Bericht 1
Erfolg"Dreimal Notaufnahme, dreimal ein gesundes Herz. Beim dritten Mal habe ich mich geschämt."
Reto B., 38, Bern (CH)
- Therapiedauer
- 5 Monate KVT, seither Auffrischungssitzungen
- Therapie
- Kognitive Verhaltenstherapie mit interozeptiver Exposition
Das erste Mal passierte es an einem Sonntagabend auf dem Sofa. Herzrasen aus dem Nichts, ein Druck auf der Brust, die linke Hand kribbelte. Ich war 36, mein Vater hatte mit 54 einen Herzinfarkt gehabt, ich war mir sicher: jetzt ich. Meine Frau hat die 144 angerufen. Im Inselspital haben sie ein EKG gemacht, Blut genommen, Troponin zweimal bestimmt. Alles normal. Der Assistenzarzt sagte, es sei "wahrscheinlich Stress", und schickte mich um zwei Uhr morgens heim.
Sechs Wochen später das Gleiche im Zug nach Thun. Wieder Notfall, wieder alles sauber. Beim dritten Mal, im Büro, bin ich selber hingefahren und habe mich im Wartezimmer geschämt, weil ich schon ahnte, was rauskommt. Eine Kardiologin hat dann noch ein Belastungs-EKG und einen Herzultraschall gemacht. Unauffällig. Sie war die Erste, die das Wort Panikstörung ausgesprochen hat, und zwar so, dass ich es nicht als Abwimmeln empfunden habe. Sie sagte: "Ihr Herz ist gesund. Ihre Alarmanlage ist zu empfindlich eingestellt."
Ehrlich gesagt war ich zuerst wütend. Ich hatte echte Symptome, ich habe mir das nicht eingebildet. Mein Hausarzt hat mir dann erklärt, dass die Symptome tatsächlich echt sind, nur die Deutung falsch: Adrenalin, schnelle Atmung, das Kribbeln kommt vom Hyperventilieren. Er hat mich an eine psychologische Psychotherapeutin überwiesen. Seit 2022 läuft das in der Schweiz über die ärztliche Anordnung, die Grundversicherung zahlt, ich hatte nur Franchise und Selbstbehalt.
Die Therapie war anders, als ich gedacht hatte. Wenig Kindheit, viel Arbeitsblätter. In den ersten Sitzungen haben wir den Teufelskreis aufgezeichnet: Herzklopfen, Gedanke "Infarkt", mehr Angst, mehr Herzklopfen. Dann kam der Teil, den ich gehasst habe. Ich musste die Symptome absichtlich auslösen. Eine Minute lang auf der Stelle rennen, bis der Puls bei 140 war. Durch einen dünnen Strohhalm atmen. Mich auf dem Bürostuhl drehen, bis mir schwindlig wurde. Und dann sitzen bleiben und nichts tun. Kein Puls messen, kein Wasser trinken, nicht rausgehen.
Beim ersten Mal hatte ich fast eine Attacke in der Praxis. Beim fünften Mal war es nur noch unangenehm. Irgendwann habe ich verstanden, dass mein Körper mit 140 Puls umgehen kann, weil er das beim Velofahren jeden Sommer tut. Das klingt banal. Mir hat es niemand vorher so gezeigt.
Danach kamen die Situationen draussen. Ich hatte, ohne es zu merken, angefangen, Zugfahrten zu meiden, und im Büro sass ich immer nahe bei der Tür. Wir haben eine Liste gemacht, von leicht bis schwer, und sie abgearbeitet. Zuletzt bin ich allein im Intercity nach Zürich gefahren, ohne Handy in der Hand. Das war im fünften Monat.
Heute habe ich noch ab und zu dieses Flattern, vielleicht einmal im Monat. Es geht nach ein paar Minuten weg, weil ich nicht mehr dagegen ankämpfe. Ein Medikament habe ich nie genommen. Ich hatte die Option, Escitalopram, aber ich wollte es zuerst ohne versuchen, und die Therapeutin fand das bei meinem Verlauf vertretbar. Ob das bei jemand anderem genauso funktioniert, weiss ich nicht. Bei mir hat die Exposition gereicht.
Was ich anders machen würde: früher nachfragen. Nach dem ersten Notfall hat niemand gesagt, was ich jetzt tun soll. Ich bin ein Jahr lang mit der Angst vor dem nächsten Infarkt herumgelaufen, der nie gekommen ist.
Meine Werte
- GAD-7: vorher 14, nach 5 Monaten 4
- Panikattacken pro Woche: vorher 2 bis 3 (plus fast täglich "Beinahe-Attacken"), heute etwa 1 pro Monat, schwach
- Vermeidungsverhalten: vorher 6 gemiedene Situationen (Fernzug, Kino Mitte Reihe, Sauna, Joggen, Sitzungen ohne Türplatz, allein zu Hause), heute keine
- Notfallbesuche: 3 in 10 Monaten, seither keiner
Nebenwirkungen
- Keine medikamentösen Nebenwirkungen
- Während der Expositionsübungen anfangs starke Angst, Schwindel und Übelkeit, nach den Sitzungen Erschöpfung
Kosten
Psychotherapie auf ärztliche Anordnung über die Grundversicherung, bei mir Franchise CHF 1500 bereits durch die Notfallabklärungen fast ausgeschöpft, danach 10 Prozent Selbstbehalt.
Studienbezug
In einer grossen randomisierten Studie (Barlow et al., JAMA 2000, 312 Teilnehmende) war KVT bei Panikstörung kurzfristig ähnlich wirksam wie ein Antidepressivum, die Effekte hielten nach Therapieende besser an.
