Bericht 1
Erfolg"Die ersten drei Wochen habe ich meine Therapeutin gehasst. Heute schlafe ich wieder durch."
Claudia R., 47, Winterthur (CH)
- Therapiedauer
- 8 Sitzungen über 10 Wochen, seither 7 Monate ohne Therapie
- Therapie
- Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) mit Schlafrestriktion, bei einer psychologischen Psychotherapeutin auf ärztliche Anordnung
Angefangen hat es, als mein Vater krank wurde. Ich bin damals jede zweite Nacht wach gelegen und habe gerechnet, wer am Wochenende zu ihm fährt. Er ist wieder gesund geworden, aber mein Schlaf nicht. Vier Jahre lang. Ich bin Sekundarlehrerin, und wer schon einmal mit vier Stunden Schlaf vor einer dritten Klasse gestanden ist, weiss, wie sich das anfühlt.
Ich habe alles probiert, was man so probiert. Baldrian, Lavendelkissen, kein Handy im Schlafzimmer, Magnesium. Abends bin ich immer früher ins Bett, um wenigstens zu liegen, wenn ich schon nicht schlafe. Das war, wie ich später gelernt habe, genau das Falsche. Mein Hausarzt hat mir irgendwann eine Tablette angeboten. Ich wollte nicht, weil meine Mutter jahrelang von Schlafmitteln abhängig war. Er hat mich dann an eine Schlafsprechstunde überwiesen, und von dort kam die Anordnung für die KVT-I.
In der ersten Sitzung musste ich mein Schlaftagebuch von zwei Wochen mitbringen. Die Therapeutin hat ausgerechnet, dass ich zwar acht Stunden im Bett liege, aber nur gut fünf davon schlafe. Dann kam der Satz, den ich nie vergessen werde: "Ab heute sind Sie nur noch fünfeinhalb Stunden im Bett." Ins Bett um halb eins, Wecker um sechs. Auch am Wochenende. Ich habe gedacht, die spinnt.
Die ersten drei Wochen waren brutal, anders kann ich es nicht sagen. Ich war tagsüber so müde, dass ich mittags im Lehrerzimmer fast eingeschlafen bin. Sie hatte mich gewarnt: nicht Autofahren, wenn ich mich schläfrig fühle. Ich bin in der Zeit mit dem Velo zur Schule. Abends um zehn hätte ich auf dem Sofa einschlafen können, durfte aber nicht. Mein Mann hat mich mit Spaziergängen und Kartenspielen wach gehalten. Zweimal habe ich angerufen und wollte abbrechen. Sie hat gesagt, das sei normal, und ich solle die Woche noch fertig machen und dann schauen, was das Tagebuch sagt.
In der vierten Woche ist etwas gekippt. Ich bin eingeschlafen, sobald ich lag, und bin seltener aufgewacht. Meine Schlafeffizienz war über 85 Prozent, also durfte ich eine Viertelstunde früher ins Bett. Das klingt lächerlich wenig, aber ich habe mich gefreut wie ein Kind. So ging das weiter, Woche für Woche, bis ich bei sechs dreiviertel Stunden im Bett war.
Daneben haben wir viel über meine Gedanken geredet. Ich hatte die feste Überzeugung, dass ich ohne acht Stunden Schlaf am nächsten Tag nicht funktioniere. Das stimmt so nicht, ich habe ja vier Jahre lang funktioniert, nur schlecht gelaunt. Die Regel mit dem Aufstehen nach zwanzig Minuten Wachliegen fand ich anfangs mühsam, vor allem im Winter, wenn die Wohnung kalt ist. Ich habe mir im Wohnzimmer eine Decke und ein langweiliges Buch über Gartenbau bereitgelegt.
Heute schlafe ich meistens um halb zwölf ein und wache um sechs auf. Es gibt noch schlechte Nächte, vor Elterngesprächen zum Beispiel. Aber ich gerate deswegen nicht mehr in Panik, und das ist vielleicht der grösste Unterschied. Wenn es wieder schlechter wird, weiss ich, was ich tun muss: Tagebuch, Bettzeit kürzen, durchhalten.
Was ich anderen sagen würde: Die Methode ist kein Spaziergang. Wer gerade in einer Phase ist, in der er tagsüber keine zusätzliche Müdigkeit verkraftet, sollte das mit der Therapeutin besprechen. Bei mir hat es sich gelohnt, aber ich hatte auch einen Mann, der mitgezogen hat.
Meine Werte
- ISI (Insomnia Severity Index, 0 bis 28): 21 vor der Therapie, 7 nach 10 Wochen, 6 bei der Kontrolle nach 6 Monaten
- Einschlafdauer: etwa 55 Minuten vorher; heute etwa 15 Minuten
- Wachzeiten nach dem Einschlafen: etwa 110 Minuten pro Nacht vorher; heute etwa 25 Minuten
- Schlafeffizienz: 64 Prozent vorher; 90 Prozent heute
- Gesamtschlafzeit: etwa 5 Stunden 10 Minuten vorher; heute etwa 6 Stunden 30 Minuten
Nebenwirkungen
- Ausgeprägte Tagesmüdigkeit in den ersten drei Wochen der Schlafrestriktion
- Gereiztheit und Konzentrationsprobleme in dieser Phase
- Kopfschmerzen an einzelnen Tagen in Woche 2
Kosten
Psychologische Psychotherapie auf ärztliche Anordnung über die Grundversicherung, pro Sitzung etwa 150 Franken. Mit einer Franchise von 2500 Franken habe ich den grössten Teil selbst bezahlt.
Studienbezug
Eine Metaanalyse (Trauer et al., Annals of Internal Medicine, 2015) mit 20 randomisierten Studien und rund 1160 Teilnehmenden fand unter KVT-I eine um etwa 19 Minuten kürzere Einschlafdauer, etwa 26 Minuten weniger Wachzeit und eine um knapp 10 Prozentpunkte höhere Schlafeffizienz. Die Europäische Insomnie-Leitlinie (Riemann et al., Journal of Sleep Research, 2023) empfiehlt KVT-I als erste Behandlung bei chronischer Insomnie.
