Methylphenidat. Methylphenidat blockiert die Transporter, die Dopamin und Noradrenalin aus dem Spalt zwischen den Nervenzellen zurückholen. Dadurch steht in den Netzwerken des Stirnhirns, die Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle steuern, mehr Botenstoff zur Verfügung. Die Wirkung setzt nach etwa 30 bis 60 Minuten ein. Wie lange sie anhält, hängt von der Galenik ab: Unretardierte Tabletten wirken rund drei bis vier Stunden. Medikinet adult und Ritalin LA setzen etwa die Hälfte sofort und die Hälfte verzögert frei und decken etwa sechs bis acht Stunden ab. Concerta nutzt ein osmotisches System mit einem kleineren Sofort- und einem grösseren Verzögerungsanteil und wirkt etwa zehn bis zwölf Stunden. Medikinet adult soll mit oder nach dem Frühstück eingenommen werden, sonst wirkt der verzögerte Anteil schlechter. Die S3-Leitlinie 2017 nennt Methylphenidat bei Erwachsenen als Mittel der ersten Wahl. Die britische NICE-Leitlinie NG87 (2018, aktualisiert 2019) stellt Lisdexamfetamin und Methylphenidat gleichrangig an den Anfang. Die Cortese-Metaanalyse empfahl bei Erwachsenen Amphetamine als erste Wahl für die Wirksamkeit, Methylphenidat bei Kindern und mit Blick auf die Verträglichkeit. In der Praxis beginnen die meisten Spezialistinnen im deutschsprachigen Raum mit Methylphenidat retard, weil die Erfahrung am grössten ist und die Zulassungs- und Erstattungslage am klarsten.
Lisdexamfetamin und Dexamfetamin. Amphetamine blockieren die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin und setzen die Botenstoffe zusätzlich aktiv aus den Speichern frei. Lisdexamfetamin ist eine unwirksame Vorstufe, die erst im Blut durch Enzyme der roten Blutkörperchen in Dexamfetamin umgewandelt wird. Das sorgt für einen gleichmässigen Anstieg, eine lange Wirkdauer von etwa 13 bis 14 Stunden und ein geringeres Risiko für Missbrauch durch Schnupfen oder Spritzen. Die Kapseln können geöffnet und der Inhalt in Wasser oder Joghurt eingerührt werden. Dexamfetamin wirkt schneller und kürzer und wird bei Erwachsenen nur in Einzelfällen eingesetzt, etwa als kurz wirksame Ergänzung. In Deutschland ist es als Attentin nur für Kinder und Jugendliche zugelassen, in der Schweiz und in Österreich wird es meist als Rezeptur in der Apotheke hergestellt. Die S3-Leitlinie 2017 sieht Amphetamine bei Erwachsenen als Option, wenn Methylphenidat nicht ausreichend wirkt oder nicht vertragen wird. NICE nennt Lisdexamfetamin als gleichwertige erste Wahl und Dexamfetamin als Alternative, wenn die lange Wirkdauer von Lisdexamfetamin nicht passt.
Betäubungsmittelrecht bei Stimulanzien. Methylphenidat, Lisdexamfetamin und Dexamfetamin gelten in allen drei Ländern als Betäubungsmittel. In der Schweiz braucht es ein amtliches, nummeriertes Betäubungsmittelrezept. Verschrieben werden darf in der Regel die Menge für einen Monat, mit Begründung für höchstens drei Monate. In Deutschland braucht es ein BtM-Rezept (gelbes, dreiteiliges Formular der Bundesopiumstelle). Es muss innerhalb von sieben Tagen nach Ausstellung eingelöst werden, und pro Patientin und 30 Tagen gelten Höchstmengen nach der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (für Methylphenidat 2400 mg). In Österreich ist ein Suchtgiftrezept mit Suchtgiftvignette nötig. Wer mit Stimulanzien reist, braucht für Schengen-Staaten (dazu gehört auch die Schweiz) eine ärztlich ausgefüllte und behördlich beglaubigte Bescheinigung nach Artikel 75 des Schengener Durchführungsübereinkommens, gültig für bis zu 30 Tage. Für Länder ausserhalb des Schengen-Raums gelten eigene Regeln, manche verbieten die Einfuhr bestimmter Stimulanzien ganz. Es lohnt sich, das vor der Buchung bei der Botschaft des Ziellands zu klären.
Herz-Kreislauf-Kontrollen. Vor dem Beginn einer medikamentösen Behandlung fragt die Ärztin nach Herzerkrankungen, Ohnmachtsanfällen, Herzrasen unter Belastung und plötzlichen Todesfällen in der Familie. Gemessen werden Blutdruck, Puls, Gewicht und Grösse. Ein EKG ist nicht routinemässig nötig, wird aber bei auffälliger Vorgeschichte, bekannter Herzerkrankung, Bluthochdruck oder älteren Patientinnen und Patienten empfohlen, dann gegebenenfalls ergänzt durch eine kardiologische Abklärung. Während der Einstellung werden Blutdruck und Puls nach jeder Dosisänderung kontrolliert, danach mindestens alle sechs Monate (so NICE), dazu das Gewicht. Im Mittel steigen unter Stimulanzien und Atomoxetin der Puls um einige Schläge pro Minute und der Blutdruck um wenige mmHg. Bei einem kleinen Teil fällt der Anstieg deutlicher aus. Grosse Registerstudien haben bei Erwachsenen ohne Vorerkrankung kein deutlich erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall gezeigt. Eine schwedische Fall-Kontroll-Studie (JAMA Psychiatry, 2024) fand bei langjähriger Einnahme ein leicht erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, vor allem für Bluthochdruck. Deshalb gehören Blutdruck und Puls bei Langzeitbehandlung fest zu jeder Kontrolle. Schlecht eingestellter Bluthochdruck, schwere Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche und eine Schilddrüsenüberfunktion sind Gegenanzeigen oder verlangen besondere Vorsicht.
Atomoxetin. Atomoxetin hemmt gezielt die Wiederaufnahme von Noradrenalin und erhöht im Stirnhirn auch die Dopaminkonzentration. Es wirkt nicht über das Belohnungssystem, macht nicht abhängig und fällt nicht unter das Betäubungsmittelrecht. Das macht es interessant für Menschen mit aktiver oder früherer Suchterkrankung, für Menschen mit Tics und für alle, die eine Wirkung rund um die Uhr wollen, auch abends und morgens vor der nächsten Einnahme. Der Preis dafür ist Geduld: Die volle Wirkung zeigt sich oft erst nach acht bis zwölf Wochen, und die Effektstärke liegt im Mittel etwas unter derjenigen der Stimulanzien. In den ersten Wochen sind Übelkeit und Müdigkeit häufig, die Einnahme zum Essen oder am Abend hilft. Atomoxetin wird über das Enzym CYP2D6 abgebaut, deshalb sind Wechselwirkungen mit Fluoxetin, Paroxetin und Bupropion zu beachten. Die Fachinformation enthält Warnhinweise zu Suizidgedanken (vor allem bei Kindern und Jugendlichen beobachtet) und zu sehr seltenen Leberschäden. Die S3-Leitlinie 2017 und NICE empfehlen Atomoxetin, wenn Stimulanzien nicht wirken, nicht vertragen werden oder bewusst vermieden werden sollen.
Guanfacin. Guanfacin aktiviert Alpha-2A-Rezeptoren im Stirnhirn und verstärkt so die Signalübertragung in den Netzwerken für Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle. Ursprünglich war es ein Blutdruckmittel, und es senkt Blutdruck und Puls auch heute spürbar. Zugelassen ist die Retardform (Intuniv) in Europa und der Schweiz nur für Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren. Bei Erwachsenen ist der Einsatz Off-Label. Eine kontrollierte Studie bei Erwachsenen zeigte eine Wirkung, die Datenlage ist aber deutlich schmaler als bei Kindern. Der Zulassungsstatus kann sich ändern, Patientinnen und Patienten sollten ihn vor Therapiebeginn mit der Ärztin klären, auch wegen der Kostenübernahme. Guanfacin darf nicht abrupt abgesetzt werden, weil sonst der Blutdruck stark ansteigen kann. Die Dosis wird über mehrere Wochen reduziert. NICE empfiehlt Guanfacin bei Erwachsenen nur nach Rücksprache mit einem spezialisierten ADHS-Zentrum, die S3-Leitlinie 2017 enthält keine Empfehlung für Erwachsene.
Bupropion. Bupropion hemmt die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin, ähnlich wie Methylphenidat, aber schwächer. Zugelassen ist es als Antidepressivum, bei ADHS ist der Einsatz Off-Label. In Studien bei Erwachsenen lag die Wirkung auf ADHS-Symptome im mittleren Bereich, die Studien waren aber klein. Sinnvoll sein kann Bupropion, wenn eine Depression oder eine Nikotinabhängigkeit dazukommt und Stimulanzien nicht in Frage kommen. Weil das Krampfanfallrisiko mit der Dosis steigt, ist es bei Epilepsie, Essstörungen mit Erbrechen und Alkoholentzug kontraindiziert. Die S3-Leitlinie 2017 nennt Bupropion nicht als Standard, NICE empfiehlt es für ADHS nicht.
Viloxazin. Viloxazin war in Europa früher als Antidepressivum im Handel und wurde vom Markt genommen. In den USA ist eine Retardform seit 2021 für Kinder und seit 2022 für Erwachsene mit ADHS zugelassen. In einer zulassungsrelevanten Studie mit etwa 370 Erwachsenen verbesserten sich die Symptome nach sechs Wochen stärker als unter Placebo, der Effekt war klein bis mittel. In der Schweiz, in Deutschland und in Österreich ist Viloxazin nach dem Wissensstand dieser Seite weder zugelassen noch erhältlich. Ein Import über eine Auslandapotheke ist im Einzelfall rechtlich möglich, aber aufwendig, teuer und ohne Kostenübernahme.
Was eine gute Einstellung ausmacht. Die Dosis wird bei Stimulanzien in kleinen Schritten über drei bis sechs Wochen gesteigert, bis die Wirkung gut ist und die Nebenwirkungen tragbar sind. Hilfreich sind Rückmeldungen aus dem Alltag, etwa von der Partnerin oder von Kollegen, und eine Skala, die vor und während der Behandlung ausgefüllt wird. Die Ärztin prüft die Wirkung auf die Kernsymptome und auf Arbeit, Beziehungen, Fahrverhalten und Stimmung. Stimulanzien können bei Bedarf an einzelnen Tagen weggelassen werden, Atomoxetin und Guanfacin nicht. Mindestens einmal im Jahr wird gemeinsam überlegt, ob die Medikation noch nötig ist. Manche machen dazu eine geplante Pause. Bei unklarer Wirkung kann ein zweites Stimulans oder ein Nicht-Stimulans versucht werden. Etwa drei Viertel der Erwachsenen finden nach einem oder zwei Versuchen eine Behandlung, die spürbar hilft.