel Nachdenken erfordert, wie oft vermeiden Sie es, damit anzufangen, oder schieben den Beginn hinaus? (auffällig ab "Oft")
  5. Wie oft zappeln Sie mit Händen oder Füssen oder rutschen auf dem Stuhl herum, wenn Sie lange sitzen müssen? (auffällig ab "Oft")
  6. Wie oft fühlen Sie sich übermässig aktiv und gedrängt, Dinge zu tun, als würden Sie von einem Motor angetrieben? (auffällig ab "Oft")

Formel: Jedes Item wird als auffällig gezählt, wenn die gewählte Antwort die Schwelle erreicht oder überschreitet (Items 1 bis 3 ab "Manchmal", Items 4 bis 6 ab "Oft"). Anzahl auffälliger Items = Summe, Bereich 0 bis 6. Ein Ergebnis wird nur angezeigt, wenn alle sechs Items beantwortet sind.

Ausgabe: Anzahl auffälliger Items, Einstufung, Hinweistext, Liste der auffälligen Items, Links zur Fragenliste für den Arztbesuch und zur Seite "Versorgung & Kosten".

Auswertung:

  • 0 bis 3 auffällige Items: Das Screening spricht nicht für ADHS. Hinweis: Wenn Konzentration, Organisation oder Unruhe Ihren Alltag trotzdem deutlich belasten, lohnt sich ein Gespräch mit Ihrer Hausärztin. Ein unauffälliges Ergebnis schliesst ADHS nicht aus.
  • 4 bis 6 auffällige Items: Das Ergebnis ist auffällig und passt zu Beschwerden, wie sie bei ADHS bei Erwachsenen vorkommen. Hinweis: Eine fachärztliche oder psychologische Abklärung ist sinnvoll. Nehmen Sie das Ergebnis und die Fragenliste zum Termin mit.

Interpretationsgrenzen und Hinweistext: Teil A der ASRS ist ein Screening, keine Diagnose. In der Validierungsstudie von Kessler 2005 erkannte er etwa 69 Prozent der Betroffenen (Sensitivität) und stufte etwa 99 Prozent der Nicht-Betroffenen richtig ein (Spezifität), in anderen Stichproben fallen die Werte teils deutlich anders aus. Ähnliche Antworten entstehen auch bei Depression, Angst, Schlafmangel, Burnout oder einer Schilddrüsenerkrankung. Für die Diagnose braucht es den Nachweis von Symptomen seit der Kindheit und eine ausführliche Untersuchung. Für Personen unter 18 Jahren ist der Test nicht vorgesehen.

Datenschutz und Sicherheit: Eingaben werden nicht gespeichert und nicht übertragen. Ein Ausdruck ist nur auf Wunsch möglich. Unter dem Ergebnis steht dauerhaft ein Link zum Krisenhinweis mit den Nummern für CH, DE und AT.

Rechner 2: Tagesplaner Wirkfenster (Spezifikation)

Rechner 2

Tagesplaner Wirkfenster, Visualisierung der typischen Wirkdauer eines verordneten Präparats

Dieser Planer zeigt typische Wirkzeiten an. Er berechnet keine Dosis und ersetzt nicht die Absprache mit Ihrer Ärztin. Ändern Sie Dosis oder Einnahmezeit nie ohne Rücksprache.

Einnahmen, wie ärztlich verordnet

Feste Termine des Tages (optional)

Auswertung

Wählen Sie das verordnete Präparat und tragen Sie die Einnahmezeiten ein.

Die Werte sind Durchschnitte aus Studien. Bei Ihnen kann die Wirkung früher oder später einsetzen und kürzer oder länger anhalten, etwa abhängig von Stoffwechsel, Mahlzeiten und Dosis. Massgeblich ist Ihre eigene Erfahrung, die Sie im Wirktagebuch festhalten. Daten werden nur lokal auf dem Gerät gespeichert und lassen sich jederzeit löschen.

Eingaben, Formeln, Interpretationsgrenzen

Name: Tagesplaner Wirkfenster, Visualisierung der typischen Wirkdauer eines verordneten Präparats

Zweck: Das Tool zeigt, in welchem Zeitfenster ein bereits verordnetes Präparat laut Fachinformation typischerweise wirkt, und legt dieses Fenster über den eigenen Tagesablauf. So lassen sich Termine, Autofahrten oder Mahlzeiten planen und Fragen für den Arzttermin vorbereiten. Das Tool ist ausdrücklich kein Dosisrechner. Über dem Formular steht gut sichtbar: "Dieser Planer zeigt typische Wirkzeiten an. Er berechnet keine Dosis und ersetzt nicht die Absprache mit Ihrer Ärztin. Ändern Sie Dosis oder Einnahmezeit nie ohne Rücksprache."

Eingaben:

  • Präparat aus einer Auswahlliste nach Wirkstoff und Freisetzungsform, mit Handelsnamen in Klammern, zum Beispiel Methylphenidat unretardiert (Ritalin), Methylphenidat retardiert mit Sofort- und Spätanteil (Medikinet retard, Ritalin LA), Methylphenidat retardiert mit osmotischem System (Concerta), Lisdexamfetamin (Elvanse), Dexamfetamin unretardiert (Attentin)
  • Uhrzeit jeder Einnahme, wie ärztlich verordnet (eine bis drei Einnahmen pro Tag)
  • Optional: Aufstehzeit, Arbeitsbeginn, Arbeitsende, geplante Schlafenszeit
  • Optional: feste Termine des Tages mit Uhrzeit (zum Beispiel Meeting, Autofahrt, Training)

Hinterlegte Werte: Für jedes Präparat sind der typische Wirkbeginn und die typische Wirkdauer aus der jeweils aktuellen Fachinformation hinterlegt, als Spanne und mit Quellenangabe und Stand. Orientierungswerte: Methylphenidat unretardiert etwa 3 bis 4 Stunden, Methylphenidat retardiert mit Sofort- und Spätanteil etwa 6 bis 8 Stunden, Methylphenidat mit osmotischem System etwa 10 bis 12 Stunden, Lisdexamfetamin bei Erwachsenen bis etwa 13 bis 14 Stunden, Dexamfetamin unretardiert etwa 4 bis 6 Stunden. Die Redaktion prüft die Werte bei jeder Änderung der Fachinformation. Die Dosis wird weder abgefragt noch verwendet. Atomoxetin und Guanfacin erscheinen nicht in der Auswahl, sondern mit dem Hinweis, dass sie über den ganzen Tag gleichmässig wirken und kein Wirkfenster im engeren Sinn haben.

Verarbeitung: Wirkfenster = Einnahmezeit plus typischer Wirkbeginn bis Einnahmezeit plus typische Wirkdauer, jeweils als Spanne (frühester bis spätester Wert). Bei mehreren Einnahmen werden die Fenster einzeln dargestellt, Überlappungen werden nicht aufsummiert und nicht als "stärkere Wirkung" gedeutet. Das Tool schlägt keine Einnahmezeiten, keine zusätzlichen Einnahmen und keine Dosis vor.

Ausgabe:

  • Tagesbalken von der Aufstehzeit bis zur Schlafenszeit, mit farbig hinterlegtem Wirkfenster, unscharfem Rand für die Spanne von Wirkbeginn und Wirkende und einer Markierung für eine mögliche Rebound-Phase nach dem Wirkende
  • Eingetragene Termine als Markierungen auf dem Balken
  • Hinweis, wenn das Wirkende laut Spanne näher als etwa 4 Stunden an der geplanten Schlafenszeit liegt: "Wenn Sie schlecht einschlafen, besprechen Sie die Einnahmezeit mit Ihrer Ärztin."
  • Hinweis, wenn eine eingetragene Autofahrt in eine mögliche Rebound-Phase fällt: "Achten Sie in dieser Zeit besonders auf Müdigkeit und Konzentration."
  • Druckansicht zum Mitnehmen in den Arzttermin, zusammen mit dem Wirktagebuch

Interpretationsgrenzen: Die Werte sind Durchschnitte aus Studien. Bei Ihnen kann die Wirkung früher oder später einsetzen und kürzer oder länger anhalten, etwa abhängig von Stoffwechsel, Mahlzeiten und Dosis. Massgeblich ist Ihre eigene Erfahrung, die Sie im Wirktagebuch festhalten. Daten werden nur lokal auf dem Gerät gespeichert und lassen sich jederzeit löschen.

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Diese Inhalte ersetzen keine medizinische Beratung.

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