Zum Hauptinhalt springen

Studio+

Depression

Depression: Antidepressiva und Psychotherapie im Vergleich, Erfahrungsberichte, Versorgung und Kosten in der Schweiz, Deutschland und Österreich, PHQ-9-Selbsttest und Druckvorlagen.

Stand Oktober 2026

Wirkstoffe

Wirkstoffe im Überblick

Bei einer Depression halten gedrückte Stimmung, Interessenverlust und Antriebsmangel mindestens zwei Wochen an, dazu kommen oft Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Schuldgefühle, Appetitveränderungen und Gedanken an den Tod. Etwa jede fünfte Person erkrankt im Lauf des Lebens mindestens einmal an einer Depression, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. In der Schweiz, in Deutschland und in Österreich gehört die Depression zu den häufigsten Gründen für lange Arbeitsunfähigkeit und für eine Invalidenrente oder Erwerbsminderungsrente. Sie ist gut behandelbar. Die meisten Betroffenen erholen sich mit Psychotherapie, Medikamenten oder beidem, auch wenn der Weg dorthin selten geradlinig verläuft und oft mehr als einen Versuch braucht.

Grundlage dieser Übersicht ist die S3-Leitlinie und Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression in der 3. Auflage von 2022, herausgegeben von Bundesärztekammer, Kassenärztlicher Bundesvereinigung und AWMF. Sie wird auch in der Schweiz und in Österreich als Referenz genutzt, ergänzt durch die Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) und der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB).

Die Kernfakten im Überblick:

  • Schweregrad bestimmt die Therapie. Bei leichter Depression empfiehlt die NVL zunächst aktiv-abwartende Begleitung, niedrigschwellige Angebote wie angeleitete Selbsthilfe oder digitale Programme und bei Bedarf Psychotherapie. Antidepressiva sollen hier nicht routinemässig als Erstbehandlung eingesetzt werden. Bei mittelgradiger Depression sind Psychotherapie und Antidepressivum gleichwertige Optionen. Bei schwerer und bei chronischer Depression wird die Kombination aus beidem empfohlen.
  • Psychotherapie ist bei leichter bis mittelschwerer Depression genauso wirksam wie ein Antidepressivum. Nach Therapieende ist das Rückfallrisiko nach einer kognitiven Verhaltenstherapie in Studien eher tiefer als nach dem Absetzen eines Medikaments.
  • Antidepressiva wirken verzögert. Erste Verbesserungen bei Schlaf und Antrieb zeigen sich oft nach ein bis zwei Wochen, eine spürbare Stimmungsaufhellung nach zwei bis vier Wochen, die volle Wirkung nach etwa vier bis sechs Wochen. Hat sich nach drei bis vier Wochen in ausreichender Dosis gar nichts bewegt, wird die Behandlung angepasst.
  • Ansprechraten: Etwa 50 bis 60 Prozent der Behandelten sprechen auf das erste Antidepressivum an (Rückgang der Symptome um mindestens die Hälfte), unter Placebo sind es etwa 30 bis 40 Prozent. Eine vollständige Remission erreicht im ersten Behandlungsschritt etwa ein Drittel. Der Abstand zu Placebo ist bei schwerer Depression grösser als bei leichter.
  • Häufigste Nebenwirkungen: Übelkeit, Unruhe und Schlafstörungen in den ersten Wochen (SSRI, SNRI), sexuelle Funktionsstörungen (SSRI, SNRI), Müdigkeit und Gewichtszunahme (Mirtazapin, Trizyklika), Mundtrockenheit und Verstopfung (Trizyklika), Absetzsymptome beim abrupten Stopp (vor allem Paroxetin und Venlafaxin).

Ein Hinweis vorab: Wer Gedanken hat, sich das Leben zu nehmen, sollte nicht auf einen Termin warten. In der Schweiz hilft Die Dargebotene Hand unter 143 (Jugendliche: Pro Juventute 147), in Deutschland die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, in Österreich die TelefonSeelsorge unter 142 (Jugendliche: Rat auf Draht 147). Im Notfall: 144 in der Schweiz und in Österreich, 112 in Deutschland.

Wirkstoffe im Vergleich

Medikament
Sertralin (z. B. Zoloft, Generika)
Wirkstoff
Selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
Indikation
Depression, Angst- und Zwangsstörungen, posttraumatische Belastungsstörung
Dosierung
50 bis 200 mg einmal täglich, Start meist 25 bis 50 mg
Status
Erste Wahl unter den Antidepressiva, NVL 2022, auch bei Herzerkrankung und in Stillzeit gut untersucht
Nebenwirkungen
Übelkeit, Durchfall, innere Unruhe zu Beginn, Schwitzen, sexuelle Funktionsstörungen, selten Hyponatriämie bei älteren Menschen
Medikament
Escitalopram (z. B. Cipralex, Generika)
Wirkstoff
SSRI
Indikation
Depression, Angststörungen, Zwangsstörung
Dosierung
10 bis 20 mg einmal täglich, ab 65 Jahren höchstens 10 mg
Status
Erste Wahl, NVL 2022, in Metaanalysen gute Verträglichkeit
Nebenwirkungen
Übelkeit, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, dosisabhängige QT-Verlängerung im EKG
Medikament
Venlafaxin (z. B. Efexor, Trevilor, Generika)
Wirkstoff
Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI)
Indikation
Depression, generalisierte Angststörung, soziale Phobie, Panikstörung
Dosierung
75 bis 225 mg retard einmal täglich, stationär bis 375 mg
Status
Erste Wahl oder Wechsel nach SSRI, NVL 2022
Nebenwirkungen
Übelkeit, Schwitzen, Blutdruckanstieg (dosisabhängig), sexuelle Funktionsstörungen, ausgeprägte Absetzsymptome
Medikament
Duloxetin (z. B. Cymbalta, Generika)
Wirkstoff
SNRI
Indikation
Depression, generalisierte Angststörung, schmerzhafte diabetische Neuropathie
Dosierung
60 mg einmal täglich, in Einzelfällen bis 120 mg
Status
Erste Wahl, sinnvoll bei Depression mit chronischen Schmerzen
Nebenwirkungen
Übelkeit (bei bis zu einem Viertel zu Beginn), Mundtrockenheit, Schwitzen, Verstopfung, Leberwerterhöhung, Absetzsymptome
Medikament
Mirtazapin (z. B. Remeron, Generika)
Wirkstoff
Noradrenerg und spezifisch serotonerg wirksames Antidepressivum (NaSSA)
Indikation
Depression, besonders mit Schlafstörungen und Appetitverlust
Dosierung
15 bis 45 mg abends
Status
Erste Wahl, NVL 2022
Nebenwirkungen
Müdigkeit, starke Appetitsteigerung und Gewichtszunahme, Mundtrockenheit, Ödeme, selten Blutbildveränderungen; kaum sexuelle Funktionsstörungen
Medikament
Bupropion (z. B. Wellbutrin, Elontril, Generika)
Wirkstoff
Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer (NDRI)
Indikation
Depression bei Erwachsenen, in anderer Form zur Rauchentwöhnung
Dosierung
150 bis 300 mg retard morgens
Status
Zugelassene Alternative, oft bei Antriebsmangel oder SSRI-bedingten sexuellen Nebenwirkungen
Nebenwirkungen
Schlaflosigkeit, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Unruhe, Blutdruckanstieg, erhöhtes Krampfanfallrisiko; kontraindiziert bei Epilepsie und Essstörungen
Medikament
Agomelatin (z. B. Valdoxan, Generika)
Wirkstoff
Melatonin-Rezeptor-Agonist und 5-HT2C-Antagonist
Indikation
Depression bei Erwachsenen
Dosierung
25 bis 50 mg abends
Status
Alternative bei Unverträglichkeit anderer Antidepressiva, Wirksamkeitsdaten etwas schwächer
Nebenwirkungen
Leberwerterhöhung (Kontrollen Pflicht), Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit; keine Gewichtszunahme, kaum sexuelle Funktionsstörungen, kaum Absetzsymptome
Medikament
Esketamin-Nasenspray (Spravato)
Wirkstoff
NMDA-Rezeptor-Antagonist
Indikation
Therapieresistente Depression (mindestens zwei erfolglose Antidepressiva), zusätzlich zu SSRI oder SNRI; kurzfristige Behandlung bei psychiatrischem Notfall
Dosierung
Einleitung 56 oder 84 mg zweimal pro Woche über vier Wochen, danach wöchentlich, dann alle ein bis zwei Wochen, nur unter Aufsicht in Praxis oder Klinik
Status
Zugelassen (EMA 2019), Option bei Therapieresistenz laut NVL 2022
Nebenwirkungen
Dissoziation (Gefühl der Unwirklichkeit), Schwindel, Übelkeit, Benommenheit, vorübergehender Blutdruckanstieg; Missbrauchspotenzial, kein Autofahren am Behandlungstag

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (Sertralin, Escitalopram). SSRI blockieren den Rücktransport von Serotonin in die Nervenzelle, sodass mehr Serotonin im synaptischen Spalt verfügbar ist. Dieser Effekt tritt innerhalb von Stunden ein. Die Stimmung bessert sich trotzdem erst nach Wochen, was heute vor allem mit langsamen Anpassungen der Rezeptoren, der Nervenzellneubildung im Hippocampus und veränderten Netzwerkaktivitäten erklärt wird. Die einfache Formel "Depression ist Serotoninmangel" ist wissenschaftlich überholt, die Wirksamkeit der SSRI ist davon unabhängig gut belegt. In der grossen Netzwerk-Metaanalyse von Cipriani und Kollegen (Lancet 2018, 522 Studien, 116'477 Teilnehmende) waren alle 21 untersuchten Antidepressiva wirksamer als Placebo. Escitalopram und Sertralin gehörten zu den Wirkstoffen mit dem günstigsten Verhältnis aus Wirkung und Abbruchrate. Die NVL 2022 nennt keine Antidepressiva-Klasse als grundsätzlich überlegen und empfiehlt, die Wahl nach Nebenwirkungsprofil, Begleiterkrankungen, Wechselwirkungen und früheren Erfahrungen zu treffen. SSRI sind wegen ihrer Sicherheit bei Überdosierung und der geringen Belastung für Herz und Kreislauf die am häufigsten verordnete Gruppe. In den ersten ein bis zwei Wochen können Unruhe und Übelkeit zunehmen, bevor die Wirkung einsetzt. Bei Menschen unter 25 Jahren ist in dieser Phase eine engere Begleitung wichtig, weil Studien ein leicht erhöhtes Risiko für Suizidgedanken zu Therapiebeginn zeigen. Sexuelle Nebenwirkungen (verminderte Lust, verzögerter Orgasmus) sind häufig, die Angaben schwanken je nach Erhebung zwischen etwa 20 und über 50 Prozent, und werden in der Sprechstunde oft nicht angesprochen. Wer sie bemerkt, sollte sie erwähnen: Dosisanpassung oder Wechsel auf Bupropion, Mirtazapin oder Agomelatin sind möglich.

Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (Venlafaxin, Duloxetin). SNRI hemmen zusätzlich die Wiederaufnahme von Noradrenalin. Bei Venlafaxin ist das dosisabhängig: Bis etwa 150 mg wirkt es überwiegend wie ein SSRI, erst darüber kommt der noradrenerge Effekt deutlich hinzu. In einzelnen Metaanalysen sind SNRI bei schwerer Depression geringfügig wirksamer als SSRI, der Unterschied ist klein und mit mehr Nebenwirkungen erkauft. Die NVL 2022 führt sie gleichrangig unter den Mitteln der ersten Wahl. Ihr besonderer Stellenwert liegt bei Depression mit chronischen Schmerzen (Duloxetin ist für die schmerzhafte diabetische Neuropathie zugelassen) und beim Wechsel, wenn ein SSRI nicht ausreichend geholfen hat. Unter Venlafaxin wird der Blutdruck kontrolliert, weil er ab mittleren Dosen bei einem Teil der Behandelten steigt. Venlafaxin hat eine kurze Halbwertszeit und gehört deshalb zusammen mit Paroxetin zu den Antidepressiva mit den stärksten Absetzsymptomen. Schon eine vergessene Tablette kann Schwindel und Unruhe auslösen.

Noradrenerge und spezifisch serotonerge Antidepressiva (Mirtazapin). Mirtazapin hemmt keine Wiederaufnahme. Es blockiert präsynaptische Alpha-2-Rezeptoren, wodurch mehr Noradrenalin und Serotonin freigesetzt werden, und blockiert gleichzeitig die Serotoninrezeptoren 5-HT2 und 5-HT3 sowie den Histamin-H1-Rezeptor. Die H1-Blockade erklärt die beruhigende, schlaffördernde Wirkung und den starken Appetit. Paradox ist die Dosisabhängigkeit: 15 mg machen oft müder als 30 oder 45 mg, weil bei höherer Dosis die aktivierende Komponente zunimmt. Mirtazapin ist eine gute Wahl bei Depression mit ausgeprägter Schlaflosigkeit, Appetitverlust und Gewichtsabnahme, etwa bei älteren Menschen. Weil es kaum sexuelle Nebenwirkungen und keine Übelkeit verursacht, wird es auch als Ergänzung zu einem SSRI oder SNRI eingesetzt. Die Evidenz für diese Kombination ist allerdings uneinheitlich: In der MIR-Studie (BMJ 2018, 480 Teilnehmende in britischen Hausarztpraxen) brachte die Zugabe von Mirtazapin zu einem SSRI oder SNRI nach zwölf Wochen keinen klinisch relevanten Vorteil gegenüber Placebo. Die Gewichtszunahme ist das häufigste Argument für einen Abbruch.

Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer (Bupropion). Bupropion wirkt auf Noradrenalin und Dopamin, praktisch nicht auf Serotonin. Daraus ergibt sich ein eigenes Profil: antriebssteigernd, ohne sexuelle Funktionsstörungen, ohne Gewichtszunahme, eher mit Schlafstörungen und Unruhe. Es wird morgens eingenommen. Bupropion eignet sich bei Depression mit Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Konzentrationsproblemen, als Wechsel bei SSRI-bedingten sexuellen Nebenwirkungen und bei gleichzeitigem Rauchstopp. In der STAR*D-Studie (rund 4000 Teilnehmende) war der Wechsel auf Bupropion nach einem erfolglosen ersten Antidepressivum ähnlich erfolgreich wie der Wechsel auf Sertralin oder Venlafaxin. Das Krampfanfallrisiko steigt dosisabhängig, deshalb sind Epilepsie, Essstörungen (Bulimie, Anorexie) und ein abrupter Alkohol- oder Benzodiazepinentzug Gegenanzeigen. Bei Angst als Hauptsymptom ist Bupropion weniger geeignet, weil es Unruhe verstärken kann.

Melatonin-Rezeptor-Agonisten (Agomelatin). Agomelatin aktiviert die Melatonin-Rezeptoren MT1 und MT2 und blockiert den Serotoninrezeptor 5-HT2C. Es soll so den gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus stabilisieren, der bei vielen Depressionen auftritt, und indirekt die Freisetzung von Noradrenalin und Dopamin im Stirnhirn erhöhen. Der Vorteil liegt im Nebenwirkungsprofil: keine Gewichtszunahme, kaum sexuelle Funktionsstörungen, praktisch keine Absetzsymptome. Der Nachteil: Die Wirkung gegenüber Placebo fällt in Metaanalysen kleiner aus als bei anderen Antidepressiva, und Agomelatin kann die Leber schädigen. Die Leberwerte werden deshalb vor Beginn, nach etwa drei, sechs, zwölf und 24 Wochen sowie nach jeder Dosiserhöhung kontrolliert. Bei bestehender Lebererkrankung, deutlich erhöhten Transaminasen oder höherem Alter (ab 75 Jahren) wird es nicht eingesetzt. In der Praxis ist Agomelatin eine Alternative, wenn andere Antidepressiva wegen Nebenwirkungen nicht vertragen wurden.

Trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin, Nortriptylin, Clomipramin). Trizyklika sind die ältesten Antidepressiva und hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin. Sie blockieren zusätzlich zahlreiche andere Rezeptoren (Acetylcholin, Histamin, Alpha-1), was die typischen Nebenwirkungen erklärt: Mundtrockenheit, Verstopfung, Harnverhalt, Sehstörungen, Müdigkeit, Gewichtszunahme, Blutdruckabfall beim Aufstehen und Herzrhythmusstörungen. In Überdosierung sind sie gefährlich für das Herz, was bei Menschen mit Suizidgedanken eine sorgfältige Abgabe kleiner Packungen erfordert. Ihre Wirksamkeit ist hoch, bei schwerer und stationär behandelter Depression in einigen Studien etwas höher als die der SSRI. Die NVL 2022 sieht sie deshalb nicht als erste Wahl in der ambulanten Grundversorgung, aber als Option bei schwerer Depression, bei Therapieresistenz und unter klinischer Kontrolle. Vor Beginn wird ein EKG geschrieben, bei älteren Menschen und Herzerkrankung werden sie zurückhaltend dosiert. Amitriptylin wird in niedriger Dosis (10 bis 50 mg) auch zur Schmerz- und Migräneprophylaxe verordnet. Diese Dosis reicht für eine antidepressive Wirkung nicht aus.

Lithium-Augmentation. Lithium ist ein Salz, das seit Jahrzehnten bei bipolaren Störungen eingesetzt wird. Bei unipolarer Depression, die auf ein Antidepressivum nicht ausreichend angesprochen hat, wird es zusätzlich gegeben (Augmentation). Etwa 40 bis 50 Prozent der Behandelten sprechen in Studien auf diese Ergänzung an, oft innerhalb von zwei bis vier Wochen. Die NVL 2022 empfiehlt die Lithium-Augmentation als eine der Massnahmen erster Wahl bei Nichtansprechen auf eine Monotherapie. Gleichrangig nennt sie die Zugabe bestimmter atypischer Antipsychotika (Quetiapin ist dafür zugelassen, Aripiprazol wird ausserhalb der Zulassung eingesetzt). Lithium hat als einziges Medikament gut belegte suizidverhütende Eigenschaften, was bei rezidivierender Depression mit Suizidgedanken ein wichtiges Argument ist. Die therapeutische Breite ist schmal: Der Lithiumspiegel im Blut wird regelmässig kontrolliert, das Ziel liegt bei der Augmentation meist bei 0,6 bis 0,8 mmol/l. Nieren- und Schilddrüsenwerte werden vor Beginn und dann mindestens halbjährlich bis jährlich bestimmt. Flüssigkeitsmangel (Durchfall, Hitze, Fasten) und bestimmte Medikamente (Entwässerungsmittel, ACE-Hemmer, entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen) erhöhen den Spiegel. Zittern der Hände, vermehrter Durst und häufiges Wasserlassen sind typische Nebenwirkungen, Übelkeit, Durchfall, Gangunsicherheit oder Verwirrtheit sind Warnzeichen einer Überdosierung.

Esketamin (Spravato). Esketamin ist das S-Enantiomer von Ketamin, einem Narkosemittel. Es blockiert den NMDA-Rezeptor des Botenstoffs Glutamat und wirkt damit über einen anderen Mechanismus als alle klassischen Antidepressiva. Die Wirkung setzt bei einem Teil der Behandelten innerhalb von Stunden bis Tagen ein, nicht erst nach Wochen. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat das Nasenspray 2019 für die therapieresistente Depression zugelassen, also wenn mindestens zwei Antidepressiva in ausreichender Dosis und Dauer nicht geholfen haben. Es wird immer zusätzlich zu einem SSRI oder SNRI gegeben. Seit 2021 ist es in der EU auch zur kurzfristigen Behandlung bei einem psychiatrischen Notfall im Rahmen einer schweren depressiven Episode zugelassen. Swissmedic hat Spravato ebenfalls zugelassen. In den Zulassungsstudien (TRANSFORM-Programm) war der Vorteil gegenüber Placebo plus neuem Antidepressivum mässig, in der Rückfallstudie SUSTAIN-1 (JAMA Psychiatry 2019, 705 Teilnehmende) senkte die Fortführung das Rückfallrisiko bei stabil Gebesserten um etwa die Hälfte. In ESCAPE-TRD (NEJM 2023, 676 Teilnehmende) erreichten unter Esketamin nach acht Wochen 27,1 Prozent eine Remission, unter Quetiapin-Augmentation 17,6 Prozent. Die NVL 2022 nennt Esketamin als Option bei Therapieresistenz. Die Anwendung findet ausschliesslich in einer Praxis oder Klinik statt: Die Patientin oder der Patient sprüht selbst, unter Aufsicht, und bleibt danach etwa zwei Stunden zur Beobachtung, weil Dissoziation, Benommenheit und Blutdruckanstieg auftreten können. Am Behandlungstag darf kein Fahrzeug gelenkt werden, die Heimfahrt muss organisiert sein. Wegen des Missbrauchspotenzials wird das Präparat nicht nach Hause mitgegeben. Intravenöses Ketamin wird in einigen Zentren ausserhalb der Zulassung angewendet, die Evidenz dafür ist vielversprechend, aber weniger standardisiert.

Psychotherapie: KVT, psychodynamisch, interpersonell, CBASP

Psychotherapie ist bei Depression eine eigenständige Behandlung mit eigener Evidenz. Metaanalysen der Arbeitsgruppe um Pim Cuijpers mit mehreren hundert randomisierten Studien zeigen für leichte bis mittelschwere Depression eine ähnlich grosse Wirkung wie für Antidepressiva. Bei schwerer und chronischer Depression wirkt die Kombination aus Psychotherapie und Medikament besser als jede der beiden Behandlungen allein. Die NVL 2022 empfiehlt Psychotherapie bei jedem Schweregrad: als Option bei leichter, als gleichwertige Alternative bei mittelgradiger und in Kombination bei schwerer Depression.

Kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Die KVT ist das am besten untersuchte Verfahren. Sie setzt an zwei Stellen an. Erstens am Verhalten: Depression führt zu Rückzug, weniger angenehmen Aktivitäten und damit zu noch weniger positiven Erfahrungen. Die Verhaltensaktivierung durchbricht diesen Kreislauf mit konkreten, kleinen Wochenplänen. Zweitens an den Gedanken: Typische Denkmuster ("Ich bin wertlos", "Es wird nie besser") werden erkannt, überprüft und durch realistischere Bewertungen ersetzt. Eine Kurzzeittherapie umfasst meist 12 bis 25 Sitzungen. Nach Abschluss einer KVT ist das Rückfallrisiko in Studien geringer als nach dem Absetzen eines Antidepressivums. Für Menschen mit drei oder mehr Episoden gibt es eine spezielle Form zur Rückfallverhütung, die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (MBCT), die das Rückfallrisiko in einer Metaanalyse mit individuellen Patientendaten (JAMA Psychiatry 2016, 1258 Teilnehmende) um etwa ein Drittel senkte.

Psychodynamische Verfahren. Tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie gehen davon aus, dass aktuelle Beschwerden mit unbewussten Konflikten, frühen Beziehungserfahrungen und wiederkehrenden Beziehungsmustern zusammenhängen. In der Therapie werden diese Muster erkennbar, auch in der Beziehung zur Therapeutin oder zum Therapeuten. Die Wirksamkeit der psychodynamischen Kurzzeittherapie bei Depression ist in randomisierten Studien belegt und unterscheidet sich in direkten Vergleichen nicht wesentlich von der KVT. Für die analytische Langzeittherapie gibt es weniger randomisierte Daten, aber Hinweise auf anhaltende Wirkungen bei chronischer Depression. In Deutschland sind tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie Kassenleistung, ebenso die Verhaltenstherapie und seit 2020 die systemische Therapie für Erwachsene.

Interpersonelle Psychotherapie (IPT). Die IPT wurde speziell für Depression entwickelt und ist zeitlich begrenzt, meist 12 bis 20 Sitzungen. Sie konzentriert sich auf einen von vier Problembereichen, der mit dem Beginn der Depression zusammenhängt: Trauer, Konflikte in wichtigen Beziehungen, Rollenwechsel (Trennung, Pensionierung, Elternschaft, Jobverlust) oder soziale Isolation. Die IPT ist in Studien ähnlich wirksam wie die KVT und wird besonders bei Depression nach einschneidenden Lebensereignissen, in der Schwangerschaft und nach der Geburt eingesetzt. Sie ist in der Schweiz und in Deutschland verbreitet, in Deutschland aber kein eigenständiges Richtlinienverfahren, sondern wird innerhalb der Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch fundierten Therapie angewendet.

CBASP (Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy). CBASP wurde vom US-Psychologen James McCullough für chronische Depression entwickelt, also für Depressionen, die zwei Jahre oder länger anhalten, oft mit frühem Beginn und belastenden Kindheitserfahrungen. Im Zentrum steht die Erfahrung, dass das eigene Verhalten keine Wirkung auf andere hat. In Situationsanalysen wird geübt, wie konkrete Gespräche anders verlaufen könnten. Die Therapeutin oder der Therapeut bringt die eigene Reaktion gezielt ein ("Was löst das, was Sie gerade sagen, bei mir aus?"). Eine deutsche Multicenterstudie (Schramm und Kollegen, JAMA Psychiatry 2017, 268 Teilnehmende) zeigte nach 20 Wochen eine signifikant stärkere Besserung unter CBASP als unter unterstützender Psychotherapie. Die NVL 2022 empfiehlt bei chronischer Depression Psychotherapie, bevorzugt in Kombination mit einem Antidepressivum, und nennt CBASP als speziell entwickeltes Verfahren.

Für alle Verfahren gilt: Die Beziehung zwischen Therapeutin oder Therapeut und Patientin oder Patient sagt den Erfolg mindestens so gut voraus wie die Methode. Wer sich nach drei bis fünf Sitzungen nicht verstanden fühlt, darf das ansprechen und auch wechseln. Die probatorischen Sitzungen in Deutschland und die ersten Sitzungen in der Schweiz und in Österreich sind genau dafür gedacht.

Weitere Verfahren: EKT, rTMS, Lichttherapie, Sport, digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA wie deprexis, HelloBetter, selfapy)

Elektrokonvulsionstherapie (EKT). Die EKT ist das wirksamste Verfahren bei schwerer und therapieresistenter Depression, trotz ihres schlechten Rufs aus alten Filmen. Unter Kurznarkose und Muskelentspannung wird über Elektroden auf der Kopfhaut ein kurzer Krampfanfall im Gehirn ausgelöst, der etwa 20 bis 60 Sekunden dauert. Die Behandlung erfolgt zwei- bis dreimal pro Woche, meist 8 bis 12 Sitzungen. Die Ansprechraten liegen bei schwerer Depression etwa zwischen 60 und 80 Prozent, auch wenn mehrere Medikamente zuvor versagt haben. Bei psychotischer Depression, bei Nahrungsverweigerung und bei akuter Suizidalität wirkt sie oft schneller als Medikamente. Die häufigste Nebenwirkung sind Gedächtnisstörungen für die Zeit rund um die Behandlung, die sich bei den meisten innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten zurückbilden. Kopfschmerzen und Muskelkater am Behandlungstag kommen vor. Nach erfolgreicher EKT ist das Rückfallrisiko hoch, deshalb folgt eine Erhaltungstherapie mit Medikamenten oder Erhaltungs-EKT. Die NVL 2022 empfiehlt, die EKT bei schwerer, therapieresistenter Depression anzubieten. Sie wird in psychiatrischen Kliniken durchgeführt und von Grundversicherung, GKV und ÖGK übernommen.

Repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS). Bei der rTMS erzeugt eine Spule am Kopf ein Magnetfeld, das in einem umschriebenen Bereich der Hirnrinde (meist im linken dorsolateralen präfrontalen Kortex) Nervenzellen anregt. Eine Narkose ist nicht nötig, die Behandelten sind wach. Klassisch sind 20 bis 30 Sitzungen an Werktagen über vier bis sechs Wochen, je etwa 20 bis 40 Minuten. Die neuere Theta-Burst-Stimulation verkürzt die Sitzung auf wenige Minuten bei vergleichbarer Wirkung. Die Ansprechraten liegen bei Therapieresistenz etwa zwischen 30 und 50 Prozent, also unter denen der EKT, dafür ohne Narkose und ohne Gedächtnisstörungen. Kopfschmerzen und Missempfindungen an der Kopfhaut sind häufig, Krampfanfälle sehr selten. Die NVL 2022 nennt die rTMS als Option bei Nichtansprechen auf mindestens ein Antidepressivum. Die Kostenübernahme ist uneinheitlich und wird im Abschnitt Versorgung beschrieben.

Lichttherapie. Bei Depression mit saisonalem Muster (Winterdepression) ist Lichttherapie eine wirksame Behandlung, auch als alleinige Therapie. Empfohlen werden 10'000 Lux für etwa 30 Minuten täglich, kurz nach dem Aufstehen, über mindestens zwei bis vier Wochen. Die Wirkung tritt oft innerhalb einer Woche ein. Die Lampe muss nicht direkt angeschaut werden, sie steht seitlich im Blickfeld, während man frühstückt oder liest. Nebenwirkungen sind leichte Kopfschmerzen, Augenreizung und Unruhe. Bei Augenerkrankungen der Netzhaut und bei Einnahme lichtempfindlich machender Medikamente wird vorher die Augenärztin oder der Augenarzt gefragt. Bei bipolarer Störung kann Licht eine Manie auslösen. Auch bei nicht saisonaler Depression gibt es Hinweise auf eine Wirkung als Ergänzung zu einem Antidepressivum.

Sport und Bewegung. Regelmässiges körperliches Training senkt depressive Symptome mit einer mittleren Effektstärke, in einigen Metaanalysen vergleichbar mit Psychotherapie oder Medikamenten bei leichter bis mittelschwerer Depression. Ein systematisches Review mit Netzwerk-Metaanalyse (BMJ 2024, 218 Studien, 14'170 Teilnehmende) fand die deutlichsten Effekte für Gehen oder Joggen, Yoga, Krafttraining und gemischtes Ausdauertraining, wobei intensiveres Training mehr brachte. Die NVL 2022 empfiehlt, Menschen mit Depression ein strukturiertes körperliches Training anzubieten, sofern keine Gegenanzeigen bestehen. Realistisch ist der Einstieg mit zwei bis drei Einheiten pro Woche von 30 bis 45 Minuten, in einer Gruppe oder mit fixen Terminen, weil der fehlende Antrieb genau das Losgehen erschwert. Bei mittelschwerer oder schwerer Depression kommt Bewegung zur Therapie hinzu und ersetzt sie nicht.

Weitere Massnahmen. Die Wachtherapie (therapeutischer Schlafentzug, eine Nacht oder die zweite Nachthälfte wach bleiben) bessert die Stimmung bei etwa der Hälfte der Behandelten innerhalb eines Tages, der Effekt hält ohne Begleitmassnahmen aber meist nur bis zum nächsten Schlaf. Sie wird vor allem stationär eingesetzt. Johanniskraut-Extrakt in ausreichender Dosis ist bei leichter bis mittelschwerer Depression wirksamer als Placebo, hat aber starke Wechselwirkungen, unter anderem mit der Pille, Blutverdünnern und HIV-Medikamenten. Er wird deshalb nur nach Rücksprache eingenommen.

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA). Internetbasierte Programme auf Basis der KVT, oft mit Begleitung durch Psychologinnen oder Psychologen, haben in randomisierten Studien eine kleine bis mittlere Wirkung auf depressive Symptome. Die Wirkung ist grösser, wenn eine Fachperson die Nutzung begleitet. In Deutschland können Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeutinnen seit 2020 DiGA auf Rezept verordnen, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in sein DiGA-Verzeichnis aufgenommen hat. Für Depression gehören dazu unter anderem deprexis, das Online-Programm von selfapy und Kurse von HelloBetter. Eine Verordnung deckt meist 90 Tage ab, die GKV übernimmt die Kosten vollständig. Alternativ genehmigt die Krankenkasse die DiGA auf Antrag direkt, wenn die Diagnose belegt ist. Die NVL 2022 empfiehlt solche Programme besonders bei leichter Depression und als Überbrückung von Wartezeiten, nicht als Ersatz für eine Psychotherapie bei schwerer Depression. In der Schweiz und in Österreich gibt es kein vergleichbares Erstattungssystem. Einzelne Programme sind dort als Selbstzahlerangebot oder über Arbeitgeber und Versicherungsmodelle zugänglich.

Absetzen von Antidepressiva: Absetzsymptome und Ausschleichen

Antidepressiva machen nicht abhängig im Sinn einer Sucht: Es gibt kein Verlangen nach dem Medikament und keine Dosissteigerung, um denselben Effekt zu erreichen. Das Gehirn hat sich aber an die Substanz angepasst, und ein zu schneller Stopp kann Absetzsymptome auslösen. Eine grosse Metaanalyse (Henssler und Kollegen, Lancet Psychiatry 2024, 79 Studien, mehr als 21'000 Teilnehmende) fand Absetzsymptome bei etwa 31 Prozent der Menschen, die ein Antidepressivum beendeten, und bei etwa 17 Prozent nach dem Absetzen von Placebo. Etwa jede sechste bis siebte Person hat demnach Symptome, die auf das Medikament zurückgehen. Schwere Absetzsymptome traten bei etwa 3 Prozent auf. Einzelne Betroffene berichten über Beschwerden, die Monate anhalten, diese Verläufe sind in Studien schlecht erfasst und werden in der Fachwelt zunehmend ernst genommen.

Typische Absetzsymptome sind Schwindel und Benommenheit, grippeähnliche Beschwerden, Übelkeit, Schlafstörungen und lebhafte Träume, Reizbarkeit, Weinerlichkeit und Angst sowie kurze elektrisierende Missempfindungen im Kopf oder in den Gliedern, die viele als "Stromschläge" beschreiben. Sie beginnen meist zwei bis vier Tage nach der letzten Dosis oder Dosisreduktion und klingen bei den meisten innerhalb von ein bis zwei Wochen ab. Das Risiko hängt vom Wirkstoff ab. Hoch ist es bei Paroxetin und Venlafaxin (kurze Halbwertszeit), mittel bei Sertralin, Escitalopram, Citalopram und Duloxetin, gering bei Fluoxetin (sehr lange Halbwertszeit), Agomelatin und Bupropion. Absetzsymptome sind von einem Rückfall zu unterscheiden: Sie treten rasch auf, enthalten oft körperliche Symptome, die zur Depression nicht passen (Schwindel, Stromschläge), und verschwinden innerhalb von Stunden bis Tagen, wenn die vorherige Dosis wieder eingenommen wird. Ein Rückfall entwickelt sich langsamer, über Wochen.

Wann absetzen? Die NVL 2022 empfiehlt, ein wirksames Antidepressivum nach Abklingen der Symptome mindestens sechs bis zwölf Monate in unveränderter Dosis weiterzunehmen (Erhaltungstherapie), um einen frühen Rückfall zu verhindern. Bei rezidivierender Depression mit zwei oder mehr Episoden und relevanten Beeinträchtigungen wird eine längere Rezidivprophylaxe von mindestens zwei Jahren empfohlen, bei häufigen schweren Episoden auch länger. Wie gross das Rückfallrisiko nach dem Absetzen ist, zeigte die ANTLER-Studie (NEJM 2021, 478 Teilnehmende in britischen Hausarztpraxen, die sich nach mindestens neun Monaten Therapie gut fühlten): Innerhalb eines Jahres erlitten 56 Prozent der Absetzgruppe einen Rückfall, in der Gruppe, die weiter behandelt wurde, waren es 39 Prozent. Ein Absetzversuch braucht deshalb einen Plan und eine Absprache, was bei ersten Rückfallzeichen passiert.

Wie ausschleichen? Ein abrupter Stopp wird vermieden. Die Dosis wird schrittweise über mehrere Wochen reduziert, nach langer Einnahme oder bei früheren Absetzsymptomen über Monate. Neuere Empfehlungen (unter anderem Horowitz und Taylor, Lancet Psychiatry 2019, und die britischen Maudsley Deprescribing Guidelines) schlagen eine sogenannte hyperbolische Reduktion vor: Die Schritte werden zum Ende hin kleiner, weil die letzten Milligramm am Rezeptor überproportional viel bewirken. Ein Beispiel ist eine Reduktion um jeweils etwa 10 bis 25 Prozent der aktuellen Dosis alle zwei bis vier Wochen. Für die letzten Schritte braucht es oft Tabletten in kleiner Stärke, Tropfen, Lösungen oder in Apotheken hergestellte Zwischendosen. Bei Venlafaxin und Paroxetin wird manchmal vorübergehend auf Fluoxetin umgestellt, das sich dann leichter absetzen lässt. Treten deutliche Absetzsymptome auf, wird zur letzten gut vertragenen Dosis zurückgekehrt und danach langsamer reduziert. Günstig ist ein Zeitraum ohne grosse Belastungen, mit Unterstützung der behandelnden Fachperson, und idealerweise mit einer laufenden oder abgeschlossenen Psychotherapie, die das Rückfallrisiko senkt.

Erfahrungsberichte

Was Patienten erzählen

Die Erfahrungsberichte sind redaktionell verfasste, anonymisierte Beispiele auf Basis typischer Therapieverläufe. Sie ersetzen keine medizinische Beratung.

Bericht 1

Erfolg

"Ich habe zwei Jahre lang Burnout gesagt, weil Depression nach Versagen klang"

Reto M., 54, Buchs SG (CH)

Therapiedauer
9 Monate
Therapie
Sertralin (Zoloft, heute Generikum) 100 mg plus kognitive Verhaltenstherapie

Ich war 26 Jahre bei derselben Maschinenbaufirma im Rheintal, zuletzt Leiter Arbeitsvorbereitung. Im Februar kam die Umstrukturierung, und im März war ich draussen. Mit 54 schreibst du Bewerbungen und bekommst Absagen, die nach Textbaustein riechen. Das hat mich getroffen, klar. Aber eigentlich ging es mir schon vorher schlecht, und das gebe ich erst heute zu.

Schon zwei Jahre vor der Kündigung habe ich schlecht geschlafen. Um drei Uhr wach, Kopf voller Pendenzen, um fünf aufgestanden, weil Liegen schlimmer war. Am Wochenende sass ich auf dem Sofa und habe nicht einmal mehr den Garten gemacht, der mir sonst heilig war. Meiner Frau habe ich gesagt, ich sei halt ausgebrannt. Burnout, das sagt man bei uns im Betrieb. Das klingt nach zu viel gearbeitet. Depression klang für mich nach jemandem, der sich nicht zusammenreissen kann.

Bericht 2

Erfolg

"Am schwierigsten war nicht die Klasse, sondern das Lehrerzimmer"

Birgit H., 47, Graz (AT)

Therapiedauer
14 Monate
Therapie
Escitalopram (Cipralex, heute Generikum) 10 bis 15 mg, Wiedereingliederungsteilzeit

Ich unterrichte Deutsch und Geschichte an einer Mittelschule in der Steiermark. Seit 21 Jahren. Ich hatte immer den Ruf, die zu sein, die alles schupft: Klassenvorstand, Schulball, Elterngespräche, nebenbei die demente Mutter. Und irgendwann im November vorletzten Jahres bin ich vor der Klasse gestanden und hab nicht mehr gewusst, was ich sagen wollte. Nicht kurz. Minutenlang. Ein Schüler hat gefragt, ob mir schlecht ist.

Ich bin dann nach Hause und hab drei Tage geweint. Mein Hausarzt hat mich krankgeschrieben und an eine Fachärztin für Psychiatrie überwiesen. Da habe ich sechs Wochen auf einen Kassentermin gewartet. Das war die schlimmste Zeit, ehrlich gesagt. Ich habe in dieser Zeit fast nur geschlafen, zwölf Stunden, und war trotzdem nie ausgeruht. PHQ-9 bei der Psychiaterin: 17.

Bericht 3

Erfolg

"Ich wollte zuerst schauen, ob reden reicht, und meine Ärztin hat das ernst genommen"

Lea S., 29, Bern (CH)

Therapiedauer
7 Monate
Therapie
Psychologische Psychotherapie (kognitive Verhaltenstherapie) im Anordnungsmodell, keine Medikamente

Ich arbeite als Pflegefachfrau auf einer Medizinstation in Bern. Letzten Winter habe ich gemerkt, dass ich an meinen freien Tagen gar nichts mehr mache. Nicht einmal Serien, weil mich die Handlung nicht interessiert hat. Im Dienst ging es irgendwie, weil der Ablauf mich getragen hat. Zuhause war einfach grau. Und ich hatte dauernd das Gefühl, ich sei eine schlechte Pflegende, eine schlechte Freundin, eine schlechte Tochter.

Weil ich vom Fach bin, habe ich mich lange selbst diagnostiziert und dann selbst abgewunken. Meine Mitbewohnerin hat irgendwann gesagt: Lea, du siehst seit Wochen aus wie nach einem Nachtdienst, auch wenn du keinen hattest. Da bin ich zu meiner Hausärztin.

Bericht 4

Erfolg

"Nach dem dritten Medikament dachte ich, ich bin einfach so gebaut"

Thomas K., 61, Kassel (DE)

Therapiedauer
11 Monate mit Esketamin, insgesamt 4 Jahre in Behandlung
Therapie
Esketamin-Nasenspray (Spravato) 56 bis 84 mg plus Venlafaxin

Ich bin Vermessungsingenieur aus Kassel, seit zwei Jahren im Vorruhestand, was nicht ganz freiwillig war. Meine erste schwere Episode hatte ich mit 57. Davor gab es schon schlechte Phasen, aber die gingen von allein vorbei. Diese nicht.

Ich habe dann über drei Jahre drei Antidepressiva probiert, jeweils in ausreichender Dosis und lange genug, das hat mir meine Psychiaterin hinterher noch einmal bestätigt. Erst Citalopram, dann Sertralin, dann Mirtazapin dazu, später Venlafaxin. Unter Mirtazapin habe ich zwölf Kilo zugenommen und trotzdem nichts gefühlt. Unter Venlafaxin ging es ein bisschen besser, aber nur von schlecht auf mittelschlecht. Dazu hatte ich Verhaltenstherapie, 60 Stunden. Die Therapeutin war gut, ich war nur nicht erreichbar.

Bericht 5

In Anpassung

"Die Stimmung wurde besser, dafür hab ich geschwitzt wie in der Sauna"

Ingrid W., 66, Linz (AT)

Therapiedauer
5 Monate
Therapie
Venlafaxin retard (Efectin, heute Generikum), Dosis von 225 mg auf 150 mg reduziert

Mein Mann ist vor zwei Jahren gestorben, nach 41 Jahren Ehe. Am Anfang war das Trauer, das war richtig so, und ich wollte da auch keine Tabletten. Aber im zweiten Winter bin ich nicht mehr aus der Wohnung in Linz hinausgegangen. Meine Tochter kam aus Wien und hat gesehen, dass der Kühlschrank leer war und die Post ungeöffnet. Sie hat gesagt: Mama, das ist keine Trauer mehr.

Mein Hausarzt kennt mich seit dreissig Jahren. Er hat den Fragebogen gemacht, 18 Punkte, und gemeint, Trauer und Depression können sich überlagern, und bei mir sei inzwischen das zweite im Vordergrund. Er hat mir zuerst ein SSRI gegeben, das hat nach acht Wochen nur wenig gebracht. Dann hat er auf Venlafaxin gewechselt und langsam hochdosiert, 75, dann 150, dann 225 mg.

Bericht 6

In Anpassung

"Ich hatte die Wahl zwischen guter Laune und meiner Beziehung, so kam es mir jedenfalls vor"

Jonas F., 34, Leipzig (DE)

Therapiedauer
3 Monate nach Wechsel, davor 10 Monate Sertralin
Therapie
Wechsel von Sertralin 100 mg auf Bupropion retard (Elontril) 150 bis 300 mg

Ich bin Softwareentwickler in Leipzig, und vor gut einem Jahr bin ich in eine Depression gerutscht, ohne dass es einen richtigen Auslöser gab. Das hat mich am meisten verunsichert. Keine Trennung, kein Jobverlust. Einfach irgendwann nur noch funktioniert und mich am Wochenende vor jedem Treffen gedrückt.

Meine Hausärztin hat mir Sertralin verschrieben, und nach acht Wochen ging es mir wirklich besser. PHQ-9 von 16 auf 7. Ich will das Medikament nicht schlechtreden, es hat mich aus dem Loch geholt.

Bericht 7

Frühe Phase

"Sechs Monate Wartezeit, hat die Frau am Telefon gesagt, und ich hab einfach aufgelegt"

Mia R., 19, Münster (DE)

Therapiedauer
4 Wochen seit Diagnose
Therapie
Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) gegen Depression, psychotherapeutische Sprechstunde, Warteliste für Verhaltenstherapie

Ich hab im Oktober mit dem Studium angefangen, Biologie in Münster, weg von zu Hause in Osnabrück. Alle haben gesagt, das wird die beste Zeit meines Lebens. Nach drei Wochen bin ich nicht mehr in die Vorlesungen gegangen. Ich lag im Wohnheim, hab Videos geschaut, ohne zu wissen welche, und meiner Mutter am Telefon gesagt, alles super.

Kurz vor Weihnachten bin ich zur Hausärztin in der Nähe vom Campus, eigentlich wegen Kopfschmerzen. Sie hat gefragt, wie ich schlafe. Ich hab angefangen zu heulen und konnte nicht mehr aufhören. Sie hat dann den PHQ-9 mit mir gemacht. 17. Sie hat auch gefragt, ob ich Gedanken habe, nicht mehr leben zu wollen. Ich hatte so Gedanken manchmal, eher so ein "wäre auch egal". Sie hat das ernst genommen, mir die Nummer der TelefonSeelsorge aufgeschrieben und mit mir vereinbart, dass ich mich sofort melde oder die 112 anrufe, wenn das schlimmer wird. Das hab ich mir aufs Handy gespeichert.

Bericht 8

Abgesetzt

"Die Stimmung war besser, aber ich habe mich im Spiegel nicht mehr erkannt."

Jonas W., 34, Leipzig (DE)

Therapiedauer
14 Monate
Therapie
Mirtazapin 30 mg, danach ausgeschlichen, Verhaltenstherapie

Angefangen hat es im Winter nach einer Trennung. Ich bin Lokführer, Schichtdienst, und irgendwann konnte ich nicht mehr schlafen, egal wie müde ich war. Morgens um drei lag ich wach und habe meine Fehler durchgezählt. Gegessen habe ich kaum noch, in zwei Monaten waren vier Kilo weg. Mein Hausarzt hat mich krankgeschrieben, den PHQ-9 mit mir ausgefüllt (19 Punkte) und mir Mirtazapin (Remergil) vorgeschlagen. Seine Begründung klang logisch: Das Mittel macht müde und hungrig, und genau das fehlte mir ja.

Er hatte recht, zumindest am Anfang. Schon in der ersten Woche habe ich wieder sieben Stunden am Stück geschlafen. Das allein hat mir so viel zurückgegeben, dass ich fast geheult habe. Nach etwa sechs Wochen merkte ich, dass auch die Stimmung mitzog. Ich konnte wieder Fussball schauen, ohne nach zehn Minuten abzuschalten. Nach drei Monaten stand ich bei 9 Punkten und bin stufenweise zurück in den Dienst.

Bericht 9

Abgesetzt

"Ich dachte, ich lasse einfach eine Tablette weg. Mein Kopf hat das anders gesehen."

Claudia F., 46, Winterthur (CH)

Therapiedauer
6 Jahre Paroxetin, davon 7 Monate Ausschleichen
Therapie
Paroxetin 20 mg, begleitetes Ausschleichen in kleinen Schritten

Ich nehme es mir bis heute ein bisschen übel, wie naiv ich war. Paroxetin (Deroxat) habe ich sechs Jahre lang genommen, nach einer mittelschweren Depression, die damals mit einem Burnout im Treuhandbüro zusammenfiel. Es ging mir längst gut. Ich hatte das Gefühl, das Medikament sei nur noch Gewohnheit, und an einem Freitag im März habe ich beschlossen: fertig. Ohne Hausärztin, ohne Plan. Ich wollte es einfach los sein.

Am Sonntag fing es an. Ich nenne es Stromschläge, andere sagen Brain Zaps. Bei jeder schnellen Augenbewegung ein kurzes Zischen im Kopf, als würde jemand an einem Kabel ziehen. Dazu Schwindel, als wäre ich auf einem Schiff, und eine Gereiztheit, die ich von mir nicht kannte. Ich habe meine Tochter wegen einer offenen Zahnpastatube so angeschrien, dass sie geweint hat. In der Nacht kamen Schweissausbrüche und wirre Träume. Am Mittwoch konnte ich nicht zur Arbeit, weil mir beim Blick auf den Bildschirm schlecht wurde.

Bericht 10

Erfolg

"Alle haben mir gratuliert, und ich wollte nur, dass jemand das Baby nimmt."

Lena M., 31, Linz (AT)

Therapiedauer
9 Monate
Therapie
Sertralin 100 mg in der Stillzeit, Mutter-Kind-Einheit, Psychotherapie

Mein Sohn kam im Mai zur Welt, ein Wunschkind, eine unkomplizierte Geburt. Die ersten Tage habe ich geheult, das kannte ich als Baby Blues aus jedem Ratgeber. Nur hat es nicht aufgehört. Nach vier Wochen konnte ich nicht schlafen, auch wenn der Kleine schlief. Ich lag neben dem Gitterbett und habe auf seine Atmung gehört. Ich hatte Angst, ihn zu baden, Angst, mit ihm über die Strasse zu gehen. Und ich fühlte nichts für ihn. Das war das Schlimmste, und das habe ich niemandem gesagt.

Gemerkt hat es meine Hebamme beim Hausbesuch in der sechsten Woche. Sie hat mich den Edinburgh-Fragebogen ausfüllen lassen, 21 Punkte, und dann gefragt, wie es mir wirklich geht. Ich habe ihr erzählt, dass ich manchmal denke, mein Sohn wäre bei einer anderen Mutter besser dran. Sie hat mich am gleichen Tag mit der Frauenärztin und einer Psychiaterin vernetzt.

Bericht 11

Erfolg

"Der Doktor hat gesagt, Trauer ist keine Krankheit. Aber das, was ich hatte, war mehr."

Hanspeter R., 74, Burgdorf (CH)

Therapiedauer
8 Monate
Therapie
Mirtazapin 15 mg, Gesprächstermine beim Hausarzt, Seniorentreff

Margrit und ich waren 49 Jahre verheiratet. Sie ist im Herbst an einem Krebs gestorben, der erst sehr spät entdeckt wurde. Elf Wochen von der Diagnose bis zur Beerdigung. Danach war es still im Haus, und ich bin in dieser Stille fast verschwunden.

Ich habe aufgehört zu kochen. Ich habe aufgehört, die Zeitung zu lesen, die ich seit sechzig Jahren lese. Ich bin um sechs Uhr abends ins Bett und um drei Uhr morgens aufgewacht und dann in der Küche gesessen, bis es hell wurde. Im Frühling hatte ich sieben Kilo verloren. Meine Tochter in Bern hat bemerkt, dass ich mich am Telefon an Sachen nicht erinnere, die sie mir am Vortag erzählt hatte. Sie hat Angst bekommen, ich werde dement, so wie mein Vater es wurde. Ehrlich gesagt hatte ich die gleiche Angst.

Bericht 12

In Anpassung

"Beim dritten Mal wusste ich, was kommt. Das hat es nicht leichter gemacht, nur schneller."

Sabine T., 52, Münster (DE)

Therapiedauer
3 Monate in der aktuellen Episode, insgesamt 11 Jahre Behandlung
Therapie
Venlafaxin 225 mg, Lithium-Augmentation, Erhaltungstherapie mit Frühwarnplan

Meine erste Depression hatte ich mit 41, die zweite mit 46. Beide Male hat ein Antidepressivum nach einigen Monaten geholfen, beide Male habe ich es nach etwa einem Jahr wieder abgesetzt, weil es mir gut ging. Beim zweiten Mal hat mir mein Psychiater gesagt, dass nach zwei Episoden das Risiko für eine dritte deutlich steigt. Ich habe das gehört und trotzdem abgesetzt. Ich wollte nicht für immer eine Patientin sein.

Die dritte Episode kam letzten Herbst. Ich bin Lehrerin an einer Gesamtschule, und es fing an wie immer: Ich habe die Korrekturen liegen lassen, bin am Wochenende nicht mehr aus dem Schlafanzug gekommen, habe Freundinnen abgesagt. Diesmal habe ich aber nach zwei Wochen beim Psychiater angerufen, nicht nach zwei Monaten. Das ist der einzige Fortschritt, den ich mir selbst zuschreibe.

Bericht 13

Frühe Phase

"Ich dachte, ich bin einfach faul. Die Beraterin hat das anders genannt."

Elias K., 21, Graz (AT)

Therapiedauer
6 Wochen
Therapie
Psychologische Studierendenberatung, Laufgruppe, Wartezeit auf Psychotherapie

Ich studiere Maschinenbau im dritten Semester. Im zweiten habe ich zwei Prüfungen verhaut, im dritten bin ich zu den Vorlesungen gar nicht mehr hingegangen. Meine WG dachte, ich zocke die ganze Nacht. Eigentlich habe ich im Bett gelegen und YouTube laufen lassen, damit es nicht so still ist. Ich hab mich wie ein kompletter Versager gefühlt, und meinen Eltern in der Steiermark habe ich am Telefon erzählt, dass eh alles passt.

Ein Freund hat mir die Psychologische Studierendenberatung gezeigt. Er war selbst dort, das hat er mir vorher nie erzählt. Der Termin war kostenlos, und ich bekam ihn nach zehn Tagen. Ich bin hin, weil ich dachte, die geben mir Tipps fürs Lernen. Die Beraterin hat mich stattdessen gefragt, wie lange ich mich schon so fühle, ob ich noch Spass an irgendwas habe, wie ich schlafe. Dann hat sie mich den PHQ-9 ausfüllen lassen. 16 Punkte. Sie hat gesagt, das sei eine mittelgradige depressive Episode, wahrscheinlich, die endgültige Diagnose müsse ein Arzt oder eine Psychotherapeutin stellen.

Bericht 14

Frühe Phase

"Ich hatte Bilder aus einem alten Film im Kopf. Die Wirklichkeit war ein Aufwachraum und ein Becher Tee."

Martina S., 58, Freiburg im Breisgau (DE)

Therapiedauer
5 Wochen
Therapie
Elektrokonvulsionstherapie (EKT), 10 Behandlungen bisher, dazu Sertralin 150 mg

Ich war fast zwei Jahre depressiv, bevor jemand das Wort EKT ausgesprochen hat. In der Zeit habe ich vier Antidepressiva ausprobiert, einzeln und in Kombination, dazu eine Lithium-Augmentation, die ich wegen Nierenwerten abbrechen musste. Zweimal war ich stationär. Ich habe meine Stelle in der Buchhaltung einer Stadtverwaltung verloren, nicht offiziell, aber ich war so lange krankgeschrieben, dass ich in die Erwerbsminderungsrente gerutscht bin.

Im vorletzten Winter gab es eine Phase, in der ich nicht mehr leben wollte. Ich habe meiner Tochter eine Nachricht geschrieben, die sie richtig verstanden hat. Sie ist am gleichen Abend gekommen und mit mir in die Notaufnahme der Uniklinik gefahren. Ich habe dort offen gesagt, was in mir los ist, und wurde aufgenommen. Ich schreibe das hier, weil ich lange dachte, solche Gedanken darf man nicht laut sagen. Doch, darf man. Das war der Abend, an dem es angefangen hat, besser zu werden, auch wenn ich das damals nicht so empfunden habe.

Versorgung & Kosten

Vom ersten Gespräch zur Begleitung

1

Hausarztpraxis

Für die meisten Menschen ist die Hausärztin oder der Hausarzt die erste Anlaufstelle, und das ist sinnvoll. In der Praxis werden Symptome, Dauer, Schweregrad und Suizidgedanken erfragt, oft mit kurzen Fragebögen wie dem PHQ-9. Gleichzeitig werden körperliche Ursachen ausgeschlossen, unter anderem eine Schilddrüsenunterfunktion, Blutarmut, Vitamin-B12-Mangel und Medikamentennebenwirkungen.

2

Psychiatrie oder Psychotherapie

Bei leichter Depression kann die Hausarztpraxis selbst begleiten. Bei mittelgradiger oder schwerer Depression, bei Unsicherheit über die Diagnose, bei Suizidgedanken, bei fehlendem Ansprechen nach sechs bis acht Wochen oder bei Wunsch nach Psychotherapie folgt die Überweisung oder Anordnung zu einer Fachärztin oder einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder zu einer psychologischen Psychotherapeutin oder einem psychologischen Psychotherapeuten. Bei akuter Suizidgefahr ist der direkte Weg in eine psychiatrische Notfallstation oder Klinik richtig.

3

Therapieplan

Gemeinsam wird entschieden, ob Psychotherapie, Medikament oder beides passt, je nach Schweregrad, Vorgeschichte, eigenen Präferenzen und Wartezeit. Die NVL 2022 legt grossen Wert auf diese partizipative Entscheidung. Zum Plan gehören auch konkrete Termine zur Wirkungskontrolle, in der Akutphase meist alle ein bis zwei Wochen, und eine Absprache, was bei einer Krise zu tun ist.

4

Begleitung und Rückfallschutz

Nach Abklingen der Symptome folgt die Erhaltungsphase mit seltener werdenden Terminen. Bei Arbeitsunfähigkeit wird eine schrittweise Wiedereingliederung geplant, in der Schweiz oft mit Unterstützung der Invalidenversicherung (Früherfassung und Frühintervention), in Deutschland über das Hamburger Modell. Frühwarnzeichen eines Rückfalls werden schriftlich festgehalten, damit schnell reagiert werden kann.

Neben der ambulanten Behandlung gibt es zwei intensivere Stufen. Die tagesklinische Behandlung bietet an fünf Tagen pro Woche ein volles Programm aus Einzel- und Gruppentherapie, Bewegung, Ergotherapie und ärztlicher Behandlung, die Nächte und Wochenenden verbringen die Behandelten zu Hause. Sie dauert meist sechs bis zwölf Wochen und eignet sich, wenn die ambulante Behandlung nicht reicht, aber ein stabiles Umfeld vorhanden ist. Die stationäre Behandlung in einer psychiatrischen oder psychosomatischen Klinik ist angezeigt bei akuter Suizidgefahr, schwerer Depression mit Unfähigkeit zur Selbstversorgung, psychotischen Symptomen, Therapieresistenz und wenn das Umfeld zusätzlich belastet. Die Aufenthaltsdauer liegt meist bei vier bis acht Wochen. Psychiatrische Kliniken behandeln die akute Krise, psychosomatische Kliniken und in Deutschland die Rehabilitationskliniken der Rentenversicherung eher die längerfristige Stabilisierung und Rückkehr in den Beruf.

Bei der Psychotherapie unterscheiden sich die drei Länder am stärksten. In der Schweiz gilt seit dem 1. Juli 2022 das Anordnungsmodell. Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit eidgenössischem Weiterbildungstitel und kantonaler Bewilligung rechnen selbständig über die Grundversicherung ab, wenn eine Ärztin oder ein Arzt die Therapie angeordnet hat. Anordnen dürfen Fachärztinnen und Fachärzte für Allgemeine Innere Medizin (also die Hausarztpraxis), für Psychiatrie und Psychotherapie, für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Ärztinnen und Ärzte mit Fähigkeitsausweis Psychosomatische und Psychosoziale Medizin. Eine Anordnung umfasst bis zu 15 Sitzungen, danach ist eine zweite Anordnung über weitere 15 Sitzungen möglich. Für eine Fortsetzung über 30 Sitzungen hinaus braucht es einen Bericht an die Vertrauensärztin oder den Vertrauensarzt der Krankenkasse und deren Kostengutsprache. Für Kriseninterventionen und Kurztherapien bei schweren Erkrankungen dürfen alle Ärztinnen und Ärzte bis zu zehn Sitzungen anordnen. Die frühere delegierte Psychotherapie, bei der Psychologinnen und Psychologen unter ärztlicher Aufsicht in der Arztpraxis angestellt sein mussten, ist damit abgelöst. Ärztliche Psychotherapie bei Psychiaterinnen und Psychiatern war schon immer Pflichtleistung und bleibt es. Franchise und Selbstbehalt gelten wie bei jeder anderen Leistung. Die Tarife für die psychologische Psychotherapie waren nach dem Systemwechsel kantonal provisorisch festgelegt, eine Stunde kostet in der Grössenordnung von 150 bis 180 Franken.

In Deutschland ist der Einstieg seit 2017 die psychotherapeutische Sprechstunde. Sie dient der Abklärung, ob und welche Behandlung nötig ist, und kann ohne Überweisung bei jeder Kassenpsychotherapeutin und jedem Kassenpsychotherapeuten in Anspruch genommen werden. Danach folgen bei Bedarf eine Akutbehandlung (bis zu 24 Einheiten zu 25 Minuten) oder probatorische Sitzungen (zwei bis vier) und dann die Richtlinienpsychotherapie als Kurzzeittherapie (zweimal bis zu 12 Sitzungen) oder Langzeittherapie (Verhaltenstherapie bis 80, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bis 100, analytische Psychotherapie bis 300, systemische Therapie bis 48 Sitzungen). Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen, erreichbar unter 116117 oder online, müssen einen Termin für die Sprechstunde innerhalb von vier Wochen und für eine Akutbehandlung innerhalb von zwei Wochen vermitteln. Für den Beginn einer Richtlinienpsychotherapie gilt diese Garantie nicht, und dort liegen die Wartezeiten: Eine Auswertung der Bundespsychotherapeutenkammer von 2018 ergab im Mittel etwa fünf Monate zwischen Erstkontakt und Therapiebeginn, mit grossen regionalen Unterschieden und deutlich längeren Zeiten auf dem Land. Wer nachweislich keinen Kassenplatz in zumutbarer Zeit findet, kann bei der Krankenkasse die Kostenerstattung für eine Therapie bei einer approbierten Psychotherapeutin oder einem approbierten Psychotherapeuten ohne Kassensitz beantragen (Paragraf 13 Absatz 3 SGB V). Dafür werden Absagen mit Datum dokumentiert und eine Bescheinigung über die Dringlichkeit beigelegt.

In Österreich gibt es zwei Wege. Die voll finanzierte Psychotherapie auf Kassenkosten (Sachleistung) wird über Vereine, Institutionen und Vertragspsychotherapeutinnen und -psychotherapeuten angeboten, die Kontingente sind aber knapp und die Wartezeiten oft lang. Der häufigere Weg führt zu Wahlpsychotherapeutinnen und Wahlpsychotherapeuten ohne Kassenvertrag. Die Sitzung wird zunächst selbst bezahlt, meist zwischen 80 und 150 Euro, und die Krankenkasse leistet einen fixen Kostenzuschuss pro Sitzung, bei der ÖGK in der Grössenordnung von 30 Euro, bei anderen Trägern teils mehr. Voraussetzung ist eine ärztliche Untersuchung vor oder spätestens nach der ersten Sitzung, ab der elften Sitzung braucht es einen Antrag auf Weiterbewilligung. Seit 2024 ist auch die klinisch-psychologische Behandlung als Kassenleistung im Gesetz verankert, die Umsetzung in Verträgen läuft schrittweise. Psychiatrische Behandlung bei Kassenfachärztinnen und -fachärzten ist ohne Zuzahlung möglich, auch dort sind die Wartezeiten in manchen Regionen lang.

Wer verschreibt
CH
Hausärztin/Hausarzt, Fachärztin/Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie; psychologische Psychotherapie auf ärztliche Anordnung (Anordnungsmodell seit Juli 2022); Esketamin, EKT und rTMS in spezialisierten Praxen und Kliniken
DE
Hausärztin/Hausarzt, Psychiatrie und Psychotherapie, Nervenheilkunde, Psychosomatische Medizin; psychologische Psychotherapie ohne Überweisung über die psychotherapeutische Sprechstunde; DiGA auch durch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten
AT
Hausärztin/Hausarzt, Fachärztin/Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin; Psychotherapie bei eingetragenen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (Kassenplatz oder Wahltherapie mit Zuschuss)
Kostenübernahme Grundversicherung/GKV/ÖGK
CH
OKP übernimmt Antidepressiva der Spezialitätenliste, Lithium, ärztliche Psychotherapie, psychologische Psychotherapie nach Anordnung (15 plus 15 Sitzungen, danach Kostengutsprache), stationäre und tagesklinische Behandlung, EKT; Esketamin in der Regel nach Limitatio und mit Kostengutsprache, vorab klären
DE
GKV übernimmt Antidepressiva, Lithium, Richtlinienpsychotherapie (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch, analytisch, systemisch), DiGA auf Rezept, EKT, stationäre und tagesklinische Behandlung, Esketamin im Rahmen der Zulassung; rTMS ambulant meist keine Kassenleistung, stationär in einzelnen Kliniken
AT
ÖGK übernimmt Antidepressiva des Erstattungskodex (grüne Box frei, gelbe Box mit Bewilligung), Lithium, psychiatrische Behandlung, Psychotherapie als Sachleistung (knappe Kassenplätze) oder Kostenzuschuss bei Wahltherapeutinnen und Wahltherapeuten, stationäre Behandlung, EKT; Esketamin meist über die Klinik, Kostenübernahme im Einzelfall klären
Selbstbehalt und typische Monatskosten
CH
Franchise (300 bis 2500 Franken pro Jahr) plus 10 Prozent Selbstbehalt bis 700 Franken pro Jahr, 40 Prozent auf Originale mit günstigerem Generikum; generische Antidepressiva etwa 10 bis 40 Franken pro Monat; Psychotherapie bei wöchentlicher Sitzung etwa 600 bis 750 Franken pro Monat zulasten OKP, davon Franchise und Selbstbehalt selbst; Spitalbeitrag 15 Franken pro Tag bei stationärem Aufenthalt
DE
Zuzahlung Medikamente 10 Prozent, mindestens 5, höchstens 10 Euro pro Packung, viele Generika zuzahlungsfrei; Psychotherapie und DiGA ohne Zuzahlung; Klinik 10 Euro pro Tag für höchstens 28 Tage pro Jahr; Belastungsgrenze 2 Prozent des Bruttoeinkommens, 1 Prozent bei chronischer Krankheit
AT
Rezeptgebühr 7,55 Euro pro Packung (2026), Deckelung über das Rezeptgebührenkonto bei 2 Prozent des Jahresnettoeinkommens, Befreiung bei geringem Einkommen; Wahlpsychotherapie etwa 80 bis 150 Euro pro Sitzung abzüglich Kassenzuschuss, bei wöchentlicher Sitzung also oft 200 bis 450 Euro Eigenanteil pro Monat; Kostenbeitrag bei Spitalaufenthalt pro Tag, begrenzt auf 28 Tage pro Jahr
Programme
CH
Kein nationales Programm; integrierte Versorgung in einigen Hausarzt- und HMO-Modellen; Kantone und Gesundheitsförderung Schweiz mit Kampagnen und Präventionsangeboten (z. B. "Wie geht's dir?"); IV-Früherfassung bei Arbeitsunfähigkeit
DE
Der G-BA hat 2019 die Anforderungen an ein DMP Depression beschlossen, die Umsetzung in Kassenverträgen läuft langsam an und ist nicht überall verfügbar; komplexe Versorgung für schwer psychisch Kranke (KSVPsych-Richtlinie seit 2021); DiGA; Psychiatrische Institutsambulanzen (PIA) an Kliniken
AT
Psychosoziale Dienste (PSD) der Bundesländer mit kostenloser Beratung und Krisenhilfe; psychiatrische Ambulanzen an Spitälern; Projekt "Gesund aus der Krise" für Kinder und Jugendliche bis 21 Jahre mit kostenlosen Behandlungseinheiten
Reha und Hilfsmittel
CH
Psychiatrische und psychosomatische Rehabilitation mit Kostengutsprache der Krankenkasse; berufliche Eingliederung über die IV; rTMS je nach Indikation und Leistungskatalog, Kostengutsprache vorab einholen; Lichttherapielampe Selbstzahlung
DE
Psychosomatische Rehabilitation über die Deutsche Rentenversicherung (Antrag, meist fünf Wochen), Nachsorgeprogramme wie IRENA; stufenweise Wiedereingliederung (Hamburger Modell); Lichttherapielampe in der Regel Selbstzahlung
AT
Psychiatrische Rehabilitation über die Pensionsversicherung (Antrag, meist sechs Wochen), ambulante psychiatrische Reha in einzelnen Zentren; Wiedereingliederungsteilzeit; Lichttherapielampe Selbstzahlung
Regulierungsbehörde
CH
Swissmedic (Zulassung, Sicherheitsinformationen), BAG (Spezialitätenliste, Preise, Leistungskatalog der Psychotherapie)
DE
BfArM (Zulassung, Rote-Hand-Briefe, DiGA-Verzeichnis), G-BA (Psychotherapie-Richtlinie, DMP, Nutzenbewertung), IQWiG (Gutachten)
AT
BASG mit AGES Medizinmarktaufsicht (Zulassung, Sicherheitsinformationen), Dachverband der Sozialversicherungsträger (Erstattungskodex), Gesundheitsministerium (Psychotherapeutenliste)

Zu Esketamin lohnt sich ein genauerer Blick, weil hier die Kosten hoch sind und die Abläufe sich von einem normalen Rezept unterscheiden. Die Behandlung findet in einer Praxis oder Klinik mit Überwachungsmöglichkeit statt. Die Medikamentenkosten allein liegen für die vierwöchige Einleitungsphase in allen drei Ländern im Bereich von mehreren tausend Franken oder Euro, dazu kommen Betreuung und Nachbeobachtung. In der Schweiz ist eine vorgängige Kostengutsprache der Krankenkasse üblich, die behandelnde Stelle stellt den Antrag. In Deutschland ist Esketamin im Rahmen der Zulassung eine Kassenleistung, die Anwendung ist an Praxen und Kliniken gebunden, die die Überwachung und die Abrechnung organisieren können, was das Angebot regional einschränkt. In Österreich wird Esketamin überwiegend in Spitalsambulanzen und Kliniken eingesetzt, die Finanzierung läuft dann über das Spital. Wer eine Behandlung erwägt, fragt am besten direkt bei einer psychiatrischen Universitätsklinik oder einem Zentrum für therapieresistente Depression an.

Bei der rTMS ist die Lage noch uneinheitlicher. In Deutschland ist sie ambulant keine reguläre Kassenleistung und wird meist selbst bezahlt (eine Behandlungsserie kostet je nach Anbieter etwa 1500 bis 4000 Euro), stationär bieten sie manche Kliniken im Rahmen der Krankenhausbehandlung an. In der Schweiz und in Österreich hängt die Übernahme von Indikation, Leistungserbringer und Kasse ab. Eine schriftliche Kostengutsprache vor Beginn schützt vor Überraschungen.

Die DiGA sind ein deutscher Sonderweg mit klaren Regeln: Ein Rezept über eine DiGA wird bei der Krankenkasse eingereicht, die einen Freischaltcode schickt. Die Kosten für 90 Tage liegen je nach Programm bei einigen hundert Euro und werden vollständig von der GKV getragen. In der Schweiz und in Österreich können Interessierte die Programme teilweise selbst bezahlen, einige Krankenkassen und Arbeitgeber bieten eigene Online-Programme an.

Zur vorsichtigen Einordnung der Programme: Das deutsche DMP Depression ist vom G-BA beschlossen, aber nach dem Stand unserer Recherche noch nicht flächendeckend in Kassenverträgen umgesetzt. In der Schweiz sind die Tarife für die psychologische Psychotherapie nach dem Systemwechsel teilweise noch in Verhandlung, und in Österreich ändern sich die Zuschüsse der Krankenkassen regelmässig. Angaben zu Kosten und Programmen sollten immer direkt bei der eigenen Krankenkasse überprüft werden.

Spezialisten finden. Die passende Anlaufstelle hängt von der Situation ab. Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie stellen die Diagnose, verordnen und überwachen Medikamente (auch Lithium und Esketamin), führen selbst Psychotherapie durch und sind bei schwerer, chronischer oder therapieresistenter Depression die zentrale Fachrichtung. Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten führen Psychotherapie durch, verordnen aber keine Medikamente. Psychiatrische Universitätskliniken und Spezialambulanzen für affektive Störungen bieten EKT, rTMS, Esketamin und Zweitmeinungen bei Therapieresistenz an. In der Schweiz führen die FMH (doctorfmh.ch) und die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (psychiatrie.ch) Arztverzeichnisse, die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (psychologie.ch) und die Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (psychotherapie.ch) Therapeutensuchen. In Deutschland helfen die Arztsuche der Kassenärztlichen Vereinigungen, die Terminservicestelle unter 116117 und die Psychotherapeutensuche der Landespsychotherapeutenkammern. In Österreich führt das Gesundheitsministerium die offizielle Psychotherapeutenliste (psychotherapie.ehealth.gv.at), der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (psychotherapie.at) vermittelt über eine Hotline, und die Psychosozialen Dienste der Bundesländer helfen bei der Suche nach einem Kassenplatz. Bei akuter Krise führt der Weg in allen drei Ländern direkt in die psychiatrische Notfallstation oder Klinik, eine Überweisung ist dann nicht nötig.

Suchen Sie eine Ärztin oder einen Arzt mit Schwerpunkt Psychiatrie in Ihrer Nähe?

Ärztin oder Arzt suchen

Studien & Updates

Aktuelle Evidenz

Aktuelle Evidenz

Zu Depression gibt es tausende Studien, aber nur wenige, auf die sich Leitlinien, Ärztinnen und Patientenorganisationen immer wieder beziehen. Die folgenden acht Einträge gehören dazu: Vergleiche von Antidepressiva, Langzeitdaten zu mehreren Behandlungsschritten, Psychotherapie, Esketamin bei therapieresistenter Depression, das Absetzen von Antidepressiva, die Serotonin-Debatte, die deutsche Leitlinie und Bewegung als Behandlung. Die Zahlen stammen aus den Originalpublikationen. Studien zeigen Durchschnittswerte. Wie gut eine Behandlung bei Ihnen wirkt und wie Sie sie vertragen, lässt sich daraus nicht vorhersagen.

StudieLancet, 2018-04

Cipriani et al., Netzwerk-Metaanalyse zu 21 Antidepressiva

Die Arbeitsgruppe um Andrea Cipriani wertete 522 randomisierte Studien mit 116'477 Erwachsenen mit akuter Depression aus, die meisten über etwa acht Wochen. Alle 21 untersuchten Wirkstoffe wirkten besser als Placebo. Die Odds Ratios für das Ansprechen reichten von 2,13 (Amitriptylin) bis 1,37 (Reboxetin). Agomelatin, Escitalopram und Vortioxetin schnitten bei Wirksamkeit und Verträglichkeit zugleich gut ab. Die Unterschiede zwischen den Wirkstoffen waren insgesamt moderat. Die Analyse sagt nichts über die Langzeitbehandlung und nichts darüber, welcher Wirkstoff für eine bestimmte Person der richtige ist.

StudieAm J Psychiatry, 2006-11, und BMJ Open, 2023

STAR*D und die Reanalyse der Remissionsraten

STAR*D begleitete über 4000 ambulante Patientinnen und Patienten in den USA durch bis zu vier Behandlungsschritte, beginnend mit Citalopram. Bei ausbleibender Remission folgten Wechsel, Kombination oder Augmentation. Die Originalauswertung von 2006 berichtete eine kumulative Remissionsrate von 67 Prozent nach allen vier Schritten, wobei die Raten pro Schritt deutlich sanken (etwa 37 Prozent im ersten, 14 Prozent im vierten Schritt). Eine Reanalyse mit den ursprünglich im Studienprotokoll festgelegten Kriterien kam 2023 nur auf etwa 35 Prozent. Beide Auswertungen zeigen, dass jeder weitere Behandlungsschritt seltener zum Ziel führt. Über die richtige Zahl wird weiter diskutiert.

StudieWorld Psychiatry, 2023-02

Cuijpers et al., Metaanalyse zur kognitiven Verhaltenstherapie

Pim Cuijpers und Kollegen fassten 409 randomisierte Studien mit 52'702 Teilnehmenden zusammen. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) wirkte deutlich besser als Kontrollbedingungen wie Warteliste oder übliche Versorgung. Der Effekt war in Studien mit geringem Verzerrungsrisiko kleiner, blieb aber klar nachweisbar. Im direkten Vergleich mit Antidepressiva zeigte sich kurzfristig kein bedeutsamer Unterschied, die Kombination aus Psychotherapie und Medikament war beiden Einzelbehandlungen überlegen. Die Gruppe hat in World Psychiatry weitere Metaanalysen veröffentlicht, die für andere Therapieformen zu ähnlichen Ergebnissen kommen.

StudieAm J Psychiatry, 2019-06, und NEJM, 2023-10

Esketamin-Nasenspray (Spravato) bei therapieresistenter Depression

In TRANSFORM-2 erhielten 227 Erwachsene mit therapieresistenter Depression ein neues orales Antidepressivum plus Esketamin-Nasenspray oder Placebo-Spray. Nach vier Wochen war der Wert auf der MADRS-Skala in der Esketamin-Gruppe um 4,0 Punkte stärker gesunken. ESCAPE-TRD verglich 2023 bei 676 Personen Esketamin mit Quetiapin retard, jeweils zusätzlich zu einem SSRI oder SNRI. Nach acht Wochen waren 27,1 Prozent gegenüber 17,6 Prozent in Remission. Häufige Nebenwirkungen sind Dissoziation, Schwindel, Übelkeit, Benommenheit und ein vorübergehender Blutdruckanstieg. Deshalb wird das Spray unter Aufsicht in der Praxis angewendet, mit Nachbeobachtung.

StudieAddictive Behaviors, 2019; Lancet Psychiatry, 2019-06; Lancet Psychiatry, 2024

Was über Absetzsymptome bekannt ist

Davies und Read werteten 24 Studien aus und kamen auf einen gewichteten Mittelwert von 56 Prozent Betroffenen. Knapp die Hälfte davon beschrieb die Symptome als schwer, und sie hielten oft länger an als die damals in Leitlinien genannten ein bis zwei Wochen. Ein Teil der Daten stammt aus Online-Umfragen, was hohe Werte begünstigen kann. Horowitz und Taylor zeigten anhand von PET-Daten, dass die Wirkung am Serotonintransporter mit der Dosis nicht linear, sondern hyperbolisch abnimmt: Die letzten kleinen Dosisschritte verändern im Gehirn am meisten. Sie empfehlen deshalb, über Monate in immer kleineren Schritten zu reduzieren. Die Metaanalyse von Henssler et al. (79 Studien, 21'002 Personen) fand mindestens ein Absetzsymptom bei 31 Prozent nach Antidepressiva und bei 17 Prozent nach Placebo, schwere Symptome bei etwa 3 Prozent. Paroxetin und Venlafaxin fielen mit höheren Raten auf.

StudieMolecular Psychiatry, 2022-07

Moncrieff et al., Umbrella-Review zur Serotonin-Hypothese

Joanna Moncrieff und Kollegen fassten 17 Übersichtsarbeiten und grosse Einzelstudien zusammen, unter anderem zu Serotoninwerten in Körperflüssigkeiten, Rezeptoren, dem Serotonintransporter, Tryptophan-Entzug und Genvarianten. Sie fanden keine konsistenten Belege dafür, dass Depression durch einen Serotoninmangel verursacht wird. Die Arbeit wurde breit und teils verkürzt berichtet. Einordnung: Dass Depression nicht einfach ein "chemisches Ungleichgewicht" ist, war in der Fachwelt schon vorher weitgehend Konsens. Ob Antidepressiva wirken, hat das Review nicht untersucht. Das wird in randomisierten Studien geprüft, etwa in der Analyse von Cipriani. Fachleute kritisierten zudem die Auswahl der eingeschlossenen Arbeiten. Wer ein Antidepressivum nimmt, sollte es wegen dieser Debatte nicht eigenständig absetzen.

StudieBÄK, KBV, AWMF, 2022

Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression, 3. Auflage

Die deutsche Leitlinie empfiehlt eine Behandlung nach Schweregrad. Bei leichter Depression stehen niedrigschwellige Angebote wie angeleitete Selbsthilfe, digitale Programme und Psychotherapie im Vordergrund. Antidepressiva sollen hier nicht generell zur Erstbehandlung eingesetzt werden. Bei mittelgradiger Depression gelten Psychotherapie und Antidepressivum als gleichwertige Optionen, bei schwerer Depression wird die Kombination empfohlen. Nach Erreichen der Remission sollen Antidepressiva noch mindestens sechs bis zwölf Monate weiter eingenommen werden, bei erhöhtem Rückfallrisiko länger, oft mindestens zwei Jahre. Das Absetzen soll schrittweise erfolgen. In der Schweiz und in Österreich orientieren sich viele Fachpersonen ebenfalls an dieser Leitlinie.

StudieBMJ, 2024-02

Noetel et al., Netzwerk-Metaanalyse zu Bewegung bei Depression

Die Analyse umfasste 218 randomisierte Studien mit 14'170 Teilnehmenden. Gehen oder Joggen (Effektstärke etwa 0,6), Yoga (etwa 0,55) und Krafttraining (etwa 0,5) verringerten depressive Symptome moderat. Tanzen zeigte den grössten Effekt, beruhte aber auf wenigen Studien. Intensivere Bewegung wirkte stärker als leichte, und die Effekte waren mit denen von Psychotherapie vergleichbar. Die Autorinnen und Autoren bewerten die Sicherheit der Evidenz überwiegend als gering bis mässig, weil viele Studien klein und nicht verblindet waren. Bewegung kann eine Behandlung ergänzen. Bei schwerer Depression ersetzt sie sie nicht.

Services

FAQ, Glossar & Downloads

Häufige Fragen

Was tue ich, wenn ich an Suizid denke?+

Sprechen Sie sofort mit jemandem, heute und nicht erst beim nächsten Termin. Die Telefonnummern stehen im Kasten oben. Die Beratungsstellen sind rund um die Uhr erreichbar, anonym und kostenlos. Bei akuter Gefahr rufen Sie den Notruf (144 in der Schweiz und Österreich, 112 in Deutschland) oder gehen Sie in die Notaufnahme der nächsten Klinik. Suizidgedanken sind ein häufiges Symptom einer Depression, und sie lassen sich behandeln. Wenn Sie in Behandlung sind, sagen Sie Ihrer Ärztin oder Ihrem Therapeuten offen, dass diese Gedanken da sind. Für die Behandlung ist genau diese Information wichtig.

Wann merke ich, ob ein Antidepressivum wirkt?+

Erste Veränderungen zeigen sich oft nach ein bis zwei Wochen, meist zuerst bei Schlaf, Antrieb oder Appetit. Die Stimmung folgt häufig später. Die volle Wirkung lässt sich frühestens nach vier bis sechs Wochen in ausreichender Dosis beurteilen. Nebenwirkungen wie Übelkeit, Unruhe oder Kopfschmerzen treten dagegen oft in den ersten Tagen auf und lassen bei vielen nach. Hat sich nach vier Wochen gar nichts verändert, ist ein Gespräch über Dosis, Wechsel oder Ergänzung sinnvoll. Zu Beginn der Behandlung, besonders bei jungen Menschen unter 25 Jahren, kann die Unruhe zunehmen. Melden Sie das Ihrer Ärztin.

Machen Antidepressiva abhängig?+

Nicht im Sinne einer Sucht. Antidepressiva lösen kein Verlangen aus, und man braucht mit der Zeit nicht immer höhere Dosen für denselben Effekt. Das unterscheidet sie von Beruhigungsmitteln wie Benzodiazepinen. Der Körper gewöhnt sich aber an den Wirkstoff. Wer abrupt aufhört, kann Absetzsymptome bekommen: Schwindel, Schlafstörungen, Reizbarkeit, grippeähnliche Beschwerden oder kurze stromschlagartige Empfindungen. Nach der Metaanalyse von Henssler 2024 betrifft das etwa jede dritte Person, nach Abzug der Placebo-Rate etwa jede siebte. Schwere Verläufe sind selten. Deshalb wird immer schrittweise und mit ärztlicher Begleitung ausgeschlichen.

Verändern Antidepressiva meine Persönlichkeit?+

Ihre Persönlichkeit, also Werte, Erinnerungen und Beziehungen, verändert ein Antidepressivum nicht. Viele Menschen sagen nach einer erfolgreichen Behandlung, sie fühlten sich wieder mehr wie sie selbst. Ein Teil der Behandelten, vor allem unter SSRI und SNRI, beschreibt aber eine gedämpfte Gefühlswelt: weniger Traurigkeit, aber auch weniger Freude, Weinen fällt schwer, manches wird gleichgültig. Dazu kommen bei manchen sexuelle Nebenwirkungen. Das ist kein Zeichen, dass Sie sich damit abfinden müssen. Oft hilft eine Dosisanpassung oder ein Wechsel auf einen anderen Wirkstoff. Sprechen Sie es an, statt das Medikament heimlich wegzulassen.

Wie lange muss ich Antidepressiva nehmen?+

Das hängt vom Verlauf ab. Die deutsche Leitlinie empfiehlt, das Medikament nach Abklingen der Symptome noch mindestens sechs bis zwölf Monate weiter einzunehmen, weil das Rückfallrisiko in dieser Zeit hoch ist. Wer schon mehrere Episoden hatte, wird oft mindestens zwei Jahre oder länger behandelt. Viele Menschen nehmen Antidepressiva für einen begrenzten Zeitraum und setzen sie danach erfolgreich ab. Den Zeitpunkt wählen Sie am besten gemeinsam mit Ihrer Ärztin, in einer ruhigeren Lebensphase und nicht mitten in einer Krise. Das Ausschleichen dauert meist Wochen bis Monate, manchmal länger.

Ist es eine Depression oder ein Burnout?+

Burnout ist keine eigene Diagnose. In der ICD-11 der WHO ist es als Phänomen im Arbeitskontext beschrieben: Erschöpfung, innere Distanz zur Arbeit und das Gefühl, weniger zu leisten. Eine Depression betrifft dagegen alle Lebensbereiche, auch Freizeit, Beziehungen und Hobbys. Typisch sind gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit und Antriebsmangel über mindestens zwei Wochen, oft mit Schuldgefühlen und Schlafstörungen. Beides kann ineinander übergehen, und hinter einem "Burnout" steckt nicht selten eine Depression. Lassen Sie das bei der Hausärztin oder bei einer Psychiaterin abklären. Eine Depression braucht eine Behandlung, Ferien allein reichen dann meist nicht.

Wie finde ich schnell einen Therapieplatz?+

In der Schweiz kann Ihre Hausärztin seit Juli 2022 eine psychologische Psychotherapie anordnen, die über die Grundversicherung abgerechnet wird (Anordnungsmodell). Fragen Sie in der Praxis nach Adressen, die Suche läuft auch über die Verzeichnisse der Psychologen- und Psychotherapeutenverbände. In Deutschland vermittelt die Terminservicestelle unter 116117 Termine für die psychotherapeutische Sprechstunde und für eine Akutbehandlung. In Österreich gibt es Kassenplätze und Zuschüsse für Wahltherapeutinnen, die Wartezeiten sind regional verschieden. Fragen Sie bei mehreren Stellen gleichzeitig an. Bei akuter Krise gehen Sie direkt in eine psychiatrische Notfallstelle.

Darf ich Alkohol trinken?+

Alkohol verschlechtert eine Depression. Er dämpft kurzfristig, stört aber den Schlaf, verstärkt am nächsten Tag Niedergeschlagenheit und Angst und erhöht das Risiko für impulsive Handlungen. Zusammen mit dämpfenden Antidepressiva wie Mirtazapin, Trazodon oder trizyklischen Wirkstoffen verstärkt er Müdigkeit und Benommenheit, Autofahren wird dann riskant. Ein Glas zu einem Anlass ist bei den meisten modernen Antidepressiva kein akutes Risiko, die Empfehlung lautet trotzdem: möglichst wenig, besonders in den ersten Wochen. Wenn Sie merken, dass Sie Alkohol brauchen, um den Tag zu überstehen, sprechen Sie das offen in der Behandlung an.

Was kann ich als Angehörige tun?+

Da sein, ohne die Depression wegreden zu wollen. Sätze wie "Reiss dich zusammen" oder "Anderen geht es schlechter" verstärken die Schuldgefühle. Besser ist es, nachzufragen, zuzuhören und bei konkreten Dingen zu helfen, etwa beim Vereinbaren eines Termins oder beim Begleiten in die Praxis. Wenn Sie Suizidgedanken vermuten, fragen Sie direkt nach. Das bringt niemanden auf die Idee, es entlastet eher. Bei akuter Gefahr rufen Sie den Notruf. Achten Sie auch auf sich selbst: Angehörigengruppen, Beratungsstellen und die Telefonseelsorge sind ausdrücklich auch für Sie da.

Psychotherapie oder Medikament, was ist besser?+

Bei leichter Depression empfehlen die Leitlinien zuerst Psychotherapie, angeleitete Selbsthilfe oder digitale Programme, Antidepressiva nicht routinemässig. Bei mittelgradiger Depression wirken Psychotherapie und Antidepressiva im Durchschnitt ähnlich gut. Die Wahl hängt dann davon ab, was Sie bevorzugen, was verfügbar ist und wie Sie früher auf eine Behandlung angesprochen haben. Bei schwerer oder chronischer Depression ist die Kombination beider am wirksamsten. Psychotherapie scheint nach Behandlungsende besser vor Rückfällen zu schützen. Medikamente wirken oft schneller, gerade wenn Schlaf und Antrieb stark beeinträchtigt sind.

Glossar

PHQ-9
Kurzer Fragebogen mit neun Fragen zu den Hauptsymptomen einer Depression in den letzten zwei Wochen, Gesamtwert 0 bis 27. Er dient zum Erkennen und zur Verlaufskontrolle, eine Diagnose stellt die Ärztin oder der Psychotherapeut im Gespräch.
SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer)
Die am häufigsten verordnete Gruppe von Antidepressiva, darunter Sertralin, Escitalopram, Citalopram, Fluoxetin und Paroxetin. Sie hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin in die Nervenzelle; typische Nebenwirkungen sind anfängliche Übelkeit, Unruhe und sexuelle Funktionsstörungen.
SNRI (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer)
Antidepressiva wie Venlafaxin und Duloxetin, die die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin hemmen. Sie werden auch bei Angststörungen und Duloxetin bei bestimmten Schmerzen eingesetzt; bei höheren Dosen kann der Blutdruck steigen.
Remission
Die Symptome sind so weit abgeklungen, dass sie im Alltag kaum noch eine Rolle spielen, im PHQ-9 entspricht das meist einem Wert unter 5. Remission ist das eigentliche Behandlungsziel, weil Restsymptome das Rückfallrisiko erhöhen.
Response (Ansprechen)
Die Symptome haben sich um mindestens die Hälfte verringert, gemessen mit einem Fragebogen wie PHQ-9 oder MADRS. Eine Response ohne Remission bedeutet, dass die Behandlung wirkt, aber noch nicht genügt.
Rezidiv
Eine neue depressive Episode, nachdem die vorherige vollständig abgeklungen war. Davon unterschieden wird der Rückfall, bei dem die Symptome zurückkehren, bevor die Episode ganz überwunden ist; das Risiko für ein Rezidiv steigt mit jeder Episode.
Therapieresistente Depression
Eine Depression, die auf mindestens zwei Antidepressiva in ausreichender Dosis und Dauer nicht genügend angesprochen hat. Für diese Situation stehen Augmentation, Kombinationen, Esketamin-Nasenspray oder Verfahren wie die Elektrokonvulsionstherapie zur Verfügung.
Augmentation
Ein zweites Medikament, das kein Antidepressivum im engeren Sinn ist, wird zur Wirkungsverstärkung zum bisherigen Antidepressivum hinzugegeben. Am besten untersucht sind Lithium sowie Quetiapin und Aripiprazol.
Absetzsyndrom
Körperliche und psychische Beschwerden, die nach dem Reduzieren oder Absetzen eines Antidepressivums auftreten, etwa Schwindel, Schlafstörungen, Reizbarkeit, grippeähnliche Symptome oder stromschlagartige Empfindungen. Es beginnt meist innerhalb weniger Tage und ist von einem Rückfall der Depression abzugrenzen, der sich eher schleichend über Wochen zeigt.
KVT (kognitive Verhaltenstherapie)
Am besten untersuchte Psychotherapieform bei Depression. Sie arbeitet an belastenden Denkmustern und Verhaltensweisen, etwa durch Aktivitätsaufbau, Überprüfen von Gedanken und Problemlösen, meist in 12 bis 25 Sitzungen.
Anordnungsmodell
Seit dem 1. Juli 2022 in der Schweiz gültige Regelung, nach der psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auf ärztliche Anordnung selbständig über die Grundversicherung abrechnen können. Eine Anordnung umfasst bis zu 15 Sitzungen; für eine längere Behandlung braucht es eine erneute Anordnung und ab einer bestimmten Sitzungszahl eine Prüfung durch die Krankenkasse.
DiGA (Digitale Gesundheitsanwendung)
In Deutschland vom BfArM geprüfte und gelistete Apps und Webprogramme, die Ärztinnen und Psychotherapeuten auf Rezept verordnen können und die die gesetzliche Krankenkasse bezahlt. Für Depression sind mehrere Programme auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie gelistet; in der Schweiz und in Österreich gibt es kein vergleichbares Erstattungsverfahren.

Downloads & Tools

Rechner 1: PHQ-9-Selbsttest

Rechner 1

PHQ-9-Selbsttest (Gesundheitsfragebogen für Patienten, Modul Depression)

Wie oft fühlten Sie sich im Verlauf der letzten 2 Wochen durch die folgenden Beschwerden beeinträchtigt?

1. Wenig Interesse oder Freude an Ihren Tätigkeiten
2. Niedergeschlagenheit, Schwermut oder Hoffnungslosigkeit
3. Schwierigkeiten ein- oder durchzuschlafen oder vermehrter Schlaf
4. Müdigkeit oder Gefühl, keine Energie zu haben
5. Verminderter Appetit oder übermässiges Bedürfnis zu essen
6. Schlechte Meinung von sich selbst; Gefühl, ein Versager zu sein oder die Familie enttäuscht zu haben
7. Schwierigkeiten, sich auf etwas zu konzentrieren, z. B. beim Zeitunglesen oder Fernsehen
8. Waren Ihre Bewegungen oder Ihre Sprache so verlangsamt, dass es auch anderen auffallen würde? Oder waren Sie im Gegenteil "zappelig" oder ruhelos und hatten dadurch einen stärkeren Bewegungsdrang als sonst?
9. Gedanken, dass Sie lieber tot wären oder sich Leid zufügen möchten
Zusatzfrage (wird nicht gezählt)
Wenn eines oder mehrere dieser Probleme bei Ihnen vorliegen, geben Sie bitte an, wie sehr diese Probleme es Ihnen erschwert haben, Ihre Arbeit zu erledigen, Ihren Haushalt zu regeln oder mit anderen Menschen zurecht zu kommen.

Auswertung

Beantworten Sie alle neun Fragen, um Ihren Summenwert zu sehen.

0 von 9 Fragen beantwortet

Der PHQ-9 ist ein Screening-Instrument und ersetzt keine Diagnose. Ein hoher Wert kann auch durch körperliche Erkrankungen, Trauer, Schlafmangel oder Medikamente entstehen; ein niedriger Wert schliesst eine Depression nicht aus. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist der Test in dieser Form nicht vorgesehen. Für die Verlaufskontrolle ist ein Abstand von mindestens zwei Wochen sinnvoll, weil sich die Fragen auf diesen Zeitraum beziehen.

Eingaben, Formeln, Interpretationsgrenzen

Name: PHQ-9-Selbsttest (Gesundheitsfragebogen für Patienten, Modul Depression)

Quelle: Deutsche Version des Patient Health Questionnaire (PHQ-D) von Löwe, Spitzer, Zipfel und Herzog, frei verwendbar. Wortlaut unverändert übernommen, nur in Schweizer Schreibweise (ss statt Eszett).

Einleitungsfrage: "Wie oft fühlten Sie sich im Verlauf der letzten 2 Wochen durch die folgenden Beschwerden beeinträchtigt?"

Antwortoptionen für jedes Item: Überhaupt nicht (0 Punkte), An einzelnen Tagen (1 Punkt), An mehr als der Hälfte der Tage (2 Punkte), Beinahe jeden Tag (3 Punkte).

Items:

  1. Wenig Interesse oder Freude an Ihren Tätigkeiten
  2. Niedergeschlagenheit, Schwermut oder Hoffnungslosigkeit
  3. Schwierigkeiten ein- oder durchzuschlafen oder vermehrter Schlaf
  4. Müdigkeit oder Gefühl, keine Energie zu haben
  5. Verminderter Appetit oder übermässiges Bedürfnis zu essen
  6. Schlechte Meinung von sich selbst; Gefühl, ein Versager zu sein oder die Familie enttäuscht zu haben
  7. Schwierigkeiten, sich auf etwas zu konzentrieren, z. B. beim Zeitunglesen oder Fernsehen
  8. Waren Ihre Bewegungen oder Ihre Sprache so verlangsamt, dass es auch anderen auffallen würde? Oder waren Sie im Gegenteil "zappelig" oder ruhelos und hatten dadurch einen stärkeren Bewegungsdrang als sonst?
  9. Gedanken, dass Sie lieber tot wären oder sich Leid zufügen möchten

Zusatzfrage (wird nicht gezählt, aber angezeigt): "Wenn eines oder mehrere dieser Probleme bei Ihnen vorliegen, geben Sie bitte an, wie sehr diese Probleme es Ihnen erschwert haben, Ihre Arbeit zu erledigen, Ihren Haushalt zu regeln oder mit anderen Menschen zurecht zu kommen." Optionen: Überhaupt nicht erschwert, Etwas erschwert, Relativ stark erschwert, Sehr stark erschwert.

Formel: Summenwert = Summe der Punkte aller neun Items, Bereich 0 bis 27. Ein Ergebnis wird nur angezeigt, wenn alle neun Items beantwortet sind.

Ausgabe: Summenwert, Einstufung, kurzer Hinweistext, Link zur Fragenliste für den Arztbesuch und zum Stimmungstagebuch.

Interpretationsgrenzen:

  • 0 bis 4: keine oder minimale depressive Symptome. Hinweis: Wenn Sie sich trotzdem belastet fühlen, sprechen Sie es an.
  • 5 bis 9: leichte depressive Symptome. Hinweis: Beobachten Sie den Verlauf, wiederholen Sie den Test in zwei Wochen und sprechen Sie bei anhaltenden Beschwerden mit Ihrer Hausärztin.
  • 10 bis 14: mittelgradige depressive Symptome. Hinweis: Eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung ist empfohlen.
  • 15 bis 19: ausgeprägte depressive Symptome. Hinweis: Bitte vereinbaren Sie zeitnah einen Termin, eine Behandlung ist in der Regel angezeigt.
  • 20 bis 27: schwere depressive Symptome. Hinweis: Bitte suchen Sie rasch ärztliche Hilfe, wenn möglich noch diese Woche.

Sicherheitslogik (zwingend):

  • Sobald bei Item 9 ein Wert über 0 gewählt wird, erscheint sofort, noch vor dem Weiterklicken und unabhängig vom späteren Gesamtwert, ein deutlich sichtbarer Krisenhinweis: "Sie haben angegeben, dass Sie Gedanken haben, lieber tot zu sein oder sich etwas anzutun. Bitte holen Sie sich jetzt Unterstützung. Schweiz: Die Dargebotene Hand 143, Pro Juventute 147, Notruf 144. Deutschland: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, Notruf 112. Österreich: TelefonSeelsorge 142, Rat auf Draht 147, Notruf 144. Bei akuter Gefahr rufen Sie den Notruf oder gehen Sie in die nächste Notaufnahme."
  • Die Telefonnummern sind auf Mobilgeräten als anklickbare Links umgesetzt.
  • Der Krisenhinweis bleibt auf der Ergebnisseite oberhalb des Summenwerts stehen und lässt sich nicht wegklicken.
  • Auch bei einem Summenwert von 0 bis 4 wird bei Item 9 über 0 kein beruhigender Text angezeigt, sondern der Hinweis, das Thema zeitnah mit einer Fachperson zu besprechen.
  • Eingaben werden nicht gespeichert und nicht übertragen. Ein Ausdruck oder PDF ist nur auf Wunsch der Nutzerin möglich.

Interpretationsgrenzen und Hinweistext: Der PHQ-9 ist ein Screening-Instrument und ersetzt keine Diagnose. Ein hoher Wert kann auch durch körperliche Erkrankungen, Trauer, Schlafmangel oder Medikamente entstehen; ein niedriger Wert schliesst eine Depression nicht aus. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist der Test in dieser Form nicht vorgesehen. Für die Verlaufskontrolle ist ein Abstand von mindestens zwei Wochen sinnvoll, weil sich die Fragen auf diesen Zeitraum beziehen.

Rechner 2: Ausschleich-Planer (Spezifikation)

Rechner 2

Ausschleich-Planer, Visualisierung eines ärztlich festgelegten Plans

Dieser Planer zeigt nur Ihren mit der Ärztin vereinbarten Plan an. Ändern Sie Dosis oder Tempo nie ohne Rücksprache.

Stufen laut ärztlichem Plan

Auswertung

Tragen Sie den Plan so ein, wie Ihre Ärztin oder Ihr Arzt ihn festgelegt hat. Die Grafik erscheint, sobald alle Angaben vorliegen.

Fachleute empfehlen heute meist, Antidepressiva über Wochen bis Monate und gegen Ende in immer kleineren Schritten zu reduzieren, weil die letzten Dosisschritte im Gehirn am meisten verändern (Horowitz und Taylor, Lancet Psychiatry 2019). Wie Ihr Plan aussieht, hängt von Wirkstoff, Dauer der Einnahme und früheren Absetzversuchen ab, und das legen Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin fest.

Eingaben, Formeln, Interpretationsgrenzen

Name: Ausschleich-Planer, Visualisierung eines ärztlich festgelegten Plans

Zweck: Das Tool stellt einen Reduktionsplan dar, den die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt festgelegt hat. Es berechnet keine Dosen, schlägt keine Schritte vor und macht keine Empfehlungen zur Geschwindigkeit. Diese Grenze steht gut sichtbar über dem Formular: "Dieser Planer zeigt nur Ihren mit der Ärztin vereinbarten Plan an. Ändern Sie Dosis oder Tempo nie ohne Rücksprache."

Eingaben (alle von Hand, ohne vorausgefüllte Werte):

  • Wirkstoff (Freitext)
  • Darreichungsform (Freitext, zum Beispiel Tablette, Tropfen, Lösung)
  • Ausgangsdosis mit Einheit, wie ärztlich verordnet
  • Beliebig viele Stufen, je mit Startdatum, Tagesdosis mit Einheit und geplanter Dauer in Tagen, so wie im ärztlichen Plan angegeben
  • Datum des nächsten Kontrolltermins
  • Optional: Name und Telefonnummer der Praxis

Verarbeitung: Das Tool übernimmt die eingegebenen Werte unverändert. Es prüft nur formal, ob die Startdaten aufsteigend sind und ob jede Stufe eine Dosis und eine Dauer hat. Bei fehlenden Angaben erscheint ein Hinweis, keine automatische Ergänzung. Dosisdifferenzen, Prozentwerte, Rundungen oder Hochrechnungen werden nicht berechnet und nicht angezeigt.

Ausgabe:

  • Zeitstrahl mit allen Stufen als Treppengrafik (x-Achse Datum, y-Achse eingegebene Dosis), Kontrolltermine als Markierung
  • Kalenderansicht, die für jeden Tag die laut Plan aktuelle Dosis zeigt
  • Tägliches Kurzprotokoll pro Tag: Stimmung 0 bis 10, Absetzsymptome ja oder nein mit Auswahl (Schwindel, Schlafstörung, Reizbarkeit, grippeähnliche Beschwerden, stromschlagartige Empfindungen, anderes), Freitextnotiz
  • Druckversion für den Arzttermin mit Plan und Protokoll

Sicherheitsregeln:

  • Treten im Protokoll an drei aufeinanderfolgenden Tagen Absetzsymptome auf oder fällt die Stimmung zwei Tage in Folge auf 3 oder tiefer, erscheint der Hinweis: "Bitte besprechen Sie das mit Ihrer Ärztin, bevor Sie die nächste Stufe beginnen." Das Tool schlägt nie selbst vor, eine Stufe zu verlängern, zu pausieren oder die Dosis wieder zu erhöhen.
  • Ein dauerhaft sichtbarer Link führt zum Krisenhinweis mit den Nummern für CH, DE und AT.
  • Daten werden nur lokal auf dem Gerät gespeichert und können jederzeit gelöscht werden.

Infotext unter dem Planer: Fachleute empfehlen heute meist, Antidepressiva über Wochen bis Monate und gegen Ende in immer kleineren Schritten zu reduzieren, weil die letzten Dosisschritte im Gehirn am meisten verändern (Horowitz und Taylor, Lancet Psychiatry 2019). Wie Ihr Plan aussieht, hängt von Wirkstoff, Dauer der Einnahme und früheren Absetzversuchen ab, und das legen Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin fest.

Newsletter

Einmal im Monat fassen wir neue Studien, Leitlinien und Versorgungsänderungen zu Depression in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich verständlich zusammen, ohne Werbung und ohne Heilsversprechen. Mit der Anmeldung erhalten Sie die Fragenliste für den Arztbesuch und das Stimmungstagebuch als PDF.

Diese Inhalte ersetzen keine medizinische Beratung.

Verwandte Studio+ Hubs

Weitere Themen

Depression | medizin.studio