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Bluthochdruck

Studio+ Hub zu Bluthochdruck: Wirkstoffe, Zielwerte, Erfahrungsberichte, Versorgung in CH, DE und AT, Studien, Rechner und Druckvorlagen.

Stand September 2026

Wirkstoffe

Wirkstoffe im Überblick

Bluthochdruck (arterielle Hypertonie) ist die häufigste behandelbare Ursache für Schlaganfall, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Nierenversagen. In der Schweiz, in Deutschland und in Österreich ist etwa jede dritte erwachsene Person betroffen, ab 65 Jahren mehr als jede zweite. Rund die Hälfte der Betroffenen weiss nichts davon, und nur etwa ein Drittel bis die Hälfte der Behandelten erreicht die Zielwerte. Die gute Nachricht: Kaum eine Therapie in der Medizin ist so gut belegt wie die Blutdrucksenkung. Jede Senkung des systolischen Drucks um 10 mmHg reduziert das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse um etwa 20 Prozent, für Schlaganfall um etwa 27 Prozent und für Herzinsuffizienz um etwa 28 Prozent. Das gilt weitgehend unabhängig davon, mit welchem Wirkstoff die Senkung erreicht wird.

Die Kernfakten im Überblick:

  • Fünf Wirkstoffklassen bilden das Fundament: ACE-Hemmer, Sartane (Angiotensin-Rezeptor-Blocker), Calciumantagonisten, Thiazid- und thiazidähnliche Diuretika sowie, in bestimmten Situationen, Betablocker. Bei resistenter Hypertonie kommt Spironolacton hinzu.
  • Anwendungsform: Tabletten, einmal täglich, in der Regel morgens. Fixkombinationen aus zwei oder drei Wirkstoffen in einer Tablette sind seit der ESC-Leitlinie 2024 der empfohlene Standard-Start für die meisten Menschen.
  • Erwarteter Effekt: Ein einzelner Wirkstoff in Standarddosis senkt den systolischen Blutdruck um etwa 8 bis 10 mmHg, eine Zweifachkombination um etwa 15 bis 20 mmHg. Etwa zwei Drittel der Behandelten brauchen mindestens zwei Wirkstoffe, um den Zielwert zu erreichen.
  • Häufigste Nebenwirkungen: trockener Reizhusten (ACE-Hemmer), Knöchelödeme (Calciumantagonisten), Elektrolytverschiebungen und Gichtanfälle (Diuretika), Müdigkeit und langsamer Puls (Betablocker), Schwindel beim Aufstehen (alle Klassen, vor allem zu Beginn).

Wirkstoffe im Vergleich

Medikament
Ramipril (z. B. Delix, Triatec, Generika)
Wirkstoff
ACE-Hemmer
Indikation
Hypertonie, Herzinsuffizienz, nach Herzinfarkt, diabetische Nephropathie
Dosierung
2,5 bis 10 mg einmal täglich, Start meist 2,5 bis 5 mg
Status
Erstlinie, ESC 2024 Klasse I
Nebenwirkungen
Trockener Reizhusten (etwa 5 bis 15 Prozent), Hyperkaliämie, Kreatininanstieg, selten Angioödem, in der Schwangerschaft kontraindiziert
Medikament
Candesartan (z. B. Atacand, Blopress, Generika)
Wirkstoff
Sartan (Angiotensin-Rezeptor-Blocker)
Indikation
Hypertonie, Herzinsuffizienz, Alternative bei ACE-Hemmer-Husten
Dosierung
8 bis 32 mg einmal täglich, Start 8 mg
Status
Erstlinie, ESC 2024 Klasse I
Nebenwirkungen
Schwindel, Hyperkaliämie, Kreatininanstieg, kein Husten, in der Schwangerschaft kontraindiziert
Medikament
Amlodipin (z. B. Norvasc, Generika)
Wirkstoff
Calciumantagonist (Dihydropyridin)
Indikation
Hypertonie, stabile Angina pectoris, besonders geeignet bei älteren Menschen und isolierter systolischer Hypertonie
Dosierung
5 bis 10 mg einmal täglich
Status
Erstlinie, ESC 2024 Klasse I
Nebenwirkungen
Knöchelödeme (dosisabhängig, bei 10 mg bis etwa 20 bis 25 Prozent), Flush, Kopfschmerzen, Zahnfleischwucherung, Verstopfung
Medikament
Hydrochlorothiazid (HCT) und Chlortalidon (z. B. Esidrex, Hygroton, Generika)
Wirkstoff
Thiazid- bzw. thiazidähnliches Diuretikum
Indikation
Hypertonie, oft als Kombinationspartner
Dosierung
HCT 12,5 bis 25 mg, Chlortalidon 12,5 bis 25 mg, jeweils einmal täglich morgens
Status
Erstlinie, ESC 2024 Klasse I, Chlortalidon und Indapamid werden gegenüber HCT bevorzugt
Nebenwirkungen
Hypokaliämie, Hyponatriämie, Harnsäureanstieg und Gicht, Blutzuckeranstieg, Lichtempfindlichkeit, bei HCT Signal für hellen Hautkrebs bei hoher Kumulativdosis
Medikament
Indapamid (z. B. Fludex, Natrilix, Generika)
Wirkstoff
Thiazidähnliches Diuretikum
Indikation
Hypertonie, Endpunktdaten bei über 80-Jährigen (HYVET)
Dosierung
1,5 mg retard oder 2,5 mg einmal täglich
Status
Erstlinie, ESC 2024 Klasse I, bevorzugtes Diuretikum
Nebenwirkungen
Hypokaliämie, Hyponatriämie (vor allem bei älteren Frauen), Harnsäureanstieg, selten QT-Verlängerung
Medikament
Bisoprolol (z. B. Concor, Bilol, Generika)
Wirkstoff
Betablocker (beta-1-selektiv)
Indikation
Hypertonie mit koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern, nach Herzinfarkt, bei Frauen mit Kinderwunsch
Dosierung
2,5 bis 10 mg einmal täglich
Status
Nicht Erstlinie bei unkomplizierter Hypertonie, Klasse I bei zwingender Zusatzindikation
Nebenwirkungen
Müdigkeit, Bradykardie, kalte Hände und Füsse, erektile Dysfunktion, Verschlechterung von Asthma, maskierte Unterzuckerung, Gewichtszunahme
Medikament
Spironolacton (z. B. Aldactone, Xenalon, Generika)
Wirkstoff
Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonist
Indikation
Resistente Hypertonie (vierter Wirkstoff), primärer Hyperaldosteronismus, Herzinsuffizienz
Dosierung
25 bis 50 mg einmal täglich
Status
Klasse I als vierte Substanz bei resistenter Hypertonie und eGFR über 45 ml/min
Nebenwirkungen
Gynäkomastie und Brustschmerz bei Männern (etwa 6 bis 10 Prozent), Hyperkaliämie, Menstruationsstörungen, Kreatininanstieg
Medikament
Perindopril/Amlodipin (z. B. Coveram, Generika)
Wirkstoff
Fixkombination ACE-Hemmer plus Calciumantagonist
Indikation
Hypertonie, Erstbehandlung oder Umstellung von zwei Einzeltabletten
Dosierung
3,5/2,5 mg bis 10/10 mg einmal täglich, häufigste Stufen 5/5 und 10/10 mg
Status
Fixkombinationen sind Standard-Start, ESC 2024 Klasse I
Nebenwirkungen
Reizhusten, Knöchelödeme (durch den ACE-Hemmer abgeschwächt), Schwindel, Hyperkaliämie

ACE-Hemmer (Ramipril). ACE-Hemmer blockieren das Angiotensin-konvertierende Enzym und verhindern so die Bildung von Angiotensin II, dem stärksten körpereigenen Gefässverengungshormon. Die Gefässe weiten sich, die Niere scheidet mehr Natrium aus, und das Herz wird entlastet. Ramipril ist der am besten untersuchte Vertreter: In der HOPE-Studie (NEJM 2000, 9297 Hochrisikopatientinnen und -patienten, 4,5 Jahre) senkte Ramipril 10 mg das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder kardiovaskulären Tod um 22 Prozent. ESH 2023 und ESC 2024 führen ACE-Hemmer als eine der Erstlinienklassen mit Klasse-I-Empfehlung, mit besonderem Stellenwert bei Herzinsuffizienz, nach Herzinfarkt, bei Diabetes und bei Nierenerkrankung mit Eiweissausscheidung. Der trockene Reizhusten entsteht durch die Anreicherung von Bradykinin, tritt bei etwa 5 bis 15 Prozent auf, ist harmlos, aber lästig und verschwindet nach Absetzen innerhalb von ein bis vier Wochen. Die Umstellung auf ein Sartan löst das Problem fast immer. Kalium und Kreatinin werden zwei bis vier Wochen nach Beginn kontrolliert. Ein Kreatininanstieg bis 30 Prozent ist erwartbar und kein Grund zum Absetzen.

Sartane (Candesartan). Sartane blockieren den AT1-Rezeptor direkt, an dem Angiotensin II wirkt. Die blutdrucksenkende Wirkung entspricht derjenigen der ACE-Hemmer, das Nebenwirkungsprofil ist etwas günstiger: kein Husten, deutlich seltener Angioödeme. In Metaanalysen brechen weniger Menschen die Therapie mit einem Sartan ab als mit jeder anderen Klasse. Candesartan hat zusätzlich Endpunktdaten bei Herzinsuffizienz (CHARM-Programm, Lancet 2003) und wird in der SCOPE-Studie bei älteren Menschen untersucht. ESH 2023 und ESC 2024 stellen Sartane den ACE-Hemmern gleich (Klasse I). ACE-Hemmer und Sartane werden nicht miteinander kombiniert, weil die Kombination die Nierenfunktion gefährdet, ohne die Prognose zu verbessern (ONTARGET, NEJM 2008). Beide Klassen sind ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel fruchtschädigend und werden bei Frauen mit Kinderwunsch durch andere Substanzen ersetzt.

Calciumantagonisten (Amlodipin). Dihydropyridin-Calciumantagonisten hemmen den Calciumeinstrom in die glatte Muskulatur der Arterienwand. Die Widerstandsgefässe weiten sich, der Blutdruck sinkt gleichmässig über 24 Stunden, weil Amlodipin eine Halbwertszeit von 35 bis 50 Stunden hat. Das macht es verzeihend bei einer einmal vergessenen Einnahme. Amlodipin wirkt unabhängig von Salzkonsum, Alter und Herkunft und ist deshalb bei älteren Menschen, bei isolierter systolischer Hypertonie und bei Menschen afrikanischer Abstammung besonders gut geeignet. In ASCOT-BPLA (Lancet 2005, 19'257 Teilnehmende) war die Kombination aus Amlodipin und Perindopril der älteren Kombination aus Atenolol und Thiazid überlegen: 11 Prozent weniger Todesfälle, 23 Prozent weniger Schlaganfälle. Knöchelödeme sind die typische Nebenwirkung. Sie entstehen nicht durch Wassereinlagerung im Körper, sondern durch die Weitstellung der kleinen Arterien bei unveränderten Venen, und sprechen deshalb nicht auf Diuretika an. Hilfreich sind Dosisreduktion, die Kombination mit einem ACE-Hemmer oder Sartan (halbiert die Ödemrate) oder der Wechsel auf Lercanidipin.

Thiazid- und thiazidähnliche Diuretika (Hydrochlorothiazid, Chlortalidon, Indapamid). Diuretika steigern die Natriumausscheidung im distalen Tubulus der Niere. Der Effekt auf das Blutvolumen ist nach wenigen Wochen weitgehend verschwunden, die anhaltende Wirkung beruht auf einer Gefässerweiterung. Diuretika verstärken die Wirkung von ACE-Hemmern und Sartanen besonders gut, weshalb die Kombination auf beiden Seiten Sinn ergibt: Der ACE-Hemmer fängt den durch das Diuretikum aktivierten Renin-Angiotensin-Mechanismus ab, das Diuretikum gleicht die Kaliumerhöhung aus. Chlortalidon und Indapamid wirken länger und sind mit besseren Endpunktdaten belegt als HCT: ALLHAT (JAMA 2002, 33'357 Teilnehmende) mit Chlortalidon, HYVET (NEJM 2008, 3845 Teilnehmende über 80 Jahre) mit Indapamid, dort 30 Prozent weniger Schlaganfälle und 21 Prozent weniger Todesfälle. ESH 2023 und ESC 2024 empfehlen deshalb, Chlortalidon oder Indapamid gegenüber HCT zu bevorzugen. Das Diuretic Comparison Project (NEJM 2022, 13'523 Teilnehmende) fand allerdings zwischen Chlortalidon und HCT keinen Unterschied bei Herz-Kreislauf-Ereignissen, dafür mehr Hypokaliämien unter Chlortalidon. Wer stabil auf HCT eingestellt ist, muss nicht umgestellt werden. Das Hautkrebs-Signal betrifft HCT: Dänische Registerdaten zeigten 2017 und 2018 ein etwa vierfach erhöhtes Risiko für Plattenepithelkarzinome der Haut und ein etwa 1,3-fach erhöhtes Risiko für Basalzellkarzinome bei hohen Kumulativdosen über viele Jahre (mehr als 50'000 mg, entsprechend etwa 25 mg täglich über mehr als fünf Jahre). Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat 2018 einen Warnhinweis in die Fachinformation aufgenommen, Swissmedic und das BfArM haben entsprechende Informationsschreiben (in Deutschland als Rote-Hand-Brief) versandt. Das absolute Risiko bleibt klein, die Konsequenz ist praktisch: konsequenter Sonnenschutz, jährliche Hautkontrolle bei heller Haut und langer Einnahme, und bei einer Neueinstellung eher Chlortalidon oder Indapamid. Bei allen Diuretika werden Natrium, Kalium, Kreatinin und Harnsäure zwei bis vier Wochen nach Beginn und dann jährlich kontrolliert. Bei bekannter Gicht werden Diuretika möglichst vermieden.

Betablocker (Bisoprolol). Betablocker senken Herzfrequenz und Herzzeitvolumen und hemmen die Reninfreisetzung. Sie senken den Blutdruck etwa gleich stark wie die anderen Klassen, schützen aber in Metaanalysen weniger gut vor Schlaganfall, und sie sind stoffwechselneutral ungünstiger (Gewicht, Blutzucker). ESH 2023 führt Betablocker noch als eine der fünf Hauptklassen mit dem Hinweis, sie vor allem bei zwingender Zusatzindikation einzusetzen. ESC 2024 geht einen Schritt weiter: Betablocker sind nicht mehr Erstlinie bei unkomplizierter Hypertonie und werden dann eingesetzt, wenn eine andere Erkrankung sie ohnehin erfordert: koronare Herzkrankheit, Zustand nach Herzinfarkt, Herzinsuffizienz mit reduzierter Pumpfunktion, Vorhofflimmern mit schnellem Puls, ausserdem bei Frauen mit Kinderwunsch oder in der Schwangerschaft. Bisoprolol ist beta-1-selektiv und deshalb bei kontrolliertem Asthma oder COPD meist tolerabel. Ein Betablocker wird nie abrupt abgesetzt, sondern über ein bis zwei Wochen ausgeschlichen, weil sonst Herzrasen und Angina auftreten können.

Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten (Spironolacton). Spironolacton blockiert die Wirkung von Aldosteron, das Natrium zurückhält und den Blutdruck über Volumen und Gefässversteifung erhöht. Bei einem erheblichen Teil der Menschen mit resistenter Hypertonie ist Aldosteron relativ oder absolut erhöht. PATHWAY-2 (Lancet 2015, 314 Teilnehmende mit resistenter Hypertonie) verglich Spironolacton, Bisoprolol, Doxazosin und Placebo als vierten Wirkstoff: Spironolacton senkte den systolischen Heimblutdruck um 8,7 mmHg stärker als Placebo und war den beiden anderen Substanzen klar überlegen. ESH 2023 und ESC 2024 empfehlen Spironolacton 25 bis 50 mg als vierte Substanz mit Klasse I, wenn die eGFR über 45 ml/min und das Serumkalium unter 4,5 mmol/l liegen. Kalium und Kreatinin werden nach einer Woche, nach vier Wochen und danach alle drei bis sechs Monate kontrolliert. Bei Gynäkomastie ist Eplerenon eine Alternative mit gleicher Wirkung, aber ohne Hormonnebenwirkung. Bei nachgewiesenem primärem Hyperaldosteronismus (Conn-Syndrom) ist Spironolacton zusammen mit der Operation eines Nebennierenadenoms die gezielte Therapie.

Fixkombinationen als Standard-Start (Perindopril/Amlodipin). Die wichtigste Änderung der letzten Jahre ist strategisch, nicht pharmakologisch. ESH 2023 und noch deutlicher ESC 2024 empfehlen, die Therapie bei den meisten Menschen direkt mit einer Fixkombination aus zwei Wirkstoffen in niedriger Dosis zu beginnen, bevorzugt ACE-Hemmer oder Sartan plus Calciumantagonist oder Diuretikum. Der Grund: Zwei Wirkstoffe in niedriger Dosis senken den Blutdruck stärker als ein Wirkstoff in hoher Dosis, mit weniger Nebenwirkungen. Und eine Tablette wird zuverlässiger eingenommen als zwei. In Beobachtungsstudien ist die Therapietreue mit Fixkombinationen um etwa 20 bis 30 Prozent höher, und die Zielwerte werden häufiger und schneller erreicht. Perindopril/Amlodipin beruht auf den ASCOT-Daten. Wird der Zielwert nach vier bis sechs Wochen nicht erreicht, folgt die Dreifachkombination (ACE-Hemmer oder Sartan plus Calciumantagonist plus Diuretikum), ebenfalls als eine Tablette, dann Spironolacton als vierte Substanz. Ausnahmen vom Kombinationsstart sind ein nur leicht erhöhter Blutdruck bei niedrigem Risiko, ein Alter über 85 Jahren, Gebrechlichkeit und orthostatische Hypotonie. Dort beginnt die Therapie mit einem Wirkstoff.

Zielwerte und Klassifikation

Blutdruck wird an drei Orten gemessen, und für jeden gelten andere Grenzwerte, weil der Praxisdruck systematisch höher ausfällt als der Druck im Alltag. Die Diagnose Hypertonie wird nie aus einer einzigen Praxismessung gestellt, sondern durch Heimmessung oder 24-Stunden-Messung bestätigt.

Messort
Praxis (Sprechzimmer)
Grenzwert Hypertonie
ab 140/90 mmHg
Anmerkung
Mittelwert aus mindestens zwei Messungen an zwei bis drei Terminen, nach 5 Minuten Ruhe, sitzend, Oberarmmanschette in Herzhöhe
Messort
Heimmessung
Grenzwert Hypertonie
ab 135/85 mmHg
Anmerkung
Mittelwert aus je zwei Messungen morgens und abends über sieben Tage, erster Tag verworfen
Messort
24-Stunden-Messung, Gesamtmittel
Grenzwert Hypertonie
ab 130/80 mmHg
Anmerkung
Goldstandard für Diagnose, Weisskittel- und maskierte Hypertonie
Messort
24-Stunden-Messung, Tag
Grenzwert Hypertonie
ab 135/85 mmHg
Messort
24-Stunden-Messung, Nacht
Grenzwert Hypertonie
ab 120/70 mmHg
Anmerkung
Fehlende nächtliche Absenkung (Non-Dipping) ist ein eigenständiger Risikofaktor

Die ESH-Leitlinie 2023 behält die klassische Einteilung des Praxisdrucks bei: optimal unter 120/80, normal 120 bis 129/80 bis 84, hochnormal 130 bis 139/85 bis 89, Hypertonie Grad 1 ab 140/90, Grad 2 ab 160/100, Grad 3 ab 180/110 mmHg. Die ESC-Leitlinie 2024 vereinfacht auf drei Kategorien: nicht erhöht (unter 120/70), erhöht (120 bis 139 systolisch oder 70 bis 89 diastolisch) und Hypertonie (ab 140/90 mmHg). Die neue Kategorie "erhöhter Blutdruck" ist keine Krankheit, aber ein Anlass, das Gesamtrisiko zu berechnen (in Europa mit SCORE2 oder SCORE2-OP) und bei hohem Risiko bereits ab 130 mmHg systolisch medikamentös zu behandeln, wenn drei Monate Lebensstiländerung nicht reichen.

Beim Zielwert liegen die beiden Leitlinien nahe beieinander, formulieren aber unterschiedlich. ESH 2023: zunächst unter 140/90 mmHg bei allen, dann bei guter Verträglichkeit 120 bis 129/70 bis 79 mmHg bei den meisten unter 65 Jahren, 130 bis 139 systolisch bei 65- bis 79-Jährigen, 140 bis 150 systolisch bei über 80-Jährigen, sofern verträglich. ESC 2024: ein Zielkorridor von 120 bis 129 mmHg systolisch (Praxismessung) für alle Erwachsenen, bei denen die Therapie vertragen wird, unabhängig vom Alter. Die Untergrenze ist wichtig: Werte unter 120 systolisch bringen keinen zusätzlichen Nutzen und erhöhen das Risiko für Schwindel, Stürze und Nierenfunktionsverschlechterung. Die Basis für diesen Korridor sind SPRINT (NEJM 2015, 9361 Teilnehmende, intensives Ziel unter 120 mmHg: 25 Prozent weniger schwere Ereignisse, 27 Prozent weniger Todesfälle) und STEP (NEJM 2021, 8511 Teilnehmende zwischen 60 und 80 Jahren, Ziel 110 bis 130 mmHg: 26 Prozent weniger Ereignisse). Bei Heimmessung entspricht der Korridor etwa 120 bis 125 mmHg, bei der 24-Stunden-Messung etwa 120 bis 125 mmHg im Tagesmittel.

Für ältere Menschen gilt in beiden Leitlinien ein Grundsatz: Das kalendarische Alter allein ist kein Grund, weniger zu senken, denn die über 65-Jährigen in SPRINT und die 60- bis 80-Jährigen in STEP haben vom strengeren Ziel genauso profitiert. Entscheidend ist der Zustand. ESC 2024 nennt ausdrücklich vier Gruppen, bei denen ein individuelleres und meist höheres Ziel gilt: Menschen mit symptomatischer orthostatischer Hypotonie, Menschen über 85 Jahren, Menschen mit ausgeprägter Gebrechlichkeit und Menschen mit begrenzter Lebenserwartung (unter drei Jahren). Hier gilt "so niedrig wie vernünftig erreichbar", in der Praxis meist unter 140 mmHg systolisch, ohne Schwindel und Stürze zu provozieren. Bei allen Menschen über 70 Jahren wird deshalb der Blutdruck auch im Stehen gemessen: Fällt der systolische Druck innerhalb von drei Minuten um 20 mmHg oder mehr, wird die Therapie nicht gesteigert, sondern angepasst.

Nicht-medikamentöse Massnahmen mit Zahlen

Lebensstilmassnahmen sind keine Vorstufe der Therapie, sondern Teil davon. Bei erhöhtem Blutdruck ohne hohes Risiko sind sie über drei Monate die alleinige Behandlung, bei Hypertonie begleiten sie die Medikamente von Anfang an. Ihre Wirkung addiert sich und kann bei konsequenter Umsetzung einer Tablette entsprechen. Die folgenden Zahlen stammen aus ESH 2023, ESC 2024 und den zugrundeliegenden Metaanalysen und gelten für Menschen mit Hypertonie. Bei normalem Blutdruck ist der Effekt etwa halb so gross.

Massnahme
Salz reduzieren
Empfehlung
unter 5 g Kochsalz (unter 2 g Natrium) pro Tag
Erwartete Senkung systolisch
etwa 5 bis 6 mmHg, bei salzsensitiven und älteren Menschen bis 8 mmHg
Massnahme
Kalium erhöhen
Empfehlung
3,5 bis 5 g Kalium pro Tag aus Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, oder kaliumangereichertes Salz
Erwartete Senkung systolisch
etwa 3 bis 5 mmHg
Massnahme
Gewicht reduzieren
Empfehlung
Ziel BMI 20 bis 25 kg/m², Bauchumfang unter 94 cm (Männer) bzw. 80 cm (Frauen)
Erwartete Senkung systolisch
etwa 1 mmHg pro Kilogramm, bei 10 kg etwa 5 bis 10 mmHg
Massnahme
Alkohol reduzieren
Empfehlung
unter 100 g reiner Alkohol pro Woche, besser Verzicht
Erwartete Senkung systolisch
etwa 3 bis 4 mmHg, bei starkem Konsum und Halbierung bis 5 bis 6 mmHg
Massnahme
Ausdauertraining
Empfehlung
150 Minuten moderat oder 75 Minuten intensiv pro Woche, verteilt auf 3 bis 5 Tage
Erwartete Senkung systolisch
etwa 4 bis 8 mmHg
Massnahme
Krafttraining und isometrisches Training
Empfehlung
2 bis 3 Einheiten pro Woche, dynamisch oder isometrisch (z. B. Wandsitz, Handgriff)
Erwartete Senkung systolisch
etwa 4 bis 6 mmHg, isometrisch in Metaanalysen bis 8 mmHg
Massnahme
DASH-Ernährung
Empfehlung
viel Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchte, fettarme Milchprodukte, wenig rotes Fleisch, Süsses und gesättigte Fette
Erwartete Senkung systolisch
etwa 5 bis 11 mmHg, kombiniert mit Salzreduktion bis 11 bis 12 mmHg
Massnahme
Rauchstopp
Empfehlung
vollständig
Erwartete Senkung systolisch
kein anhaltender Blutdruckeffekt, aber Halbierung des Herzinfarktrisikos innerhalb von etwa 5 Jahren

Zum Salz: Der durchschnittliche Konsum liegt in der Schweiz bei etwa 9 g pro Tag, in Deutschland und Österreich ähnlich. Rund drei Viertel davon stecken in verarbeiteten Lebensmitteln (Brot, Käse, Wurst, Fertiggerichte), nicht im Salzstreuer. Die SSaSS-Studie (NEJM 2021, 20'995 Teilnehmende in China, 4,7 Jahre) zeigte, dass ein Salzersatz mit 25 Prozent Kaliumchlorid den systolischen Druck um 3,3 mmHg senkte und die Schlaganfallrate um 14 Prozent reduzierte. Kaliumangereichertes Salz ist bei Nierenfunktionsstörung und unter Spironolacton nicht geeignet und wird vorher mit der Ärztin oder dem Arzt besprochen.

Zum Gewicht: Der Effekt von etwa 1 mmHg pro Kilogramm gilt bis etwa 10 kg Gewichtsverlust. Bei ausgeprägter Adipositas senken GLP-1-Rezeptoragonisten den systolischen Druck um etwa 5 bis 7 mmHg, bariatrische Chirurgie um 10 mmHg und mehr, häufig mit Reduktion der Medikamente.

Zum Alkohol: Die frühere Annahme, dass geringe Mengen das Herz schützen, hält den aktuellen Daten nicht stand. Der Blutdruckeffekt ist linear: Jede Reduktion hilft, und wer täglich mehr als zwei Standardgetränke trinkt, gewinnt am meisten.

Zur Bewegung: Die Senkung tritt nach wenigen Wochen ein und hält nur an, solange trainiert wird. Der Blutdruck während der Belastung steigt kurzzeitig an, was ungefährlich ist. Bei Praxiswerten über 180/110 mmHg wird die Therapie zuerst eingeleitet und dann trainiert. Isometrisches Training (viermal zwei Minuten Wandsitz oder Handgriffpresse, dreimal wöchentlich) ist in einer Metaanalyse von 2023 mit 270 Studien und über 15'000 Teilnehmenden die effektivste Einzelform gewesen.

Zur DASH-Ernährung: Die Originalstudie (NEJM 1997, 459 Teilnehmende, 8 Wochen) senkte den systolischen Druck bei Menschen mit Hypertonie um 11,4 mmHg und den diastolischen um 5,5 mmHg. DASH-Sodium (NEJM 2001, 412 Teilnehmende) zeigte, dass die Kombination aus DASH und 1,5 g Natrium pro Tag bei Hypertonie 11,5 mmHg gegenüber einer normalen salzreichen Ernährung brachte. Die mediterrane Ernährung erreicht in Studien ähnliche Effekte und ist für viele Menschen in DACH alltagstauglicher.

Was nicht belegt ist: Nahrungsergänzungsmittel wie Magnesium, Knoblauch, Omega-3 oder Coenzym Q10 zeigen in Studien höchstens Effekte von 1 bis 3 mmHg mit widersprüchlicher Datenlage. Entspannungsverfahren, Achtsamkeit und Atemtraining können 2 bis 4 mmHg bringen, ersetzen aber weder Bewegung noch Medikamente.

Renale Denervation und resistente Hypertonie

Von resistenter Hypertonie spricht man, wenn der Praxisblutdruck trotz drei Wirkstoffen aus verschiedenen Klassen in maximal verträglicher Dosis, darunter ein Diuretikum, über 140/90 mmHg bleibt und die 24-Stunden-Messung oder Heimmessung dies bestätigt. Vor der Diagnose müssen drei Dinge geklärt sein. Erstens die Pseudoresistenz: falsche Manschettengrösse, Weisskitteleffekt (bis zu einem Drittel der vermeintlich resistenten Fälle), und vor allem unregelmässige Einnahme. In Studien mit Medikamentennachweis in Urin oder Blut nahm etwa ein Drittel bis die Hälfte der Menschen mit "resistenter" Hypertonie die Tabletten nicht oder nur teilweise ein. Zweitens blutdrucksteigernde Substanzen: nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen und Diclofenac, Kortison, Östrogenpräparate, abschwellende Nasensprays, Lakritze, Kokain, Amphetamine, manche Antidepressiva. Drittens sekundäre Ursachen: Bei resistenter Hypertonie liegt in bis zu 20 Prozent ein primärer Hyperaldosteronismus vor, dazu kommen obstruktive Schlafapnoe (sehr häufig bei Adipositas und nächtlicher Hypertonie), Nierenarterienstenose, chronische Nierenerkrankung, Phäochromozytom und Schilddrüsenerkrankungen. Die Abklärung umfasst Aldosteron-Renin-Quotient, Kreatinin und Albumin im Urin, Elektrolyte, Nierenarterien-Duplexsonographie und bei Verdacht ein Schlafapnoe-Screening. Echte resistente Hypertonie betrifft nach dieser Abklärung etwa 5 bis 10 Prozent aller Behandelten.

Die medikamentöse Antwort ist in ESH 2023 und ESC 2024 eindeutig: Spironolacton 25 bis 50 mg als vierte Substanz, bei Unverträglichkeit Eplerenon. Danach kommen Betablocker (falls noch nicht eingesetzt), Alpha-Blocker wie Doxazosin, zentral wirksame Substanzen wie Moxonidin oder Clonidin und als letzte Reserve Minoxidil in Frage. Chlortalidon ersetzt HCT, und bei einer eGFR unter 30 ml/min wird auf ein Schleifendiuretikum wie Torasemid gewechselt. Die Abendeinnahme eines Teils der Medikamente hat in der grossen TIME-Studie (Lancet 2022, 21'104 Teilnehmende) keinen Vorteil gegenüber der Morgeneinnahme gezeigt; entscheidend ist die Regelmässigkeit.

Die renale Denervation ist ein katheterbasierter Eingriff über die Leistenarterie, bei dem die sympathischen Nervenfasern entlang der Nierenarterien mit Radiofrequenzenergie (Symplicity Spyral) oder Ultraschall (Paradise) verödet werden. Diese Nerven treiben Reninfreisetzung, Natriumretention und Gefässtonus an. Der Eingriff dauert etwa eine Stunde, erfolgt in Sedierung oder Narkose und erfordert meist einen bis zwei Tage Spitalaufenthalt. Nach der Ernüchterung durch SYMPLICITY HTN-3 (NEJM 2014), die keinen Vorteil gegenüber einer Scheinprozedur zeigte, haben die scheinkontrollierten Studien der zweiten Generation die Wirksamkeit belegt: SPYRAL HTN-OFF MED Pivotal (Lancet 2020, 331 Teilnehmende ohne Medikamente) senkte den 24-Stunden-Druck um 3,9 mmHg mehr als die Scheinprozedur, SPYRAL HTN-ON MED (Lancet 2018 und 2022) unter laufender Therapie um etwa 4 bis 7 mmHg, RADIANCE-HTN TRIO (Lancet 2021, 136 Teilnehmende mit resistenter Hypertonie unter Dreifach-Fixkombination) senkte den Tagesdruck um 4,5 mmHg mehr als die Scheinprozedur. Das Global Symplicity Registry mit über 3000 Behandelten zeigt eine anhaltende Senkung des Praxisdrucks um etwa 16 mmHg über drei Jahre bei einer Komplikationsrate unter 1 Prozent, wobei Registerdaten den Placeboeffekt nicht ausschliessen können.

Die Einordnung durch die Leitlinien ist deshalb bewusst zurückhaltend. ESH 2023 sieht die renale Denervation als Option bei resistenter Hypertonie mit eGFR über 40 ml/min nach gemeinsamer Entscheidung in einem erfahrenen Zentrum. ESC 2024 vergibt eine Klasse-IIb-Empfehlung ("kann erwogen werden") bei resistenter Hypertonie trotz Dreifachkombination und Spironolacton, ebenfalls mit eGFR über 40 ml/min und nach Ausschluss sekundärer Ursachen, sowie bei Menschen mit dokumentierter Unverträglichkeit mehrerer Wirkstoffe. Realistisch ist die Erwartung: Ein 24-Stunden-Effekt von etwa 5 mmHg, ein Praxiseffekt von etwa 10 mmHg, einige Behandelte profitieren deutlich, etwa ein Drittel kaum, und es gibt bisher keinen sicheren Vorhersagetest, wer zu welcher Gruppe gehört. Medikamente können in der Regel nicht abgesetzt, aber manchmal reduziert werden. Die Kostenübernahme ist in DACH uneinheitlich: In Deutschland erfolgt der Eingriff stationär und wird von den Krankenkassen bei Erfüllung der Leitlinienkriterien in der Regel getragen, in der Schweiz und in Österreich wird die Übernahme im Einzelfall von der Kasse geprüft und ist an ein spezialisiertes Zentrum gebunden. Die Deutsche Hochdruckliga und die Schweizerische Hypertonie-Gesellschaft führen Listen zertifizierter Zentren. Für Menschen, die den Eingriff prüfen, ist die wichtigste Frage nicht "welches Gerät", sondern "ist meine Hypertonie wirklich resistent, und wurde alles andere abgeklärt".

Erfahrungsberichte

Was Patienten erzählen

Die Erfahrungsberichte sind redaktionell verfasste, anonymisierte Beispiele auf Basis typischer Therapieverläufe. Sie ersetzen keine medizinische Beratung.

Bericht 1

Erfolg

«Ich hatte keine Beschwerden. Genau das war das Problem.»

Markus B., 54, Deutschland

Therapiedauer
8 Monate
Therapie
Ramipril 5 mg, später 10 mg, plus Lebensstiländerung

Ich bin zum Check-up gegangen, weil meine Krankenkasse mich daran erinnert hat, nicht weil ich mich krank gefühlt hätte. Ich arbeite als Projektleiter in einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen in Baden-Württemberg, sitze viel, reise viel, und mein Blutdruck war das Letzte, worüber ich nachgedacht habe. Die Praxisassistentin hat gemessen, kurz gestutzt und nach fünf Minuten nochmals gemessen: 162/98 mmHg. Beim zweiten Mal 158/96. Mein Hausarzt hat mir gesagt, das sei kein Notfall, aber auch kein Wert, den man ignorieren dürfe. Er hat mir ein Heimmessgerät empfohlen und mich gebeten, zwei Wochen lang morgens und abends je zwei Messungen zu protokollieren.

Der Durchschnitt aus diesen zwei Wochen lag bei 154/94. Damit war klar, dass es sich nicht um Aufregung in der Praxis handelte. Zusätzlich hat mein Arzt Blut abgenommen (Nierenwerte, Kalium, Blutzucker, Cholesterin), einen Urintest gemacht und ein EKG geschrieben. Das EKG zeigte erste Hinweise auf eine Verdickung der linken Herzkammer, was mich ehrlich gesagt mehr erschreckt hat als die Zahlen selbst. Der Arzt hat erklärt, dass das Herz über Jahre gegen einen zu hohen Widerstand gepumpt hat und sich anpasst, und dass sich das bei guter Einstellung teilweise zurückbilden kann.

Bericht 2

Erfolg

«In der Praxis 158/95, zu Hause 121/78. Ich habe an meinem Gerät gezweifelt, nicht an mir.»

Sandra K., 41, Schweiz

Beobachtungsdauer
6 Monate
Therapie
keine Medikation, 24-Stunden-Blutdruckmessung, Heimmessung

Ich bin Primarlehrerin im Kanton Luzern und wurde wegen wiederkehrender Kopfschmerzen beim Hausarzt vorstellig. Er hat routinemässig den Blutdruck gemessen: 158/95 mmHg. Zwei Wochen später bei der Nachkontrolle 152/92. Ich war überrascht, weil ich schlank bin, keine Familiengeschichte mit Bluthochdruck habe und regelmässig jogge. Mein Arzt hat vorgeschlagen, zuerst zu Hause zu messen, bevor er ein Rezept ausstellt.

Zu Hause lagen meine Werte konstant zwischen 118/76 und 126/80. Ich habe zuerst gedacht, das Gerät sei defekt, und es in die Praxis mitgenommen. Dort haben wir es direkt neben dem Praxisgerät verglichen: beide zeigten 149/91. Zu Hause am selben Abend: 122/79. Mein Arzt hat dann von Weisskittelhypertonie gesprochen und eine 24-Stunden-Blutdruckmessung angeordnet, um das Ganze sauber zu klären.

Bericht 3

Erfolg

«Zwei Schachteln, zwei Uhrzeiten, und immer eine vergessen. Jetzt ist es eine Tablette.»

Herbert L., 74, Österreich

Therapiedauer
14 Monate mit Fixkombination, davor 6 Jahre Einzelpräparate
Therapie
Perindopril 5 mg / Amlodipin 5 mg als Fixkombination

Ich bin pensionierter Bahnbeamter aus der Steiermark und habe seit meinem 67. Lebensjahr Bluthochdruck. Jahrelang habe ich zwei Medikamente genommen: Perindopril am Morgen und Amlodipin am Abend, so hatte es mein damaliger Hausarzt verordnet, weil ich am Anfang unter Amlodipin am Tag etwas müde war. Das Problem war nicht die Wirkung, sondern die Umsetzung. Am Abend habe ich das Amlodipin regelmässig vergessen, besonders wenn wir Besuch hatten oder ich beim Kartenspielen war. Meine Frau hat mich ermahnt, aber ehrlich gesagt hat das die Stimmung eher belastet als die Einnahme verbessert.

Bei einer Kontrolle vor gut einem Jahr lag mein Praxiswert bei 156/92 mmHg, und meine Heimwerte schwankten stark: an guten Tagen 138/84, an Tagen mit vergessener Abenddosis über 160/95. Mein neuer Hausarzt hat mich gefragt, wie oft ich die Tabletten auslasse, und ich habe zugegeben: vielleicht zwei- bis dreimal pro Woche. Er hat mir vorgeschlagen, beide Wirkstoffe in einer einzigen Tablette zu nehmen, morgens mit dem Frühstück. Die Fixkombination aus Perindopril und Amlodipin gibt es als Generikum.

Bericht 4

Erfolg

«Ich habe 12 Kilo verloren und die halbe Tablette gleich mit.»

Daniel R., 48, Schweiz

Therapiedauer
18 Monate
Therapie
Amlodipin 10 mg, reduziert auf 5 mg, plus Salzreduktion und Gewichtsabnahme

Ich bin Küchenchef in einem Restaurant im Kanton Bern. Salz ist mein Werkzeug, und ich habe jahrelang abgeschmeckt, probiert, nachgewürzt, ohne darüber nachzudenken. Als mein Hausarzt vor eineinhalb Jahren 166/100 mmHg gemessen hat, mit 106 kg bei 1,80 m, war ich nicht überrascht, aber ich hatte es erfolgreich verdrängt. Er hat mit Amlodipin 5 mg begonnen und nach sechs Wochen auf 10 mg erhöht, weil ich noch bei 148/92 lag. Damit kam ich auf 136/86, aber ich hatte geschwollene Knöchel und fühlte mich nach langen Schichten bleiern.

Der Wendepunkt kam bei einem Gespräch mit einer Ernährungsberaterin, die mein Arzt empfohlen hatte. Sie hat mir nicht gesagt, ich solle weniger essen, sondern hat mich gebeten, eine Woche lang alles zu protokollieren, was ich in der Küche nebenbei probiere. Das Ergebnis war ernüchternd: An einem Arbeitstag kam ich auf geschätzt 12 bis 15 g Salz und rund 1000 Kalorien allein durch Probieren, zusätzlich zu den regulären Mahlzeiten. Die WHO empfiehlt weniger als 5 g Salz pro Tag.

Bericht 5

In Anpassung

«Der Husten kam nachts. Acht Monate lang habe ich ihn der Heizungsluft zugeschrieben.»

Claudia M., 63, Deutschland

Therapiedauer
11 Monate, davon 3 Monate unter Candesartan
Therapie
Ramipril 5 mg, wegen Reizhusten gewechselt auf Candesartan 8 mg, jetzt 16 mg

Ich bin Buchhalterin in Niedersachsen, seit drei Jahren Witwe, und mein Bluthochdruck wurde bei einer Routineuntersuchung mit 160/96 mmHg festgestellt. Der Hausarzt hat Ramipril 5 mg verordnet, und nach acht Wochen lag ich bei 134/84. Ich war zufrieden. Aber etwa vier Wochen nach Therapiebeginn begann ein trockener Husten, meistens abends und nachts, ein Kitzeln im Hals, das zu Hustenanfällen führte, ohne Schleim, ohne Erkältung. Ich habe es auf die trockene Heizungsluft geschoben, dann auf die Pollen im Frühling, dann auf Reflux.

Erst als meine Tochter, die Krankenschwester ist, mich nach dem Namen meines Blutdruckmedikaments gefragt hat, kam der Verdacht auf. Sie hat mir erklärt, dass ACE-Hemmer bei einem Teil der Patienten einen trockenen Reizhusten auslösen, weil der Abbau von Bradykinin gehemmt wird. Mein Hausarzt hat das sofort bestätigt und gesagt, dass etwa jede zehnte Patientin darunter leidet, Frauen häufiger als Männer, und dass der Husten nach dem Absetzen meist innerhalb von ein bis vier Wochen verschwindet, gelegentlich dauert es länger.

Bericht 6

In Anpassung

«Meine Schuhe passten am Abend nicht mehr. Die Waage sagte, es sei kein Fett.»

Ingrid S., 69, Österreich

Therapiedauer
2 Jahre
Therapie
Amlodipin 10 mg, reduziert auf 5 mg abends, plus Valsartan 160 mg

Ich lebe in Linz, war Verkäuferin in einem Modehaus und stehe auch in der Pension noch viel, weil ich ehrenamtlich in einem Sozialmarkt arbeite. Mein Bluthochdruck wurde vor zwei Jahren mit 170/98 mmHg diagnostiziert, zusammen mit einem erhöhten Cholesterin. Meine Ärztin hat mit Valsartan 80 mg begonnen, dann auf 160 mg erhöht, und nach drei Monaten Amlodipin 5 mg ergänzt, weil ich mit Valsartan allein bei 148/90 stand. Mit beiden zusammen kam ich auf 134/84. Weil das Ziel bei mir unter 130/80 lag, hat sie Amlodipin auf 10 mg erhöht, und der Blutdruck ging auf 126/78.

Ungefähr sechs Wochen nach der Erhöhung haben meine Knöchel angefangen anzuschwellen. Zuerst nur am Abend, nach den Stunden im Sozialmarkt. Dann auch morgens noch sichtbar. Die Schuhe drückten, die Strümpfe hinterliessen tiefe Rillen. Ich habe mir Sorgen um mein Herz gemacht, weil meine Mutter Herzschwäche hatte. Meine Ärztin hat ein Herzecho und die Nierenwerte veranlasst, beides war in Ordnung. Sie hat mir erklärt, dass Amlodipin die kleinen Arterien erweitert, die Venen aber nicht, und dass dadurch Flüssigkeit ins Gewebe gedrückt wird. Das sei dosisabhängig und bei 10 mg deutlich häufiger als bei 5 mg. Ein Entwässerungsmittel helfe dagegen kaum, weil es kein Wasserüberschuss im Körper ist, sondern ein lokales Problem im Gewebe.

Bericht 7

Frühe Phase

«Mit 29 dachte ich, Bluthochdruck sei etwas für meinen Vater. Jetzt lerne ich, richtig zu messen.»

Jonas T., 29, Schweiz

Therapiedauer
3 Wochen
Therapie
Losartan 50 mg, Lebensstilprogramm, strukturierte Heimmessung

Ich arbeite als Softwareentwickler in Zürich, viel im Homeoffice, viel Bildschirm, wenig Bewegung seit der Pandemie. Der Blutdruck ist bei einer Musterung für den Zivilschutz aufgefallen: 152/96 mmHg. Der Arzt dort hat gesagt, ich solle das beim Hausarzt abklären lassen, und ich habe das zwei Monate vor mir hergeschoben. Beim Hausarzt dann 149/94, an einem zweiten Termin 151/95. Weil ich jung bin, hat er zuerst nach sekundären Ursachen gesucht: Nierenwerte, Kalium, Schilddrüse, Urin, Aldosteron-Renin-Quotient, Ultraschall der Nieren. Alles unauffällig. Mein Vater hat mit 45 Bluthochdruck bekommen, mein Grossvater hatte mit 60 einen Schlaganfall. Der Arzt hat von einer primären Hypertonie mit familiärer Häufung gesprochen.

Er hat mir ehrlich gesagt, dass er bei meinem Alter und Werten zuerst drei Monate Lebensstiländerung versuchen könnte, dass er aber wegen der Familiengeschichte und der Höhe der Werte zu einem frühen Medikamentenbeginn rät. Ich habe zugestimmt. Er hat Losartan 50 mg gewählt, unter anderem weil ich bei einem Sartan kein Hustenrisiko habe und weil es sich gut mit dem Sport verträgt, den ich wieder aufnehmen will.

Bericht 8

Abgesetzt (Umstellung)

«Ich war 52 und fühlte mich wie 80. Niemand hatte mir gesagt, dass das vom Betablocker kommen kann.»

Roland K., 53, Wien (AT)

Therapiedauer
4 Jahre Bisoprolol, seit 7 Monaten Amlodipin plus Ramipril

Meinen Bluthochdruck hat man 2022 beim Betriebsarzt entdeckt, 162 zu 98 mmHg, mehrfach bestätigt. Ich arbeite im Aussendienst, viel Auto, viel Essen unterwegs, wenig Schlaf. Mein Hausarzt hat mir Bisoprolol 5 mg verschrieben, später 10 mg. Der Blutdruck ging runter, auf etwa 138 zu 86 mmHg, und damit war das Thema für alle erledigt. Für mich fing es da erst an.

In den ersten Monaten habe ich die Müdigkeit auf den Job geschoben. Ich bin um 21 Uhr eingeschlafen, morgens trotzdem wie gerädert aufgestanden. Beim Wandern, das ich früher gern gemacht habe, kam ich am Berg nicht mehr in Schwung, der Puls blieb bei 95, egal wie steil es wurde. Ich habe mich schwer und langsam gefühlt, kalte Hände und Füsse den ganzen Winter. Und dann kam das, worüber ich lange mit niemandem gesprochen habe: Erektionsstörungen. Erst gelegentlich, dann fast immer. Meine Frau hat es auf Stress geschoben, ich auch. Wir haben fast ein Jahr um das Thema herumgeredet.

Bericht 9

Abgesetzt (HCT)

«Ich dachte, ich werde dement. Es war das Natrium.»

Margarethe S., 76, Basel (CH)

Therapiedauer
11 Jahre Hydrochlorothiazid plus Lisinopril, seit 5 Monaten Lisinopril plus Amlodipin

Ich nehme seit über zehn Jahren Medikamente gegen Bluthochdruck, und ich habe mich damit nie besonders beschäftigt. Man nimmt die Tabletten morgens, man geht zweimal im Jahr zur Kontrolle, der Hausarzt sagt "gut so", fertig. Meine Kombination war Lisinopril 20 mg mit Hydrochlorothiazid 25 mg, in einer Tablette. Der Blutdruck lag immer um 135 zu 80 mmHg, da war nichts zu beanstanden.

Im Frühjahr wurde ich seltsam. Ich kann es nicht anders sagen. Ich habe Termine vergessen, mich in der Stadt einmal fast verlaufen, auf einem Weg, den ich seit vierzig Jahren gehe. Ich war ständig müde und hatte keinen Appetit, mir war immer leicht übel. Meine Tochter hat gesagt, ich sei "wie in Watte". Ich hatte grosse Angst, dass das der Beginn einer Demenz ist. Meine Mutter hatte Alzheimer. Ich habe wochenlang niemandem etwas gesagt, weil ich es nicht hören wollte.

Bericht 10

Erfolg

«Vier Medikamente und trotzdem 165. Die Antwort lag in meinem Schlaf.»

Jürgen H., 61, Stuttgart (DE)

Therapiedauer
9 Jahre, seit 14 Monaten Spironolacton plus CPAP-Therapie

Ich gehöre zu den Menschen, bei denen "einfach die Tablette nehmen" nicht funktioniert hat. Neun Jahre Bluthochdruck, und die Medikamentenliste wurde immer länger: Ramipril 10 mg, Amlodipin 10 mg, Hydrochlorothiazid 25 mg, zwischendurch noch Bisoprolol. Trotzdem lag ich in der Praxis regelmässig bei 165 zu 100 mmHg, zu Hause nicht viel besser. Mein Hausarzt sprach von resistenter Hypertonie und hat mich in eine Hochdruckambulanz überwiesen. Ich war frustriert und ehrlich gesagt auch etwas fatalistisch. Mein Vater hatte auch immer hohen Blutdruck, ich dachte, das ist eben so.

In der Ambulanz wurde als Erstes geprüft, ob ich die Medikamente überhaupt richtig nehme. Das fand ich zuerst unverschämt, aber die Ärztin hat erklärt, dass die Hälfte aller Fälle von vermeintlich resistenter Hypertonie an Einnahmeproblemen oder falscher Messung liegt. Bei mir war die Einnahme in Ordnung. Dann eine 24-Stunden-Blutdruckmessung: Tagesmittel 158 zu 96 mmHg, und vor allem nachts kein Abfall. Normalerweise sinkt der Blutdruck im Schlaf um 10 bis 20 Prozent. Bei mir blieb er hoch, nachts sogar über 150 mmHg. Die Ärztin hat mich gefragt, ob ich schnarche, ob ich tagsüber müde bin, ob meine Frau je beobachtet hat, dass ich im Schlaf mit dem Atmen aussetze. Ja, ja und ja. Ich bin 1,78 Meter gross, wog 104 Kilo, Kragenweite 45. Sie hat gesagt, das Bild passe.

Bericht 11

In Anpassung

«Ich wollte nur ein gesundes Kind. Jede Messung war ein kleiner Test, den ich bestehen musste.»

Lena F., 33, Zürich (CH)

Therapiedauer
12 Wochen Therapie, aktuell 31. Schwangerschaftswoche

Bis zur 19. Woche war meine Schwangerschaft unauffällig. Bei der Routinekontrolle in der Frauenarztpraxis lag der Blutdruck plötzlich bei 148 zu 94 mmHg. Die Ärztin hat nachgemessen, dann nochmal, dann hat sie mich gebeten, in einer Woche wiederzukommen und zu Hause zu messen. Zu Hause waren es 145 zu 92 mmHg, morgens und abends. Vor der Schwangerschaft hatte ich nie erhöhten Blutdruck, meine Mutter aber hatte bei ihrer zweiten Schwangerschaft eine Präeklampsie. Das Wort hat sich sofort in meinem Kopf festgesetzt.

Ich habe nachts recherchiert, was man nicht tun sollte, und mir alles durchgelesen, was zu Präeklampsie im Netz steht: Krampfanfälle, HELLP-Syndrom, Frühgeburt, Notkaiserschnitt. Ich hatte in dieser Woche kaum geschlafen. Als ich in der Praxis war, lag der Blutdruck bei 156 zu 98 mmHg, was sicher zu einem Teil an meiner Angst lag. Die Ärztin hat mich an die Sprechstunde für Risikoschwangerschaften am Spital überwiesen.

Bericht 12

Erfolg

«Der Schlaganfall hat mir mit 58 die zweite Chance gegeben, die ich mit 48 verschenkt hatte.»

Bernd W., 60, Hamburg (DE)

Therapiedauer
2 Jahre nach Schlaganfall

Ich habe mit 48 erfahren, dass ich Bluthochdruck habe, 160 zu 100 mmHg beim Betriebsarzt. Ich habe ein Rezept bekommen, Ramipril, und ich habe es etwa ein halbes Jahr genommen. Dann habe ich es schleifen lassen. Kein Symptom, kein Leidensdruck, die Packung war leer, das Rezept nicht erneuert. Zehn Jahre lang habe ich an keinen Blutdruck gedacht. Ich war Vertriebsleiter, 60 Stunden die Woche, Raucher, fünfzehn Kilo zu viel, abends zwei Bier, am Wochenende mehr.

Am 14. März vor zwei Jahren bin ich morgens aufgestanden und die linke Hand hat den Kaffeebecher nicht gehalten. Ich habe gedacht, ich hätte falsch gelegen. Dann hat meine Frau gesagt, ich rede komisch, mein Mundwinkel hänge. Sie hat sofort den Notruf gewählt. Das hat mir vermutlich mehr gerettet als alles andere. In der Stroke Unit wurde ein ischämischer Schlaganfall im Versorgungsgebiet der rechten Arteria cerebri media diagnostiziert. Ich habe eine Lysetherapie bekommen, innerhalb von 90 Minuten nach Symptombeginn. Blutdruck bei Aufnahme: 195 zu 110 mmHg.

Bericht 13

Frühe Phase

«Mit 29 hohen Blutdruck zu haben, ist nicht normal. Deshalb suchen wir jetzt den Grund.»

Sophie A., 29, Graz (AT)

Therapiedauer
5 Wochen seit Diagnose

Ich bin Physiotherapeutin, schlank, ich mache seit Jahren Sport, ich rauche nicht. Bluthochdruck war für mich etwas, das meine Patienten über 60 haben. Vor fünf Wochen habe ich in der Praxis einer Kollegin aus Spass den Blutdruck gemessen, und das Gerät hat 158 zu 102 mmHg angezeigt. Wir haben gelacht und nochmal gemessen. 155 zu 100. Dann am anderen Arm: 156 zu 101. Wir haben nicht mehr gelacht.

Meine Hausärztin hat mich am nächsten Tag drangenommen. In der Praxis 152 zu 98 mmHg, mehrfach in Ruhe gemessen. Sie hat mir ein Gerät mitgegeben und mich gebeten, eine Woche lang morgens und abends je zwei Werte zu notieren. Mittelwert zu Hause: 149 zu 96 mmHg. Damit war klar: Das ist keine Praxishypertonie. Und dann hat sie etwas gesagt, das ich mir gemerkt habe: "Bei einer 29-jährigen, sportlichen Frau mit diesen Werten will ich zuerst wissen, warum, bevor ich eine Tablette gebe."

Bericht 14

Frühe Phase

«Meine Uhr hat gepiepst. Ich habe sie ausgelacht. Sie hatte recht.»

Tobias M., 44, Bern (CH)

Therapiedauer
6 Wochen Lebensstiltherapie, noch keine Medikation

Ich habe mir die Smartwatch wegen des Schlaftrackings gekauft. Die Blutdruckfunktion, die über eine optische Messung schätzt und regelmässig mit einer Manschette kalibriert werden muss, habe ich eher nebenbei eingerichtet. Im Juli fing die Uhr an, mich zu nerven: "Erhöhter Blutdruck erkannt", mehrmals pro Woche, meist am späten Vormittag. Ich habe das als Spielerei abgetan. Optische Messung am Handgelenk, was soll das schon wert sein. Meine Frau hat gesagt: Dann lass es halt beim Arzt prüfen, dann hast du Ruhe.

Der Hausarzt hat mit einer Oberarmmanschette gemessen: 147 zu 93 mmHg. Nach fünf Minuten Ruhe nochmal: 144 zu 92. Er hat gesagt, die Uhr habe zwar keine Diagnose gestellt, aber sie habe einen berechtigten Hinweis gegeben. Zum Beweis hat er mir für eine Woche ein validiertes Oberarmgerät für zu Hause mitgegeben, mit dem Protokoll: morgens und abends je zwei Messungen, sitzend, nach fünf Minuten Ruhe, der erste Tag zählt nicht. Mittelwert: 142 zu 90 mmHg. Danach eine 24-Stunden-Messung, um Praxishypertonie auszuschliessen: Tagesmittel 139 zu 88 mmHg, nachts 124 zu 78 mmHg mit normalem Abfall. Diagnose: Hypertonie Grad 1.

Versorgung & Kosten

Vom ersten Gespräch zur Begleitung

1

Verdacht bestätigen

Ein erhöhter Wert in der Apotheke, beim Check-up oder am Handgelenksgerät ist ein Anlass, keine Diagnose. Die Hausärztin oder der Hausarzt misst standardisiert an zwei bis drei Terminen und gibt eine Heimmessung über sieben Tage oder eine 24-Stunden-Messung in Auftrag. Bei Werten ab 180/110 mmHg oder bei Beschwerden wie Brustschmerz, Sehstörungen oder neurologischen Ausfällen wird sofort behandelt.

2

Risiko und Ursachen einordnen

Zur Basisabklärung gehören Blutbild, Kreatinin und eGFR, Natrium, Kalium, Nüchternblutzucker oder HbA1c, Lipidprofil, Harnsäure, Urinstatus mit Albumin-Kreatinin-Quotient, ein Ruhe-EKG und bei Auffälligkeiten eine Echokardiographie und ein Augenhintergrund. Daraus ergibt sich das Gesamtrisiko (SCORE2), das über die Behandlungsschwelle und die Intensität entscheidet. Hinweise auf sekundäre Ursachen (junges Alter, sehr hohe Werte, niedriges Kalium, Schnarchen, Nierenwerte) führen zu weiterer Diagnostik.

3

Therapie starten und titrieren

Lebensstilberatung und, bei Hypertonie, eine niedrig dosierte Zweifach-Fixkombination bilden den Start. Nach zwei bis vier Wochen werden Kalium und Kreatinin kontrolliert und nach vier bis sechs Wochen der Blutdruck per Heimmessung beurteilt. Ist der Zielkorridor nicht erreicht, wird die Dosis erhöht oder auf drei Wirkstoffe erweitert. Die meisten Menschen sind innerhalb von drei Monaten eingestellt.

4

Langfristig begleiten

Bei stabiler Einstellung reichen Kontrollen alle drei bis sechs Monate in der Praxis und regelmässige Heimmessungen (eine Woche pro Quartal oder vor jedem Termin). Einmal jährlich werden Nierenwerte, Elektrolyte und die Risikofaktoren überprüft. Die Therapie ist in aller Regel lebenslang. Ein Absetzversuch ist nur nach grossem Gewichtsverlust oder bei anhaltend sehr tiefen Werten und dann nur unter Kontrolle sinnvoll.

Der Hausarzt oder die Hausärztin ist in allen drei Ländern das Zentrum der Hypertonieversorgung. Über 90 Prozent der Menschen mit Bluthochdruck werden ausschliesslich hausärztlich betreut, und das ist medizinisch richtig. Eine Überweisung an eine Hypertoniesprechstunde (Hypertensiologin oder Hypertensiologe DHL in Deutschland, Hypertoniezentren der Schweizerischen Hypertonie-Gesellschaft, Hypertonieambulanzen an Universitätskliniken in Österreich) ist in folgenden Situationen sinnvoll: resistente Hypertonie nach dem oben beschriebenen Ausschluss der Pseudoresistenz, Verdacht auf sekundäre Hypertonie, Hypertonie vor dem 40. Lebensjahr, Grad-3-Hypertonie, hypertensiver Notfall in der Vorgeschichte, Schwangerschaft mit Hypertonie, Hypertonie mit fortgeschrittener Nierenerkrankung (eGFR unter 30 ml/min), sowie Unverträglichkeit mehrerer Wirkstoffklassen.

Das Heimblutdruckmessgerät ist das wichtigste Instrument der Selbstkontrolle. Empfohlen werden Oberarmgeräte, die klinisch validiert sind. Die Liste der validierten Geräte führen STRIDE BP (stridebp.org), die Deutsche Hochdruckliga (Prüfsiegel) und die Schweizerische Hypertonie-Gesellschaft. Handgelenkgeräte sind nur bei sehr grossem Oberarmumfang oder bei korrekter Handhabung (Handgelenk in Herzhöhe) eine Alternative. Smartwatches ohne Manschette sind für die Diagnose und Therapiesteuerung nicht geeignet. Validierte Oberarmgeräte kosten etwa 40 bis 120 Franken bzw. Euro. Die Kostenübernahme ist unterschiedlich geregelt: In der Schweiz wird das Gerät in der Regel nicht von der Grundversicherung übernommen, weil es nicht zu den Pflichtleistungen der Mittel- und Gegenständeliste zählt; einige Zusatzversicherungen beteiligen sich, eine Anfrage bei der Kasse vor dem Kauf lohnt sich. In Deutschland sind Blutdruckmessgeräte in Produktgruppe 21 des Hilfsmittelverzeichnisses gelistet, die GKV übernimmt die Kosten aber nur mit ärztlicher Verordnung und medizinischer Begründung, etwa bei schwer einstellbarer Hypertonie, Schwangerschaftshypertonie, Dialyse oder nach Transplantation, und über einen Vertragslieferanten; die meisten Versicherten kaufen das Gerät selbst. In Österreich gibt es keine generelle Übernahme durch die ÖGK, im Rahmen von Therapie Aktiv und bei begründeter Verordnung ist ein Kostenzuschuss im Einzelfall möglich.

Die 24-Stunden-Blutdruckmessung (ambulantes Blutdruckmonitoring) wird in der Hausarztpraxis, bei Kardiologinnen und Kardiologen oder in Hypertoniezentren durchgeführt. Das Gerät misst tagsüber alle 15 bis 30 Minuten und nachts alle 30 bis 60 Minuten. In allen drei Ländern ist sie eine Kassenleistung: in der Schweiz über TARMED bzw. TARDOC mit Franchise und Selbstbehalt, in Deutschland über den EBM ohne Zuzahlung, in Österreich über die ÖGK, in der Regel mit Bewilligung oder Überweisung. Sie ist bei Erstdiagnose, bei Verdacht auf Weisskittel- oder maskierte Hypertonie, bei resistenter Hypertonie und zur Kontrolle der nächtlichen Werte indiziert.

Wer verschreibt
CH
Hausärztin/Hausarzt, Kardiologie, Nephrologie, Endokrinologie, Hypertoniezentren der Schweizerischen Hypertonie-Gesellschaft
DE
Hausärztin/Hausarzt, Kardiologie, Nephrologie, Hypertensiologin/Hypertensiologe DHL, Hypertoniezentren der Deutschen Hochdruckliga
AT
Hausärztin/Hausarzt, Fachärztinnen und Fachärzte für Innere Medizin, Kardiologie, Nephrologie, Hypertonieambulanzen
Kostenübernahme
CH
Grundversicherung (OKP) übernimmt alle Antihypertensiva auf der Spezialitätenliste, Laborkontrollen und 24-Stunden-Messung
DE
GKV übernimmt alle verschreibungspflichtigen Antihypertensiva, Labor und 24-Stunden-Messung, Festbeträge und Rabattverträge steuern die Auswahl
AT
ÖGK übernimmt Antihypertensiva des Erstattungskodex (grüne Box ohne Bewilligung, gelbe Box mit Bewilligung), Labor und 24-Stunden-Messung
Selbstbehalt und typische Monatskosten
CH
Franchise (300 bis 2500 Franken pro Jahr) plus 10 Prozent Selbstbehalt, 40 Prozent auf Originalpräparate, wenn ein günstigeres Generikum existiert; Generika kosten etwa 5 bis 20 Franken pro Monat, Fixkombinationen etwa 20 bis 45 Franken, Originale bis 60 Franken
DE
Zuzahlung 10 Prozent der Packung, mindestens 5, höchstens 10 Euro, viele Generika durch Rabattverträge zuzahlungsfrei; Belastungsgrenze 2 Prozent des Bruttoeinkommens (1 Prozent bei chronischer Krankheit); Kassenkosten für Generika etwa 3 bis 15 Euro pro Monat
AT
Rezeptgebühr 7,55 Euro pro Packung (2026), Befreiung bei geringem Einkommen oder ab 2 Prozent des Jahresnettoeinkommens über das Rezeptgebührenkonto; Generika liegen meist unter der Rezeptgebühr, sodass diese den effektiven Preis bestimmt
Programme
CH
Kein nationales Chronic-Care-Programm für Hypertonie; einige Krankenkassen bieten in Hausarztmodellen (HMO, Telmed) Coaching und Präventionsangebote; Herzgruppen und Programme der Schweizerischen Herzstiftung
DE
Kein eigenständiges bundesweites DMP Hypertonie; Bluthochdruck wird im DMP Koronare Herzkrankheit und im DMP Diabetes mellitus Typ 2 als Therapieziel strukturiert mitbehandelt, der G-BA hat die DMP-Anforderungen 2024 und 2025 aktualisiert; einzelne Kassen bieten regionale Hypertonie-Versorgungsverträge und DiGA (digitale Anwendungen) mit Blutdrucktagebuch; Patientenschulungen nach dem Hypertonie-Schulungsprogramm
AT
Therapie Aktiv (Disease-Management-Programm der Sozialversicherung) mit Schwerpunkt Diabetes Typ 2, seit einigen Jahren mit Erweiterung auf koronare Herzkrankheit und Herzinsuffizienz, Hypertonie wird darin als Risikofaktor strukturiert erfasst; Gesundheitsziele und Vorsorgeuntersuchung mit Blutdruckmessung kostenlos ab 18 Jahren
Reha und Hilfsmittel
CH
Ambulante und stationäre kardiale Reha nach Ereignis (Herzinfarkt, Herzinsuffizienz), Übernahme durch OKP mit Kostengutsprache; Blutdruckmessgerät in der Regel Selbstzahlung, Zusatzversicherung fragen
DE
Kardiologische Reha nach Ereignis über Rentenversicherung oder GKV; Blutdruckmessgerät nur bei medizinischer Begründung als Hilfsmittel, sonst Selbstzahlung; Ernährungsberatung und Präventionskurse (Paragraf 20 SGB V) mit Kassenzuschuss
AT
Kardiologische Reha über Pensionsversicherung oder ÖGK nach Antrag; Blutdruckmessgerät Kostenzuschuss im Einzelfall; Kur- und Gesundheitsvorsorge-Aktiv-Aufenthalte mit Bewegungs- und Ernährungsschwerpunkt
Regulierungsbehörde
CH
Swissmedic (Zulassung, Sicherheitsinformationen wie zum HCT-Hautkrebs-Signal), BAG (Spezialitätenliste, Preise)
DE
BfArM (Zulassung, Rote-Hand-Briefe), G-BA (Nutzenbewertung, DMP-Anforderungen), GKV-Spitzenverband (Festbeträge, Hilfsmittelverzeichnis)
AT
BASG mit AGES Medizinmarktaufsicht (Zulassung, Sicherheitsinformationen), Dachverband der Sozialversicherungsträger (Erstattungskodex)

Zu den Kosten in der Schweiz lohnt sich ein genauerer Blick, weil Bluthochdruck eine lebenslange Therapie ist und kleine Differenzen sich summieren. Seit 2024 gilt ein differenzierter Selbstbehalt: Auf Präparate, deren Preis mehr als zehn Prozent über dem Durchschnitt des günstigsten Drittels der wirkstoffgleichen Präparate liegt, zahlen Versicherte 40 statt 10 Prozent Selbstbehalt. Wer ein Originalpräparat wünscht, obwohl ein Generikum existiert, zahlt also deutlich mehr. Apotheken dürfen Generika substituieren, sofern die Ärztin oder der Arzt dies nicht ausdrücklich ausschliesst. Für die grossen Wirkstoffe dieses Hubs (Ramipril, Candesartan, Amlodipin, HCT, Indapamid, Bisoprolol, Spironolacton) gibt es in allen drei Ländern Generika, für Perindopril/Amlodipin ebenfalls. Eine Dreifachtherapie mit Generika kostet die Grundversicherung in der Schweiz etwa 30 bis 60 Franken pro Monat, wovon nach Erreichen der Franchise 10 Prozent beim Versicherten bleiben. In Deutschland und Österreich liegt die effektive Eigenbelastung für eine Generika-Therapie meist zwischen 0 und 10 Euro pro Monat. Die jährlichen Laborkontrollen und die 24-Stunden-Messung kommen dazu, in der Schweiz ebenfalls unter Franchise und Selbstbehalt.

Zur vorsichtigen Einordnung des deutschen DMP: Ein bundesweites, eigenständiges DMP Hypertonie existiert nach dem Stand unserer Recherche nicht. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat die Anforderungen an das DMP Koronare Herzkrankheit zuletzt 2024 und 2025 aktualisiert, dort sind Blutdruckziele, Lebensstilmassnahmen und Medikation für Menschen mit KHK verbindlich beschrieben. Menschen mit Hypertonie ohne KHK oder Diabetes profitieren von diesen Strukturen nicht direkt. Wer in Deutschland eine strukturierte Betreuung möchte, fragt die Krankenkasse nach regionalen Selektivverträgen zur Hypertonie, nach zugelassenen DiGA zum Blutdruckmanagement und nach Schulungsprogrammen. Angaben zu Programmen sollten immer direkt bei der eigenen Kasse überprüft werden, da sich die Vertragslandschaft laufend ändert.

Spezialisten finden. Die passende Fachrichtung hängt von der Fragestellung ab. Kardiologie ist zuständig bei Hypertonie mit Herzbeteiligung (linksventrikuläre Hypertrophie, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern, koronare Herzkrankheit), bei Fragen zur renalen Denervation und für die 24-Stunden-Messung, wenn die Hausarztpraxis sie nicht anbietet. Nephrologie ist zuständig bei Hypertonie mit Nierenbeteiligung (eGFR unter 45 ml/min, Albuminurie), bei Verdacht auf Nierenarterienstenose, bei schwer beherrschbaren Elektrolytstörungen und bei resistenter Hypertonie mit Nierenerkrankung. Endokrinologie klärt den primären Hyperaldosteronismus, das Phäochromozytom und das Cushing-Syndrom ab. Schlafmedizin oder Pneumologie übernimmt bei Verdacht auf obstruktive Schlafapnoe, Gynäkologie und Geburtshilfe bei Hypertonie in der Schwangerschaft. In allen drei Ländern führen die Hypertonie-Fachgesellschaften Verzeichnisse: die Schweizerische Hypertonie-Gesellschaft (swisshypertension.ch) mit anerkannten Hypertoniezentren, die Deutsche Hochdruckliga (hochdruckliga.de) mit der Suche nach Hypertensiologinnen und Hypertensiologen DHL sowie zertifizierten Zentren, und die Österreichische Gesellschaft für Hypertensiologie (hochdruckliga.at) mit Hypertonieambulanzen. Die Überweisung erfolgt in der Regel durch die Hausarztpraxis, in Deutschland ist sie für die Abrechnung nicht zwingend, in der Schweiz hängt es vom Versicherungsmodell (Hausarztmodell oder freie Arztwahl) ab, in Österreich ist für Ambulanzen meist eine Zuweisung nötig.

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Studien & Updates

Aktuelle Evidenz

Aktuelle Evidenz

Die Bluthochdruck-Forschung hat in den letzten zehn Jahren zwei grosse Fragen beantwortet: Wie tief soll der Blutdruck gesenkt werden, und lohnt sich das auch im hohen Alter? Dazu kommen neue Antworten zur Einnahmezeit, zu Salzersatz, zu Kombinationstabletten und zur Katheterbehandlung der Nierennerven. Die folgenden Einträge fassen die wichtigsten Landmark-Studien und die aktuelle europäische Leitlinie zusammen. Alle Zahlen stammen aus den Originalpublikationen. Was eine Studie im Durchschnitt zeigt, gilt nicht automatisch für jede einzelne Person: Alter, Begleiterkrankungen und Verträglichkeit entscheiden mit.

StudieNEJM, 2015-11

SPRINT: Intensive Blutdrucksenkung unter 120 mmHg systolisch

9361 Personen ab 50 Jahren mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko, aber ohne Diabetes und ohne früheren Schlaganfall, wurden auf ein systolisches Ziel unter 120 mmHg oder unter 140 mmHg randomisiert. Nach im Median 3,3 Jahren traten in der intensiven Gruppe 25 Prozent weniger schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse auf (1,65 gegenüber 2,19 Prozent pro Jahr), die Gesamtsterblichkeit sank um 27 Prozent; die Studie wurde deshalb vorzeitig beendet. Der Preis: mehr Blutdruckabfälle, Ohnmachten, Elektrolytstörungen und akute Nierenfunktionsverschlechterungen in der intensiven Gruppe. Wichtig für die Übertragung: In SPRINT wurde der Blutdruck automatisiert und ohne anwesende Fachperson gemessen, was etwa 5 bis 10 mmHg tiefere Werte ergibt als eine gewöhnliche Praxismessung.

StudieNEJM, 2008-05

HYVET: Behandlung lohnt sich auch nach dem 80. Geburtstag

3845 Patientinnen und Patienten ab 80 Jahren mit einem systolischen Blutdruck ab 160 mmHg erhielten Indapamid (bei Bedarf plus Perindopril) oder Placebo, Zielwert 150/80 mmHg. Nach im Median 1,8 Jahren war die Rate tödlicher Schlaganfälle um 39 Prozent, die Gesamtsterblichkeit um 21 Prozent und die Herzinsuffizienz um 64 Prozent tiefer als unter Placebo. HYVET hat die früher verbreitete Annahme widerlegt, dass eine Blutdrucksenkung im hohen Alter mehr schadet als nützt. Die Teilnehmenden waren allerdings vergleichsweise fit; für gebrechliche Hochbetagte gilt weiterhin: individuell abwägen, langsam einstellen.

StudieNEJM, 2021-09

STEP: Intensive Senkung bei 60- bis 80-Jährigen in China

8511 Personen zwischen 60 und 80 Jahren wurden auf ein systolisches Ziel von 110 bis unter 130 mmHg oder 130 bis unter 150 mmHg randomisiert. Nach im Median 3,3 Jahren erlitten 3,5 Prozent der intensiv Behandelten ein Herz-Kreislauf-Ereignis gegenüber 4,6 Prozent in der Standardgruppe, eine relative Reduktion um 26 Prozent. Schlaganfälle und akute Koronarsyndrome nahmen deutlich ab, die Nierenfunktion verschlechterte sich nicht häufiger. Blutdruckabfälle (Hypotonie) traten in der intensiven Gruppe öfter auf (3,4 gegenüber 2,6 Prozent). STEP bestätigt SPRINT in einer älteren Bevölkerungsgruppe und mit Heimblutdruckmessung als Steuerinstrument.

StudieEur Heart J, 2024-08

ESC-Leitlinie 2024: Neue Kategorie "erhöhter Blutdruck" und Ziel 120 bis 129 mmHg

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie hat ihre Leitlinie zu Bluthochdruck grundlegend überarbeitet. Neu gibt es drei Kategorien: nicht erhöhter Blutdruck (unter 120/70 mmHg), erhöhter Blutdruck (120 bis 139 / 70 bis 89 mmHg) und Hypertonie (ab 140/90 mmHg). Für die meisten behandelten Personen gilt neu ein systolisches Ziel von 120 bis 129 mmHg, sofern die Behandlung vertragen wird; bei Gebrechlichkeit, orthostatischer Hypotonie oder einem Alter ab 85 Jahren gilt "so tief wie vernünftig verträglich". Bei erhöhtem Blutdruck wird eine medikamentöse Therapie empfohlen, wenn das 10-Jahres-Risiko nach SCORE2 mindestens 10 Prozent beträgt oder eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder Nierenerkrankung vorliegt. Die Leitlinie stärkt Heim- und Langzeitmessung, empfiehlt Fixkombinationen ab Therapiebeginn und gibt der renalen Denervation erstmals eine Empfehlung (Klasse IIb) bei resistenter Hypertonie.

StudieJAMA, 2023-03

RADIANCE II und das SPYRAL-Programm: Renale Denervation als Ergänzung

In RADIANCE II wurden 224 Personen mit unkontrollierter Hypertonie nach Absetzen der Medikamente einer Ultraschall-Denervation der Nierenarterien oder einem Scheineingriff zugeteilt. Nach zwei Monaten sank der systolische Tagesblutdruck in der Langzeitmessung um 7,9 mmHg gegenüber 1,8 mmHg in der Kontrollgruppe, eine Differenz von 6,3 mmHg. Das Radiofrequenz-Programm SPYRAL HTN-ON MED (Pilotstudie Lancet 2018, erweiterte Kohorte 2022 bis 2023 publiziert) untersuchte den Eingriff zusätzlich zu laufender Medikation; der Effekt auf den 24-Stunden-Blutdruck lag in der Grössenordnung von 4 bis 7 mmHg und fiel in der erweiterten Kohorte kleiner aus als erhofft. Einordnung: Die Denervation ersetzt keine Tabletten, kann aber bei ausgewählten Personen mit resistenter Hypertonie oder Unverträglichkeit mehrerer Wirkstoffe eine Option sein. Die US-Behörde FDA hat beide Systeme im November 2023 zugelassen.

StudieLancet, 2022-10

TIME: Morgens oder abends einnehmen? Kein Unterschied bei den Ereignissen

21'104 Personen mit behandelter Hypertonie in Grossbritannien wurden randomisiert, ihre Blutdruckmedikamente entweder morgens (6 bis 10 Uhr) oder abends (20 bis 24 Uhr) einzunehmen. Nach im Median 5,2 Jahren gab es keinen Unterschied bei Herzinfarkt, Schlaganfall oder Gefässtod: 3,4 Prozent in der Abendgruppe gegenüber 3,7 Prozent in der Morgengruppe (Hazard Ratio 0,95, nicht signifikant). Auch Stürze und Nebenwirkungen unterschieden sich nicht wesentlich. TIME widerlegt frühere Berichte, wonach die abendliche Einnahme fast die Hälfte der Ereignisse verhindere. Die Botschaft: Die Tageszeit ist frei wählbar, entscheidend ist die regelmässige Einnahme.

StudieNEJM, 2021-09

SSaSS: Salzersatz senkt Schlaganfälle in ländlichen Regionen Chinas

20'995 Personen aus 600 Dörfern, alle mit früherem Schlaganfall oder über 60 Jahre mit Hypertonie, verwendeten entweder normales Kochsalz oder einen Salzersatz aus 75 Prozent Natriumchlorid und 25 Prozent Kaliumchlorid. Nach 4,7 Jahren war die Schlaganfallrate um 14 Prozent tiefer (29,1 gegenüber 33,7 pro 1000 Personenjahre), schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse nahmen um 13 Prozent und die Gesamtsterblichkeit um 12 Prozent ab. Eine gefährliche Kaliumerhöhung wurde nicht häufiger beobachtet. Vorsicht bleibt bei eingeschränkter Nierenfunktion, bei Kalium-sparenden Diuretika und bei Aldosteronantagonisten: Hier ist Kaliumsalz nur nach ärztlicher Rücksprache sinnvoll.

StudieNEJM, 2022-08

SECURE: Polypill nach Herzinfarkt bei über 65-Jährigen

2499 Personen ab 65 Jahren, die in den vorangegangenen sechs Monaten einen Herzinfarkt erlitten hatten, erhielten entweder eine Polypill (Acetylsalicylsäure, Ramipril, Atorvastatin in einer Tablette) oder die übliche Behandlung mit Einzelpräparaten. Nach im Median drei Jahren traten schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse bei 9,5 Prozent unter der Polypill gegenüber 12,7 Prozent unter Standardtherapie auf, eine relative Reduktion um 24 Prozent; die kardiovaskuläre Sterblichkeit lag bei 3,9 gegenüber 5,8 Prozent. Der Blutdruck unterschied sich am Ende kaum, die Therapietreue war unter der Polypill höher. SECURE stützt das Prinzip "weniger Tabletten, bessere Einnahme", das auch hinter den Fixkombinationen der ESC-Leitlinie steht.

Behörden-Update

UpdateEMA/PRAC, 2018

Hydrochlorothiazid und nicht-melanozytärer Hautkrebs

Der Pharmakovigilanzausschuss PRAC der Europäischen Arzneimittelagentur hat 2018 aufgrund zweier dänischer Registerstudien die Produktinformation aller Hydrochlorothiazid-haltigen Arzneimittel ergänzt. Die Daten zeigten ein dosis- und dauerabhängig erhöhtes Risiko für Basalzellkarzinome und vor allem für Plattenepithelkarzinome der Haut; für das Plattenepithelkarzinom lag das Risiko bei hoher kumulativer Dosis um ein Mehrfaches höher als ohne Hydrochlorothiazid, wobei die absolute Zahl der Fälle klein bleibt. Swissmedic hat die Massnahme 2019 nachvollzogen. Empfehlungen: Haut regelmässig selbst kontrollieren, verdächtige Veränderungen ärztlich abklären lassen, Sonnenschutz konsequent anwenden. Wer Hydrochlorothiazid einnimmt, soll das Präparat nicht eigenmächtig absetzen; bei bereits durchgemachtem hellem Hautkrebs kann die Ärztin oder der Arzt auf Chlortalidon, Indapamid oder eine andere Wirkstoffklasse wechseln.

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FAQ, Glossar & Downloads

Häufige Fragen

Muss ich die Tabletten ein Leben lang nehmen?+

Bei den meisten Menschen ja, denn die primäre Hypertonie ist eine chronische Veränderung der Gefässregulation, keine vorübergehende Infektion. Die Medikamente heilen nicht, sie halten den Druck im sicheren Bereich, solange sie eingenommen werden. Es gibt aber Ausnahmen: Wer deutlich Gewicht verliert, Alkohol reduziert, regelmässig trainiert und salzarm isst, kann die Dosis manchmal senken oder einen von zwei Wirkstoffen weglassen. Bei sekundären Formen (etwa Hyperaldosteronismus oder Schlafapnoe) kann die Behandlung der Ursache die Tabletten überflüssig machen. Jede Reduktion gehört unter ärztliche Kontrolle mit Heimmessungen über mehrere Wochen. Eigenmächtiges Absetzen ist eine der häufigsten Ursachen für Schlaganfälle bei bekannter Hypertonie.

Morgens oder abends einnehmen?+

Beides ist gleichwertig. Die TIME-Studie mit über 21'000 Teilnehmenden (Lancet 2022) fand über fünf Jahre keinen Unterschied bei Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Todesfällen zwischen morgendlicher und abendlicher Einnahme. Wählen Sie die Tageszeit, die Sie am zuverlässigsten einhalten. Für viele ist das der Morgen, zusammen mit dem Frühstück oder dem Zähneputzen. Diuretika nimmt man besser morgens, damit der nächtliche Harndrang nicht den Schlaf stört. Wer nachts hohe Werte in der Langzeitmessung zeigt, kann mit der Ärztin oder dem Arzt eine abendliche Einnahme oder eine Aufteilung besprechen. Wichtiger als die Uhrzeit ist die Konstanz: immer zur gleichen Zeit, nie zwei Dosen nachholen.

Wie messe ich zu Hause richtig?+

Fünf Minuten ruhig sitzen, Rücken angelehnt, Füsse flach am Boden, Beine nicht überkreuzt, Arm auf Herzhöhe abgelegt, Manschette auf der nackten Haut oder über dünnem Stoff. 30 Minuten vorher kein Kaffee, keine Zigarette, kein Sport, Blase entleert. Während der Messung nicht sprechen. Zwei Messungen im Abstand von ein bis zwei Minuten, morgens vor der Medikamenteneinnahme und abends vor dem Essen, an sieben aufeinanderfolgenden Tagen. Den ersten Tag streichen, aus den übrigen den Mittelwert bilden. Dieses Schema der Europäischen Hypertoniegesellschaft ist die Grundlage für Diagnose und Therapieanpassung. Einzelne hohe Werte nach Stress oder Aufregung sind normal und kein Grund zur Panik; entscheidend ist der Durchschnitt.

Ist 140/90 noch okay?+

Nein, 140/90 mmHg in der Praxis ist die Schwelle, ab der die ESC-Leitlinie 2024 von Hypertonie spricht; zu Hause entspricht das 135/85 mmHg. Werte zwischen 120/70 und 139/89 mmHg gelten neu als "erhöhter Blutdruck". Ob und wann behandelt wird, hängt vom Gesamtrisiko ab: Wer zusätzlich Diabetes, eine Nierenerkrankung oder eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hat, profitiert schon bei erhöhtem Blutdruck von Medikamenten. Als Behandlungsziel gilt für die meisten ein systolischer Wert von 120 bis 129 mmHg, sofern das vertragen wird. Für gebrechliche oder sehr alte Menschen darf das Ziel höher liegen. Ein einzelner Wert von 140/90 ist noch keine Diagnose; erst wiederholte Messungen oder eine Langzeitmessung bestätigen sie.

Kann ich mit Sport die Tabletten ersetzen?+

Regelmässiges Ausdauertraining senkt den systolischen Blutdruck im Mittel um etwa 5 bis 8 mmHg, Krafttraining und isometrische Übungen ähnlich viel. Kombiniert mit Gewichtsabnahme (etwa 1 mmHg pro Kilogramm), salzarmer Ernährung und weniger Alkohol können Lebensstilmassnahmen bei Hypertonie Grad 1 und tiefem Gesamtrisiko tatsächlich ausreichen; die Leitlinie sieht dafür drei bis sechs Monate Zeit vor. Bei Grad 2 oder 3, bei Organschäden oder hohem SCORE2-Risiko wirkt Sport ergänzend, ersetzt aber die Medikamente nicht. Wer bereits Tabletten nimmt und viel trainiert, kann mit der Ärztin oder dem Arzt eine Dosisreduktion prüfen, immer begleitet durch Heimmessungen. Sport ohne Tabletten bei unbehandeltem Grad 3 ist gefährlich.

Warum huste ich seit dem ACE-Hemmer?+

Der trockene Reizhusten ist die bekannteste Nebenwirkung von ACE-Hemmern wie Ramipril, Lisinopril oder Enalapril und betrifft je nach Studie etwa 5 bis 15 Prozent der Behandelten, Frauen und Menschen ostasiatischer Herkunft häufiger. Ursache ist die Anreicherung von Bradykinin in den Atemwegen, weil das Enzym, das es abbaut, blockiert wird. Der Husten kann Wochen bis Monate nach Therapiebeginn auftreten, ist harmlos, aber lästig, und verschwindet nach dem Absetzen meist innert ein bis vier Wochen. Die Standardlösung ist der Wechsel auf ein Sartan (etwa Candesartan, Valsartan, Losartan), das gleich gut wirkt und diesen Husten praktisch nie verursacht. Hustenmittel helfen nicht. Melden Sie den Husten, statt die Tablette wegzulassen.

Welches Messgerät ist validiert?+

Kaufen Sie ein Oberarmgerät, das nach einem anerkannten Protokoll geprüft wurde. Die verlässlichste Quelle ist die Liste der Europäischen Hypertoniegesellschaft und der internationalen Initiative STRIDE BP (stridebp.org), auf der Geräte aller Hersteller nach Validierungsstatus aufgeführt sind. Handgelenkgeräte sind nur bei korrekter Armhaltung auf Herzhöhe brauchbar und für sehr übergewichtige Personen oder bei Vorhofflimmern weniger geeignet. Achten Sie auf die richtige Manschettengrösse: Ein zu kleiner Umfang überschätzt den Druck. Smartwatches ohne Manschette sind für Diagnose und Therapiesteuerung derzeit nicht validiert. Bringen Sie Ihr Gerät einmal jährlich in die Praxis und messen Sie parallel zur Praxismessung, um Abweichungen zu erkennen.

Blutdruck und Sex, Alkohol, Sauna?+

Sex: Der Blutdruck steigt kurzzeitig wie bei mässigem Sport und ist bei behandelter Hypertonie unbedenklich. Erektionsstörungen sind häufig Folge der Gefässerkrankung selbst, seltener der Medikamente (am ehesten bei Thiaziden und älteren Betablockern); PDE-5-Hemmer sind mit den meisten Blutdrucksenkern kombinierbar, nicht aber mit Nitraten. Alkohol: Mehr als etwa ein Standardgetränk pro Tag erhöht den Blutdruck messbar; Reduktion senkt ihn um etwa 3 bis 4 mmHg. Sauna: Bei gut eingestelltem Blutdruck ist Sauna erlaubt und regelmässige Saunagänge sind in finnischen Kohorten mit tieferem Risiko verbunden. Vermeiden Sie das eiskalte Tauchbecken bei unkontrollierter Hypertonie und stehen Sie langsam auf, besonders unter Diuretika und Alphablockern.

Was bedeutet ein hoher unterer Wert bei normalem oberem?+

Eine isolierte diastolische Hypertonie (etwa 125/95 mmHg) betrifft vor allem jüngere Erwachsene und hängt oft mit erhöhtem Gefässwiderstand, Übergewicht, Alkohol oder Stress zusammen. Der diastolische Wert ist bei unter 50-Jährigen ein eigenständiger Risikomarker; ab etwa 60 Jahren gewinnt der systolische Wert an Bedeutung, weil die Gefässe steifer werden und die Diastole oft sogar sinkt. Ein diastolischer Wert ab 90 mmHg in der Praxis oder ab 85 mmHg zu Hause erfüllt die Hypertonie-Definition. Die Behandlung folgt den gleichen Regeln wie bei systolischer Erhöhung: erst Lebensstil und Ursachensuche, dann Medikamente je nach Gesamtrisiko. Ein Wert unter 70 mmHg unter Therapie sollte bei Herzkranken beachtet werden.

Welche Abklärungen gehören zur Erstdiagnose?+

Die Leitlinie empfiehlt bei gesicherter Hypertonie ein Basisprogramm: Blutbild, Natrium, Kalium, Kreatinin mit geschätzter Nierenfunktion, Nüchternglukose oder HbA1c, Lipidprofil, Harnsäure, Urinstatus mit Albumin-Kreatinin-Quotient und ein 12-Kanal-EKG. Dazu die Frage nach Schnarchen und Tagesmüdigkeit (Schlafapnoe) und nach Medikamenten, die den Druck erhöhen (Schmerzmittel, Kortison, Pille, abschwellende Nasensprays). Bei jungen Personen, sehr hohen Werten, tiefem Kalium oder Therapieresistenz folgt die Suche nach sekundären Ursachen, an erster Stelle der Aldosteron-Renin-Quotient. Eine Echokardiographie und die Untersuchung des Augenhintergrunds sind bei Grad 2 und 3 sinnvoll, um Organschäden zu erfassen.

Glossar

Systolisch
Der obere Wert einer Blutdruckmessung. Er entspricht dem Druck in den Arterien, wenn sich das Herz zusammenzieht und Blut auswirft. Ab etwa 60 Jahren ist er der wichtigere der beiden Werte für das Herz-Kreislauf-Risiko.
Diastolisch
Der untere Wert. Er zeigt den Druck in den Arterien in der Entspannungsphase des Herzens zwischen zwei Schlägen und spiegelt vor allem den Widerstand der kleinen Gefässe.
Hypertonie Grad 1 bis 3
Einteilung der Europäischen Hypertoniegesellschaft nach Praxiswerten: Grad 1 140 bis 159 / 90 bis 99 mmHg, Grad 2 160 bis 179 / 100 bis 109 mmHg, Grad 3 ab 180 / ab 110 mmHg. Die ESC-Leitlinie 2024 verzichtet auf die Grade und unterscheidet nur noch nicht erhöht, erhöht und Hypertonie; in der Praxis werden beide Systeme parallel verwendet.
Weisskittelhypertonie
Erhöhte Werte in der Praxis bei normalen Werten zu Hause oder in der Langzeitmessung. Betrifft etwa 15 bis 30 Prozent der Menschen mit erhöhten Praxiswerten, wird selten medikamentös behandelt, aber regelmässig kontrolliert, weil sich daraus häufiger eine echte Hypertonie entwickelt.
Maskierte Hypertonie
Das Gegenteil: normale Praxiswerte, aber erhöhte Werte zu Hause oder über 24 Stunden. Sie ist gefährlicher als die Weisskittelhypertonie, weil sie unerkannt bleibt, und wird wie eine gewöhnliche Hypertonie behandelt.
ABDM
Ambulante Blutdruck-Langzeitmessung über 24 Stunden mit einem tragbaren Gerät, das tagsüber alle 15 bis 30 und nachts alle 30 bis 60 Minuten misst. Referenzstandard für die Diagnose; Hypertonie ab 130/80 mmHg im 24-Stunden-Mittel, ab 135/85 tagsüber und ab 120/70 nachts.
ACE-Hemmer
Wirkstoffgruppe (Ramipril, Enalapril, Lisinopril, Perindopril), die das Angiotensin-Converting-Enzym blockiert und so die Bildung des gefässverengenden Angiotensin II verhindert. Erste Wahl bei Diabetes, Nierenerkrankung und Herzinsuffizienz; typische Nebenwirkung ist trockener Husten.
Sartan
Angiotensin-Rezeptorblocker (Candesartan, Valsartan, Losartan, Telmisartan, Olmesartan). Gleiches Wirkprinzip wie ACE-Hemmer, aber am Rezeptor statt am Enzym, deshalb ohne Husten. Sartane und ACE-Hemmer werden nicht miteinander kombiniert.
Diuretikum
Entwässerndes Medikament. Für die Hypertonie werden Thiazide und thiazidähnliche Wirkstoffe eingesetzt (Hydrochlorothiazid, Chlortalidon, Indapamid), die Natrium und Wasser über die Niere ausscheiden und die Gefässe langfristig entspannen. Kalium und Natrium müssen kontrolliert werden.
Fixkombination
Zwei oder drei Wirkstoffe in einer Tablette, etwa Sartan plus Kalziumantagonist plus Diuretikum. Die ESC-Leitlinie 2024 empfiehlt sie für die meisten Menschen bereits als Starttherapie, weil weniger Tabletten die Einnahmetreue und damit die Blutdruckkontrolle verbessern.
Resistente Hypertonie
Blutdruck ab 140/90 mmHg trotz drei Wirkstoffen in optimaler Dosis, darunter ein Diuretikum, bestätigt durch Langzeitmessung und nach Ausschluss von Einnahmeproblemen. Betrifft etwa 5 bis 10 Prozent der Behandelten. Vierte Wahl ist Spironolacton; die renale Denervation ist eine Option.
Hyperaldosteronismus
Häufigste hormonelle Ursache einer Hypertonie: Die Nebennieren produzieren zu viel Aldosteron, der Körper hält Natrium zurück und verliert Kalium. Betrifft schätzungsweise 5 bis 10 Prozent aller Hypertoniker, bei resistenter Hypertonie deutlich mehr. Screening über den Aldosteron-Renin-Quotienten; behandelbar mit Spironolacton oder, bei einseitigem Adenom, operativ.

Downloads & Tools

Rechner 1: Blutdruck-Klassifikation nach ESC 2024

Rechner 1

Blutdruck-Check Heimmessung

Messart
Laufende Blutdruckmedikation
Bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder chronische Nierenerkrankung

Auswertung

Geben Sie die Mittelwerte aus Ihrem 7-Tage-Tagebuch ein. Einzelwerte sind nicht geeignet.

Der Rechner klassifiziert, er diagnostiziert nicht. Bei Vorhofflimmern, Schwangerschaft, Kindern und Jugendlichen gelten andere Regeln.

Über diesen Rechner: Eingaben, Formeln, Interpretationsgrenzen+

Name: Blutdruck-Check Heimmessung

Eingaben:

  • Mittelwert systolisch aus dem 7-Tage-Tagebuch (Tage 2 bis 7), in mmHg
  • Mittelwert diastolisch, in mmHg
  • Messart: Heimmessung (Standard) oder Praxismessung (Umschalter)
  • Optional: Alter, bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder chronische Nierenerkrankung (ja/nein), laufende Blutdruckmedikation (ja/nein)

Formel und Logik: Der Rechner vergleicht beide Mittelwerte mit den Grenzwerten der ESC-Leitlinie 2024 und ordnet die höhere der beiden Kategorien zu (ein systolischer Wert von 128 und ein diastolischer von 91 ergibt Hypertonie). Die Grenzwerte unterscheiden sich nach Messart:

Kategorie
Nicht erhöht
Praxismessung
unter 120 / unter 70
Heimmessung
unter 120 / unter 70
ABDM 24 h
unter 115 / unter 65
Kategorie
Erhöhter Blutdruck
Praxismessung
120 bis 139 / 70 bis 89
Heimmessung
120 bis 134 / 70 bis 84
ABDM 24 h
115 bis 129 / 65 bis 79
Kategorie
Hypertonie
Praxismessung
ab 140 / ab 90
Heimmessung
ab 135 / ab 85
ABDM 24 h
ab 130 / ab 80

Ausgabe: Kategorie in Worten mit beiden Grenzwertspalten (Heim und Praxis) daneben, damit Nutzende die Praxiswerte ihrer Ärztin oder ihres Arztes einordnen können. Zusätzlich eine Einordnung: Bei "Hypertonie" der Hinweis, dass die Diagnose ärztlich bestätigt werden muss und eine Behandlung empfohlen wird; bei "erhöhter Blutdruck" der Hinweis, dass Lebensstilmassnahmen empfohlen sind und eine medikamentöse Therapie bei hohem Risiko (SCORE2 ab 10 Prozent, Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes, Nierenerkrankung) erwogen wird, mit Verweis auf Rechner 2; bei "nicht erhöht" die Empfehlung, alle drei bis fünf Jahre erneut zu messen. Unter laufender Medikation zeigt der Rechner zusätzlich, ob der Zielbereich 120 bis 129 mmHg systolisch erreicht ist.

Interpretationsgrenzen: Der Rechner klassifiziert, er diagnostiziert nicht. Er setzt ein validiertes Oberarmgerät und ein korrekt geführtes 7-Tage-Tagebuch voraus; Einzelwerte sind nicht geeignet. Bei Vorhofflimmern, Schwangerschaft, Kindern und Jugendlichen gelten andere Regeln, die der Rechner nicht abbildet. Ein systolischer Mittelwert ab 180 mmHg oder ein diastolischer ab 110 mmHg löst einen roten Hinweis aus: innert Tagen ärztlich vorstellen, bei Beschwerden sofort.

Rechner 2: SCORE2-Herz-Kreislauf-Risiko

Rechner 2

10-Jahres-Risiko nach SCORE2 / SCORE2-OP

Geschlecht
Aktuell Raucherin oder Raucher
Einheit
Bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder chronische Nierenerkrankung

Auswertung

Geben Sie Alter, Blutdruck und Non-HDL-Cholesterin ein.

Das Ergebnis ist eine Bevölkerungsschätzung, keine individuelle Vorhersage. Die Einordnung ersetzt nicht das ärztliche Gespräch.

Über diesen Rechner: Eingaben, Formeln, Interpretationsgrenzen+

Name: 10-Jahres-Risiko nach SCORE2 / SCORE2-OP

Eingaben:

  • Alter (40 bis 69 Jahre für SCORE2, 70 bis 89 Jahre für SCORE2-OP)
  • Geschlecht (weiblich / männlich)
  • Raucherstatus (aktuell ja / nein)
  • Systolischer Blutdruck in mmHg (Praxis- oder umgerechneter Heimwert)
  • Non-HDL-Cholesterin in mmol/l (Gesamtcholesterin minus HDL-Cholesterin; Umrechnung aus mg/dl integriert)
  • Risikoregion nach ESC: niedrig (Schweiz), moderat (Deutschland, Österreich), hoch, sehr hoch

Formel: Der Rechner erfindet keine eigene Formel. Er verwendet die offiziellen SCORE2- und SCORE2-OP-Risikotabellen der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (Eur Heart J 2021) für die jeweilige Risikoregion und liest den Wert für die Kombination aus Geschlecht, Alterskategorie, Raucherstatus, systolischem Blutdruck (Stufen 100 bis 119, 120 bis 139, 140 bis 159, 160 bis 179 mmHg) und Non-HDL-Cholesterin (Stufen 3,0 bis 3,9, 4,0 bis 4,9, 5,0 bis 5,9, 6,0 bis 6,9 mmol/l) ab. Werte ausserhalb der Tabellenbereiche werden auf die nächste Randstufe gerundet und entsprechend gekennzeichnet. Die Tabellen bleiben im Rechner hinterlegt und werden bei jeder Leitlinienaktualisierung ersetzt.

Ausgabe: Das 10-Jahres-Risiko für tödliche und nicht-tödliche Herz-Kreislauf-Ereignisse in Prozent, eingeordnet in die altersabhängigen Klassen der ESC:

Alter
unter 50 Jahre
Niedrig bis moderat
unter 2,5 %
Hoch
2,5 bis unter 7,5 %
Sehr hoch
ab 7,5 %
Alter
50 bis 69 Jahre
Niedrig bis moderat
unter 5 %
Hoch
5 bis unter 10 %
Sehr hoch
ab 10 %
Alter
ab 70 Jahre
Niedrig bis moderat
unter 7,5 %
Hoch
7,5 bis unter 15 %
Sehr hoch
ab 15 %

Dazu die Bedeutung für die Blutdrucktherapie gemäss ESC 2024: Bei erhöhtem Blutdruck (120 bis 139 mmHg systolisch) wird eine medikamentöse Behandlung ab einem SCORE2-Risiko von 10 Prozent empfohlen und ab 5 Prozent bei zusätzlichen Risikomodifikatoren erwogen; bei Hypertonie (ab 140/90 mmHg) wird unabhängig vom SCORE2-Ergebnis behandelt. Der Rechner zeigt ergänzend, wie sich das Risiko bei Rauchstopp oder einem um 20 mmHg tieferen systolischen Wert verändern würde, indem er die entsprechende Nachbarzelle der Tabelle ausliest.

Interpretationsgrenzen: SCORE2 gilt nur für Personen ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung, ohne Diabetes und ohne chronische Nierenerkrankung; diese Gruppen gelten per Definition bereits als hoch oder sehr hoch gefährdet, und der Rechner blendet für sie einen entsprechenden Hinweis statt einer Zahl ein. Für Personen unter 40 oder über 89 Jahren liegen keine Tabellen vor. Das Ergebnis ist eine Bevölkerungsschätzung, keine individuelle Vorhersage; familiäre Belastung, Übergewicht, sozioökonomische Faktoren, Schlafapnoe oder eine Schwangerschaftshypertonie in der Vorgeschichte werden nicht erfasst und können das Risiko nach oben verschieben. Die Einordnung ersetzt nicht das ärztliche Gespräch.

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