Zum Hauptinhalt springen

Studio+

Diabetes
Typ 2

Studio+ Hub zu Diabetes Typ 2: Wirkstoffe, Erfahrungsberichte, Versorgung und Kosten in CH, DE und AT, Studien, Rechner und Druckvorlagen.

Stand September 2026

Wirkstoffe

Wirkstoffe im Überblick

Diabetes Typ 2 ist die häufigste Form des Diabetes und betrifft in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich zusammen mehr als zehn Millionen Menschen. Die Behandlung hat sich in den letzten zehn Jahren grundlegend verändert: Früher stand allein die Senkung des HbA1c-Werts im Zentrum, heute geht es gleichwertig um den Schutz von Herz, Nieren und Gefässen sowie um das Körpergewicht. Sechs Wirkstoffklassen bilden das Fundament der medikamentösen Therapie: Biguanide (Metformin), GLP-1-Rezeptoragonisten, SGLT2-Hemmer, DPP-4-Hemmer, Sulfonylharnstoffe und Insulin. Dazu kommt mit Tirzepatid ein dualer GIP/GLP-1-Rezeptoragonist, der pharmakologisch eine eigene Gruppe bildet, in der Praxis aber meist zusammen mit den GLP-1-Rezeptoragonisten besprochen wird.

Die Anwendungsformen reichen von Tabletten (Metformin, SGLT2-Hemmer, DPP-4-Hemmer, Sulfonylharnstoffe, orales Semaglutid) über wöchentliche Injektionen mit einem Fertigpen (Semaglutid, Dulaglutid, Tirzepatid) bis zur täglichen Injektion von Basalinsulin. Der erwartete Effekt auf den HbA1c-Wert liegt je nach Klasse und Ausgangswert bei etwa 0.5 bis 0.8 Prozentpunkten (DPP-4-Hemmer, SGLT2-Hemmer), 1.0 bis 1.5 Prozentpunkten (Metformin, Sulfonylharnstoffe, GLP-1-Rezeptoragonisten) und bis zu 2.0 bis 2.4 Prozentpunkten (Tirzepatid in den SURPASS-Studien). Insulin senkt den HbA1c-Wert praktisch unbegrenzt, sofern die Dosis ausreichend titriert wird. Beim Gewicht liegen GLP-1-Rezeptoragonisten (etwa 3 bis 6 kg) und Tirzepatid (etwa 7 bis 12 kg nach 40 Wochen) vorn, SGLT2-Hemmer bringen etwa 2 bis 3 kg, Metformin ist gewichtsneutral bis leicht gewichtssenkend, Sulfonylharnstoffe und Insulin führen tendenziell zu einer Gewichtszunahme.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind klassenspezifisch: Magen-Darm-Beschwerden bei Metformin, GLP-1-Rezeptoragonisten und Tirzepatid, Genitalinfektionen und vermehrtes Wasserlassen bei SGLT2-Hemmern, Unterzuckerungen bei Sulfonylharnstoffen und Insulin. DPP-4-Hemmer sind sehr gut verträglich, dafür in der Wirkung schwächer. Wichtig ist: Die Reaktion auf jedes Medikament ist individuell verschieden. Zwei Menschen mit demselben HbA1c-Wert können auf denselben Wirkstoff völlig unterschiedlich ansprechen, sowohl beim Blutzucker als auch bei den Nebenwirkungen.

Wirkstoffe im Vergleich

Medikament
Glucophage, Generika
Wirkstoff
Metformin
Indikation
Diabetes Typ 2, Erstlinientherapie; off-label bei Prädiabetes und PCOS
Dosierung
Start 500 mg 1 bis 2 mal täglich zum Essen, Steigerung alle 1 bis 2 Wochen auf 1000 mg 2 mal täglich, Maximaldosis 3000 mg pro Tag; bei eGFR 30 bis 45 ml/min halbe Dosis, unter 30 ml/min kontraindiziert
Status
Zugelassen in CH, DE, AT seit den 1960er-Jahren; kassenpflichtig in allen drei Ländern
Nebenwirkungen
Übelkeit, Durchfall, Blähungen (bei 20 bis 30 Prozent zu Beginn), metallischer Geschmack, Vitamin-B12-Mangel bei Langzeittherapie, sehr selten Laktatazidose bei Nierenversagen
Medikament
Ozempic (Injektion), Rybelsus (Tablette)
Wirkstoff
Semaglutid
Indikation
Diabetes Typ 2 mit unzureichender Einstellung, insbesondere bei Übergewicht oder kardiovaskulärer Erkrankung; in CH Limitatio ab BMI 28 kg/m²
Dosierung
Injektion einmal wöchentlich: 0.25 mg für 4 Wochen, dann 0.5 mg, bei Bedarf 1 mg und 2 mg; Tablette 3 mg, 7 mg, 14 mg täglich nüchtern
Status
Zugelassen CH 2018/2019, EU 2018; kassenpflichtig mit Auflagen (CH Limitatio, AT chefärztliche Bewilligung, DE GKV)
Nebenwirkungen
Übelkeit (etwa 15 bis 20 Prozent), Erbrechen, Durchfall, Verstopfung, verminderter Appetit, Gallensteine, selten Pankreatitis; Vorsicht bei diabetischer Retinopathie
Medikament
Mounjaro
Wirkstoff
Tirzepatid
Indikation
Diabetes Typ 2 als Zusatz zu Diät und Bewegung, allein oder in Kombination; separat auch zur Gewichtsregulation zugelassen
Dosierung
Einmal wöchentlich subkutan: 2.5 mg für 4 Wochen, dann 5 mg, Steigerung in Schritten von 2.5 mg alle 4 Wochen bis maximal 15 mg
Status
Zugelassen EU 2022, Swissmedic 2022; Vergütung für Diabetes Typ 2 in DE über GKV, in CH über Spezialitätenliste mit Limitatio, in AT mit Bewilligung
Nebenwirkungen
Übelkeit, Durchfall, Erbrechen, Appetitverlust, Verstopfung (Magen-Darm-Beschwerden bei etwa 20 bis 40 Prozent bei Aufdosierung), Reaktionen an der Einstichstelle, selten Pankreatitis, Gallenblasenerkrankungen
Medikament
Trulicity
Wirkstoff
Dulaglutid
Indikation
Diabetes Typ 2 bei Erwachsenen und Kindern ab 10 Jahren, Mono- oder Kombinationstherapie
Dosierung
Einmal wöchentlich subkutan: 0.75 mg als Monotherapie oder Startdosis, 1.5 mg als Standarddosis, Steigerung auf 3 mg und 4.5 mg möglich
Status
Zugelassen EU 2014, CH 2015; kassenpflichtig in allen drei Ländern mit Auflagen ähnlich Semaglutid
Nebenwirkungen
Übelkeit (etwa 10 bis 20 Prozent), Durchfall, Erbrechen, Bauchschmerzen, Appetitverlust; Reaktionen an der Einstichstelle, selten Pankreatitis
Medikament
Jardiance
Wirkstoff
Empagliflozin
Indikation
Diabetes Typ 2; zusätzlich Herzinsuffizienz (mit erhaltener und reduzierter Pumpfunktion) und chronische Nierenerkrankung, jeweils auch ohne Diabetes
Dosierung
10 mg einmal täglich morgens, Steigerung auf 25 mg möglich; bei eGFR unter 20 ml/min nicht neu beginnen
Status
Zugelassen EU 2014, CH 2014; kassenpflichtig in CH, DE, AT
Nebenwirkungen
Genitale Pilzinfektionen (etwa 5 bis 10 Prozent, häufiger bei Frauen), Harnwegsinfekte, vermehrtes Wasserlassen, Volumenmangel und Blutdruckabfall bei älteren Menschen, selten euglykämische Ketoazidose, Fournier-Gangrän sehr selten
Medikament
Forxiga
Wirkstoff
Dapagliflozin
Indikation
Diabetes Typ 2; Herzinsuffizienz und chronische Nierenerkrankung mit oder ohne Diabetes
Dosierung
10 mg einmal täglich unabhängig von Mahlzeiten; bei eGFR unter 25 ml/min nicht neu beginnen, laufende Therapie kann fortgeführt werden
Status
Zugelassen EU 2012, CH 2013; kassenpflichtig in CH, DE, AT
Nebenwirkungen
Genitale Pilzinfektionen, Harnwegsinfekte, Polyurie, Schwindel bei Volumenmangel, selten Ketoazidose; Zulassung für Diabetes Typ 1 wurde in der EU 2021 zurückgezogen
Medikament
Januvia, Xelevia, Generika
Wirkstoff
Sitagliptin
Indikation
Diabetes Typ 2 als Mono- oder Kombinationstherapie, vor allem bei älteren Menschen und bei Hypoglykämiegefahr
Dosierung
100 mg einmal täglich; bei eGFR 30 bis 45 ml/min 50 mg, unter 30 ml/min 25 mg
Status
Zugelassen EU 2007, CH 2007; Generika seit 2022/2023, kassenpflichtig in allen drei Ländern
Nebenwirkungen
Sehr gut verträglich; Kopfschmerzen, Nasopharyngitis, selten Pankreatitis, sehr selten bullöses Pemphigoid und Gelenkschmerzen; keine Unterzuckerung als Monotherapie
Medikament
Lantus (100 E/ml), Toujeo (300 E/ml), Biosimilars Abasaglar, Semglee
Wirkstoff
Insulin glargin (Basalinsulin)
Indikation
Diabetes Typ 2, wenn orale und injizierbare Nicht-Insulin-Therapien nicht ausreichen oder bei HbA1c über 10 Prozent, Symptomen oder Ketose; Diabetes Typ 1
Dosierung
Start 10 Einheiten oder 0.1 bis 0.2 Einheiten pro kg Körpergewicht einmal täglich subkutan, Titration um 2 Einheiten alle 3 Tage bis zum Nüchternzielwert (meist 4.4 bis 7.2 mmol/l beziehungsweise 80 bis 130 mg/dl)
Status
Lantus zugelassen EU 2000, Toujeo 2015; Biosimilars seit 2014; kassenpflichtig in allen drei Ländern
Nebenwirkungen
Unterzuckerungen (vor allem nachts, seltener als bei NPH-Insulin), Gewichtszunahme von etwa 2 bis 4 kg im ersten Jahr, Lipohypertrophie bei fehlendem Wechsel der Einstichstelle, Reaktionen an der Einstichstelle

Hinweis zur Tabelle: Dosierungen sind Richtwerte gemäss Fachinformation und dienen der Orientierung im Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Sie ersetzen keine individuelle Verordnung. Die Zulassungsjahre beziehen sich auf die jeweilige Erstzulassung und können je nach Darreichungsform abweichen.

Biguanide: Metformin

Metformin senkt die Glukoseproduktion in der Leber, indem es die Glukoneogenese hemmt, und verbessert zugleich die Insulinempfindlichkeit von Muskel- und Fettgewebe. Der genaue Mechanismus wird bis heute erforscht; eine Aktivierung des Enzyms AMPK und Effekte auf die Mitochondrien der Leberzellen gelten als zentral. Weil Metformin die Insulinausschüttung nicht direkt stimuliert, verursacht es als Monotherapie keine Unterzuckerungen. Es wirkt gewichtsneutral bis leicht gewichtssenkend und kostet pro Monat nur wenige Franken oder Euro.

Im ADA/EASD-Konsensus 2022 hat Metformin seine Rolle als automatische erste Wahl für alle Betroffenen verloren: Bei Menschen mit bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung, Herzinsuffizienz oder chronischer Nierenerkrankung soll ein SGLT2-Hemmer oder ein GLP-1-Rezeptoragonist unabhängig vom HbA1c-Wert und unabhängig davon eingesetzt werden, ob Metformin bereits gegeben wird. Für die grosse Mehrheit ohne solche Erkrankungen bleibt Metformin jedoch das Mittel der ersten Wahl, so auch in der deutschen Nationalen VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes (2023), in den Empfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie und in den Leitlinien der Österreichischen Diabetes Gesellschaft. Die UKPDS-Studie zeigte bereits 1998 bei übergewichtigen Menschen mit neu diagnostiziertem Diabetes Typ 2 unter Metformin etwa 36 Prozent weniger Todesfälle jeglicher Ursache und etwa 39 Prozent weniger Herzinfarkte im Vergleich zur reinen Diättherapie; die 44-Jahre-Nachbeobachtung von 2024 bestätigte einen anhaltenden Nutzen. Ein spezifischer renaler Nutzen im Sinne einer Verlangsamung des Nierenfunktionsverlusts ist für Metformin nicht belegt, weshalb bei eingeschränkter Nierenfunktion die Dosis reduziert und unter 30 ml/min abgesetzt werden muss. Wer Metformin länger als vier Jahre einnimmt, sollte den Vitamin-B12-Spiegel regelmässig kontrollieren lassen.

GLP-1-Rezeptoragonisten: Semaglutid, Dulaglutid, und der duale Agonist Tirzepatid

GLP-1 (Glucagon-like Peptide 1) ist ein Darmhormon, das nach dem Essen ausgeschüttet wird. Es steigert die glukoseabhängige Insulinausschüttung, hemmt die Glukagonfreisetzung, verzögert die Magenentleerung und wirkt im Gehirn auf das Sättigungsgefühl. GLP-1-Rezeptoragonisten ahmen dieses Hormon nach, sind aber gegen den schnellen Abbau durch das Enzym DPP-4 geschützt und wirken deshalb über Tage. Weil die Insulinausschüttung nur bei erhöhtem Blutzucker stimuliert wird, ist die Hypoglykämiegefahr gering, solange keine Sulfonylharnstoffe oder Insulin kombiniert werden. Tirzepatid aktiviert zusätzlich den GIP-Rezeptor (Glucose-dependent Insulinotropic Polypeptide), was den Effekt auf Blutzucker und Gewicht nochmals verstärkt: In der SURPASS-2-Studie (1879 Teilnehmende, 40 Wochen) senkte Tirzepatid 15 mg den HbA1c-Wert um 2.3 Prozentpunkte und das Gewicht um 11.2 kg, verglichen mit 1.9 Prozentpunkten und 5.7 kg unter Semaglutid 1 mg.

Der ADA/EASD-Konsensus 2022 empfiehlt GLP-1-Rezeptoragonisten mit nachgewiesenem kardiovaskulärem Nutzen bei allen Menschen mit Diabetes Typ 2 und bestehender atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung oder mehreren Risikofaktoren. Zudem stellt der Konsensus das Gewichtsmanagement als gleichwertiges Therapieziel neben die Blutzuckerkontrolle und nennt Semaglutid und Tirzepatid als Wirkstoffe mit sehr hoher Wirksamkeit auf das Gewicht. Der kardiovaskuläre Nutzen ist für Semaglutid in SUSTAIN-6 (3297 Teilnehmende, 2 Jahre, 26 Prozent weniger schwere kardiovaskuläre Ereignisse) und für Dulaglutid in REWIND (9901 Teilnehmende, median 5.4 Jahre, 12 Prozent weniger schwere kardiovaskuläre Ereignisse) belegt. REWIND ist besonders relevant, weil rund zwei Drittel der Teilnehmenden noch keine Herz-Kreislauf-Erkrankung hatten, der Nutzen also auch in der Primärprävention gezeigt wurde. Für Tirzepatid zeigte SURPASS-CVOT (2025, über 13 000 Teilnehmende) gegenüber Dulaglutid eine Nichtunterlegenheit bei kardiovaskulären Ereignissen, verbunden mit einer stärkeren Senkung von HbA1c und Gewicht.

Der renale Nutzen ist inzwischen ebenfalls gut belegt: Die FLOW-Studie (NEJM 2024, 3533 Teilnehmende mit Diabetes Typ 2 und chronischer Nierenerkrankung, median 3.4 Jahre) zeigte unter Semaglutid 1 mg wöchentlich eine Senkung des kombinierten Nierenendpunkts (Nierenversagen, Halbierung der eGFR, Tod durch Nieren- oder Herz-Kreislauf-Ursache) um 24 Prozent. Die Studie wurde wegen des klaren Nutzens vorzeitig beendet. Praktisch wichtig ist die langsame Aufdosierung: Wer die Dosis zu schnell steigert, hat deutlich mehr Übelkeit. Kleine, fettarme Mahlzeiten und das Stoppen des Essens bei einsetzender Sättigung reduzieren die Beschwerden. Bei etwa 5 bis 10 Prozent führen die Nebenwirkungen zum Abbruch. Ein weiteres Thema ist die Verfügbarkeit: In den Jahren 2022 bis 2024 kam es in allen drei Ländern zu Lieferengpässen, weshalb die Behörden mehrfach dazu aufriefen, die Präparate ausschliesslich innerhalb der Zulassung einzusetzen.

SGLT2-Hemmer: Empagliflozin und Dapagliflozin

SGLT2-Hemmer blockieren den Natrium-Glukose-Kotransporter 2 in den Nierenkanälchen. Dieser Transporter holt normalerweise etwa 90 Prozent der gefilterten Glukose aus dem Primärharn zurück ins Blut. Wird er gehemmt, scheidet der Körper täglich 60 bis 80 Gramm Glukose über den Urin aus, was 240 bis 320 Kilokalorien entspricht. Die Blutzuckersenkung ist deshalb insulinunabhängig, verursacht keine Unterzuckerung und bringt einen leichten Gewichtsverlust sowie eine Blutdrucksenkung um etwa 3 bis 5 mmHg mit sich. Entscheidend für den Herz- und Nierenschutz sind jedoch Mechanismen jenseits der Glukose: eine Entlastung des Herzens durch milde Entwässerung, eine Normalisierung des Drucks im Nierenkörperchen und Effekte auf den Energiestoffwechsel der Zellen.

Der ADA/EASD-Konsensus 2022 sieht SGLT2-Hemmer mit nachgewiesenem Nutzen als erste Wahl bei Herzinsuffizienz und bei chronischer Nierenerkrankung (eGFR unter 60 ml/min oder Albuminurie), unabhängig vom HbA1c-Wert. Die kardiovaskuläre Evidenz beginnt mit EMPA-REG OUTCOME (NEJM 2015, 7020 Teilnehmende mit bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung, median 3.1 Jahre): Empagliflozin senkte das Risiko für Herz-Kreislauf-Tod um 38 Prozent, für Spitalaufenthalte wegen Herzinsuffizienz um 35 Prozent und die Gesamtsterblichkeit um 32 Prozent. DECLARE-TIMI 58 (17 160 Teilnehmende, median 4.2 Jahre) bestätigte für Dapagliflozin eine Senkung von Herzinsuffizienz-Hospitalisierungen und kardiovaskulärem Tod um 17 Prozent, auch bei Menschen ohne bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Der renale Nutzen ist ebenso robust: In DAPA-CKD (4304 Teilnehmende, davon ein Drittel ohne Diabetes) senkte Dapagliflozin das Risiko für den kombinierten Nierenendpunkt um 39 Prozent, in EMPA-KIDNEY (6609 Teilnehmende) reduzierte Empagliflozin das Fortschreiten der Nierenerkrankung oder den kardiovaskulären Tod um 28 Prozent. Beide Wirkstoffe sind deshalb inzwischen auch für Herzinsuffizienz und chronische Nierenerkrankung ohne Diabetes zugelassen. Bei sehr niedriger Nierenfunktion lässt die blutzuckersenkende Wirkung nach, der Organschutz bleibt aber erhalten. Praktische Regeln: viel trinken, auf Genitalhygiene achten, und bei schweren Infekten, Operationen oder längeren Fastenperioden den Wirkstoff vorübergehend pausieren, um eine Ketoazidose zu vermeiden. Diese seltene Komplikation kann auch bei normalem Blutzucker auftreten und äussert sich durch Übelkeit, Bauchschmerzen und schnelle Atmung.

DPP-4-Hemmer: Sitagliptin

DPP-4-Hemmer blockieren das Enzym Dipeptidylpeptidase-4, das die körpereigenen Darmhormone GLP-1 und GIP innerhalb von Minuten abbaut. Durch die Hemmung verdoppeln sich die Spiegel dieser Hormone etwa, was die glukoseabhängige Insulinausschüttung verstärkt und die Glukagonfreisetzung dämpft. Die Wirkung ist damit milder als bei den GLP-1-Rezeptoragonisten, deren Spiegel pharmakologisch deutlich höher liegen: Der HbA1c-Wert sinkt um etwa 0.5 bis 0.8 Prozentpunkte, das Gewicht bleibt unverändert, Unterzuckerungen treten praktisch nicht auf.

Der Stellenwert im ADA/EASD-Konsensus 2022 ist klar begrenzt: DPP-4-Hemmer gelten als Option mit mittlerer Wirksamkeit und ohne nachgewiesenen kardiovaskulären oder renalen Nutzen. Sie kommen infrage, wenn Verträglichkeit und Einfachheit im Vordergrund stehen, also vor allem bei älteren oder gebrechlichen Menschen, bei denen Unterzuckerungen und Gewichtsverlust vermieden werden sollen. Die Nationale VersorgungsLeitlinie führt Sitagliptin als Alternative, wenn Metformin nicht vertragen wird und keine Indikation für SGLT2-Hemmer oder GLP-1-Rezeptoragonisten besteht. Die kardiovaskuläre Sicherheit wurde in TECOS (NEJM 2015, 14 671 Teilnehmende, median 3 Jahre) belegt: Sitagliptin war weder besser noch schlechter als Placebo, auch das Risiko für Herzinsuffizienz war nicht erhöht. Das unterscheidet Sitagliptin von Saxagliptin, das in SAVOR-TIMI 53 mit etwa 27 Prozent mehr Herzinsuffizienz-Hospitalisierungen verbunden war. Seit 2022 sind Sitagliptin-Generika verfügbar, was die Kosten deutlich gesenkt hat. Eine Kombination mit GLP-1-Rezeptoragonisten ist nicht sinnvoll, weil beide auf denselben Signalweg wirken.

Sulfonylharnstoffe: Gliclazid und Glimepirid

Sulfonylharnstoffe binden an den SUR1-Rezeptor der Betazellen in der Bauchspeicheldrüse, schliessen dort Kaliumkanäle und lösen so eine Insulinausschüttung aus, unabhängig vom aktuellen Blutzucker. Genau darin liegt ihr Hauptproblem: Sie senken den HbA1c-Wert zwar um etwa 1 bis 1.5 Prozentpunkte, führen aber zu Unterzuckerungen, die bei älteren Menschen, bei unregelmässigem Essen und bei eingeschränkter Nierenfunktion gefährlich werden können, und zu einer Gewichtszunahme von etwa 2 kg. Zudem lässt die Wirkung über die Jahre nach, weil die Betazellen erschöpfen.

Der ADA/EASD-Konsensus 2022 stuft Sulfonylharnstoffe als Wirkstoffe mit hoher Wirksamkeit, aber ohne kardiovaskulären oder renalen Nutzen ein und nennt als Hauptargument die niedrigen Kosten. Sie sind damit eine Option, wenn der Zugang zu moderneren Wirkstoffen aus finanziellen Gründen eingeschränkt ist. Die kardiovaskuläre Sicherheit wurde in der CAROLINA-Studie (JAMA 2019, 6033 Teilnehmende, median 6.3 Jahre) für Glimepirid gegenüber Linagliptin belegt: Beide Gruppen hatten gleich viele Herz-Kreislauf-Ereignisse, unter Glimepirid traten aber deutlich mehr Unterzuckerungen auf. Wird ein Sulfonylharnstoff verordnet, bevorzugen die Leitlinien Gliclazid wegen des geringeren Hypoglykämierisikos. In der Schweiz und in Österreich sind Sulfonylharnstoffe heute Reservemittel, in Deutschland führt die Nationale VersorgungsLeitlinie sie noch als mögliche Zweitlinie nach Metformin, wenn keine kardiorenale Indikation vorliegt. Wer einen Sulfonylharnstoff einnimmt, sollte den Blutzucker selbst messen können und wissen, wie eine Unterzuckerung behandelt wird.

Insulin

Insulin ersetzt oder ergänzt das körpereigene Hormon, das Glukose aus dem Blut in Muskel-, Fett- und Leberzellen schleust. Beim Diabetes Typ 2 wird meist mit einem Basalinsulin begonnen, das einmal täglich gespritzt wird und den Grundbedarf über 24 Stunden abdeckt. Insulin glargin 100 E/ml (Lantus und Biosimilars) wirkt etwa 20 bis 24 Stunden, Insulin glargin 300 E/ml (Toujeo) und Insulin degludec (Tresiba) über 24 Stunden mit flacherem Profil und weniger nächtlichen Unterzuckerungen. Reicht das Basalinsulin nicht aus, kann ein schnell wirkendes Insulin zu den Mahlzeiten ergänzt werden (Basis-Bolus-Therapie) oder eine Fixkombination aus Basalinsulin und GLP-1-Rezeptoragonist (Insulin glargin plus Lixisenatid, Insulin degludec plus Liraglutid) eingesetzt werden.

Der ADA/EASD-Konsensus 2022 empfiehlt, vor dem Start einer Insulintherapie einen GLP-1-Rezeptoragonisten zu erwägen, weil dieser bei vergleichbarer HbA1c-Senkung weniger Unterzuckerungen und keine Gewichtszunahme verursacht. Insulin ist dagegen sofort indiziert bei HbA1c-Werten über 10 Prozent, bei Blutzuckerwerten über 16.7 mmol/l (300 mg/dl), bei Symptomen wie Gewichtsverlust und starkem Durst oder bei Verdacht auf einen Insulinmangel. Die Nationale VersorgungsLeitlinie und die Empfehlungen in der Schweiz und in Österreich folgen diesem Prinzip. Ein kardiovaskulärer oder renaler Zusatznutzen ist für Insulin nicht belegt, aber auch kein Schaden: Die ORIGIN-Studie (NEJM 2012, 12 537 Teilnehmende, median 6.2 Jahre) zeigte unter Insulin glargin weder mehr noch weniger Herz-Kreislauf-Ereignisse als unter Standardtherapie. Die Therapie mit Basalinsulin lässt sich gut selbst titrieren: Wer den Nüchternwert an drei aufeinanderfolgenden Tagen über dem Ziel misst, erhöht um 2 Einheiten; bei einer Unterzuckerung wird um 10 bis 20 Prozent reduziert. Eine Insulintherapie ist beim Diabetes Typ 2 nicht zwingend lebenslang: Nach Gewichtsverlust oder nach Beginn eines GLP-1-Rezeptoragonisten kann sie oft wieder reduziert oder beendet werden.

Remission durch Gewichtsverlust

Diabetes Typ 2 galt lange als unumkehrbar fortschreitende Erkrankung. Die DiRECT-Studie (Diabetes Remission Clinical Trial, Lancet 2018) hat dieses Bild verändert. 306 Menschen mit Diabetes Typ 2 seit höchstens sechs Jahren, BMI 27 bis 45 kg/m² und ohne Insulintherapie wurden in schottischen und englischen Hausarztpraxen behandelt. Die Interventionsgruppe setzte alle Diabetes- und Blutdruckmedikamente ab und ernährte sich drei bis fünf Monate lang ausschliesslich mit einer Formuladiät von etwa 825 bis 853 Kilokalorien pro Tag, gefolgt von einer strukturierten Wiedereinführung normaler Mahlzeiten und einer langfristigen Begleitung zur Gewichtsstabilisierung. Nach zwölf Monaten waren 46 Prozent der Teilnehmenden in Remission, definiert als HbA1c unter 6.5 Prozent (48 mmol/mol) ohne blutzuckersenkende Medikamente über mindestens zwei Monate, gegenüber 4 Prozent in der Kontrollgruppe mit üblicher Versorgung. Der Effekt war streng abhängig vom Gewichtsverlust: Bei weniger als 5 kg lag die Remissionsrate bei 7 Prozent, bei 10 bis 15 kg bei 57 Prozent und bei mehr als 15 kg bei 86 Prozent. Nach zwei Jahren waren noch 36 Prozent in Remission, in der Fünfjahresauswertung (2024) noch etwa 13 Prozent gegenüber 3 Prozent der Kontrollgruppe, wobei die Interventionsgruppe auch nach fünf Jahren weniger Medikamente benötigte.

Die Erklärung liegt in der sogenannten Zwillingszyklus-Hypothese: Überschüssiges Fett in Leber und Bauchspeicheldrüse stört die Insulinwirkung und die Insulinausschüttung. Wird dieses Organfett abgebaut, erholt sich die Funktion der Betazellen, sofern sie noch nicht dauerhaft geschädigt sind. Deshalb sind die Chancen in den ersten Jahren nach der Diagnose am grössten. Remission ist keine Heilung: Wer wieder zunimmt, entwickelt in der Regel erneut einen Diabetes, und die regelmässige Kontrolle von HbA1c, Augen, Nieren und Füssen muss weitergehen. Ein Remissionsversuch gehört in ärztliche Begleitung, weil Medikamente gegen Diabetes und Bluthochdruck vor Beginn angepasst werden müssen und weil Nebenwirkungen wie Verstopfung, Schwindel, Kopfschmerzen und Gallensteine auftreten können. Alternativen zur Formuladiät mit ähnlicher Datenlage sind die bariatrische Chirurgie (Remissionsraten von etwa 30 bis 60 Prozent nach fünf Jahren, je nach Verfahren) und, mit noch begrenzter Langzeitevidenz, der Gewichtsverlust unter Semaglutid oder Tirzepatid. Der ADA/EASD-Konsensus 2022 nennt einen Gewichtsverlust von 5 bis 10 Prozent als Ziel mit relevantem Stoffwechseleffekt und von 10 bis 15 Prozent als Bereich, in dem eine Remission möglich wird.

Glukosemessung: CGM und Blutzuckerselbstmessung

Die klassische Blutzuckerselbstmessung mit Stechhilfe, Teststreifen und Messgerät liefert einen Momentanwert aus dem Kapillarblut. In der Schweiz wird in mmol/l gemessen, in Deutschland und Österreich überwiegend in mg/dl (Umrechnung: mmol/l mal 18 ergibt mg/dl). Wie oft gemessen werden soll, hängt von der Therapie ab: Unter Metformin, SGLT2-Hemmern, DPP-4-Hemmern und GLP-1-Rezeptoragonisten allein ist eine regelmässige Messung nicht nötig, weil keine Unterzuckerungsgefahr besteht; gelegentliche Messungen helfen aber, den Effekt von Mahlzeiten oder Bewegung zu verstehen. Unter Sulfonylharnstoffen und Basalinsulin ist die tägliche Nüchternmessung Standard, unter Basis-Bolus-Therapie wird vier- bis siebenmal täglich gemessen. Die üblichen Zielwerte lauten nüchtern und vor den Mahlzeiten 4.4 bis 7.2 mmol/l (80 bis 130 mg/dl) und zwei Stunden nach dem Essen unter 10 mmol/l (180 mg/dl), individuell angepasst an Alter, Begleiterkrankungen und Hypoglykämierisiko.

Die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) misst alle ein bis fünf Minuten die Glukose im Unterhautfettgewebe über einen Sensor, der 10 bis 15 Tage am Oberarm oder Bauch getragen wird. Man unterscheidet Systeme mit ständiger Übertragung an Smartphone oder Lesegerät und Alarmfunktion (rtCGM, etwa Dexcom G7, FreeStyle Libre 3) von Systemen, bei denen der Sensor aktiv gescannt wird (isCGM, etwa FreeStyle Libre 2 in der ursprünglichen Version). Der Gewebezucker hinkt dem Blutzucker um etwa 5 bis 10 Minuten hinterher, was bei schnellen Änderungen zu Abweichungen führt. Statt einzelner Werte liefert CGM Kennzahlen wie die Zeit im Zielbereich (Time in Range, Ziel über 70 Prozent der Zeit zwischen 3.9 und 10 mmol/l beziehungsweise 70 und 180 mg/dl), die Zeit unter 3.9 mmol/l (Ziel unter 4 Prozent) und den Glukosemanagement-Indikator, eine Schätzung des HbA1c-Werts aus den Sensordaten.

Der Nutzen beim Diabetes Typ 2 ist am besten für die Insulintherapie belegt: In der MOBILE-Studie (JAMA 2021, 175 Teilnehmende mit Basalinsulin, 8 Monate) sank der HbA1c-Wert unter rtCGM um 1.1 Prozentpunkte gegenüber 0.6 Prozentpunkten unter herkömmlicher Messung, und die Zeit im Zielbereich stieg um etwa 3.6 Stunden pro Tag. Für Menschen ohne Insulin ist die Datenlage dünner; Beobachtungsstudien und kleinere randomisierte Studien deuten auf eine Verbesserung des Essverhaltens und eine leichte HbA1c-Senkung hin, die Kostenübernahme ist in dieser Gruppe aber in allen drei Ländern nicht gegeben. Grenzen der Methode sind Hautreaktionen auf den Klebstoff (bei etwa 5 bis 10 Prozent), Sensorfehler in den ersten 24 Stunden, Störungen durch hohe Dosen Vitamin C oder Paracetamol bei einzelnen Systemen und eine mögliche Überforderung durch die Datenflut. Für viele Betroffene ist CGM dennoch der Punkt, an dem Diabetes greifbar wird: Sie sehen unmittelbar, wie ein Teller Pasta, ein Spaziergang oder eine schlechte Nacht den Glukoseverlauf verändern.

Erfahrungsberichte

Was Patienten erzählen

Die Erfahrungsberichte sind redaktionell verfasste, anonymisierte Beispiele auf Basis typischer Therapieverläufe. Sie ersetzen keine medizinische Beratung.

Bericht 1

Erfolg

«Ich habe die Diagnose als Weckruf genommen, nicht als Urteil»

Markus H., 52, Winterthur (CH)

Therapiedauer
9 Monate
Therapie
Metformin 2 x 1000 mg, Ernährungsumstellung, Bewegungsprogramm

Die Diagnose kam bei einem Check-up, den ich eigentlich nur wegen meiner Rückenschmerzen gemacht hatte. Mein Hausarzt sah den Nüchternwert im Labor und liess gleich noch den HbA1c bestimmen: 8,4 Prozent. Ich wusste damals nicht einmal genau, was dieser Wert bedeutet. Er erklärte mir, dass mein Blutzucker über die letzten drei Monate im Schnitt deutlich zu hoch gewesen war und dass wir mit Medikamenten und Lebensstil beides gleichzeitig angehen müssten. Ich war 98 Kilo schwer bei 1,80 Meter, sass den ganzen Tag im Büro und ass abends oft erst um neun Uhr, dann aber viel.

Wir haben mit Metformin begonnen, zuerst 500 mg abends, dann über vier Wochen hoch auf zweimal 1000 mg. Der Magen hat in den ersten zwei Wochen rebelliert, weicher Stuhl und ein Gefühl, als hätte ich ständig zu viel gegessen. Mein Arzt hatte mich vorgewarnt und gesagt, ich solle die Tabletten immer mit dem Essen nehmen und nicht zu schnell steigern. Nach etwa drei Wochen war das weitgehend vorbei.

Bericht 2

Erfolg

«Die Umstellung auf Semaglutid war für mich der Wendepunkt, den ich zehn Jahre lang gesucht hatte»

Sabine K., 47, Köln (DE)

Therapiedauer
14 Monate mit Semaglutid, davor 6 Jahre Metformin und Sitagliptin
Therapie
Semaglutid s.c. 1 mg wöchentlich (Ozempic), Metformin 2 x 1000 mg

Meinen Diabetes habe ich seit meinem 41. Lebensjahr. Sechs Jahre lang nahm ich Metformin, später kam Sitagliptin dazu. Mein HbA1c pendelte zwischen 7,5 und 8,2 Prozent, egal was ich versuchte. Ich habe drei Diäten durchgezogen und jedes Mal wieder zugenommen. Mit 104 Kilo bei 1,68 Meter war ich frustriert und hatte das Gefühl, dass mein Körper gegen mich arbeitet.

Meine Diabetologin schlug vor, das Sitagliptin abzusetzen und stattdessen mit einem GLP-1-Rezeptoragonisten zu beginnen. Sie erklärte mir, dass Semaglutid nicht nur den Blutzucker senkt, sondern auch den Appetit dämpft und die Magenentleerung verlangsamt, was bei mir mit dem Übergewicht besonders sinnvoll sei. Weil ich im Disease-Management-Programm für Diabetes Typ 2 eingeschrieben bin, war die Verordnung über die gesetzliche Krankenkasse unproblematisch, mein BMI und der HbA1c erfüllten die Kriterien.

Bericht 3

Erfolg

«Der Kardiologe hat mir ein Diabetesmedikament verschrieben, das hat mich zuerst verwirrt»

Franz L., 71, Graz (AT)

Therapiedauer
12 Monate
Therapie
Empagliflozin 10 mg (Jardiance), Metformin 2 x 850 mg, Herzinsuffizienz-Basistherapie

Diabetes habe ich seit 14 Jahren, den hatte ich mit Metformin und Disziplin recht gut im Griff, HbA1c meist um 7,5 Prozent. Was mich letzten Winter in die Klinik brachte, war etwas anderes: Ich bekam beim Stiegensteigen keine Luft mehr, meine Beine waren abends geschwollen und ich konnte nur noch mit drei Kissen schlafen. Im Landeskrankenhaus stellten sie eine Herzinsuffizienz mit reduzierter Pumpfunktion fest, die Ejektionsfraktion lag bei 35 Prozent.

Der Kardiologe erklärte mir, dass die Behandlung aus vier Säulen bestehe, und eine davon sei ein SGLT2-Hemmer. Als ich hörte, dass das eigentlich ein Diabetesmedikament ist, war ich verwirrt. Er sagte, genau dieser Wirkstoff habe in grossen Studien gezeigt, dass er Spitalsaufenthalte wegen Herzschwäche deutlich senkt, unabhängig davon, ob jemand Diabetes hat oder nicht. Bei mir treffe beides zusammen, also sei es doppelt sinnvoll. Er nannte die EMPA-REG-OUTCOME-Studie, in der Empagliflozin bei über 7000 Menschen mit Typ-2-Diabetes die kardiovaskuläre Sterblichkeit um 38 Prozent gesenkt hat, und die EMPEROR-Reduced-Studie zur Herzinsuffizienz.

Bericht 4

Erfolg

«Remission ist kein Freibrief, aber es ist das beste Wort, das ich seit Jahren gehört habe»

Claudia R., 44, Luzern (CH)

Therapiedauer
18 Monate strukturiertes Gewichtsprogramm, seit 9 Monaten ohne Medikamente
Therapie
Formuladiät über 12 Wochen, danach schrittweise Kostaufbau, Metformin ausgeschlichen

Ich hatte meinen Diabetes Typ 2 seit etwa drei Jahren, als ich in einem Artikel über die DiRECT-Studie las. In dieser britischen Studie hatten fast die Hälfte der Teilnehmenden, die in einem hausärztlich begleiteten Programm im Schnitt 10 Kilo abnahmen, nach einem Jahr eine Remission erreicht: HbA1c unter 6,5 Prozent ohne Diabetesmedikamente. Bei denen, die 15 Kilo oder mehr verloren, waren es sogar über 80 Prozent. Mein erster Gedanke war: Warum hat mir das niemand gesagt?

Ich habe meinen Hausarzt darauf angesprochen. Er kannte die Studie und war ehrlich: Das Programm sei anspruchsvoll, die Formuladiät in der Schweiz nicht von der Grundversicherung gedeckt, und die Remission nicht bei allen dauerhaft. Aber bei mir, 44 Jahre alt, erst drei Jahre Diabetes, nur Metformin, keine Insulintherapie, sei die Chance gut. Er wollte mich begleiten, unter der Bedingung, dass ich alle zwei Wochen zur Kontrolle komme und das Metformin erst absetze, wenn er es freigibt.

Bericht 5

In Anpassung

«Die Wirkung war beeindruckend, aber mein Magen hat nicht mitgemacht»

Thomas B., 58, Leipzig (DE)

Therapiedauer
7 Monate
Therapie
Tirzepatid s.c. (Mounjaro), aktuell 5 mg wöchentlich nach Rückstufung von 10 mg, Metformin 2 x 1000 mg

Ich habe seit neun Jahren Typ-2-Diabetes, seit fünf Jahren Bluthochdruck und wog zu Beginn 112 Kilo bei 1,78 Meter. Mein HbA1c lag zuletzt bei 8,6 Prozent, trotz Metformin und Gliclazid. Meine Diabetologin schlug Tirzepatid vor, ein Wirkstoff, der gleichzeitig am GLP-1- und am GIP-Rezeptor ansetzt. Sie zeigte mir die SURPASS-2-Studie, in der Tirzepatid über 40 Wochen den HbA1c stärker gesenkt hatte als Semaglutid 1 mg, bei der höchsten Dosis um durchschnittlich 2,3 Prozentpunkte, und die Teilnehmenden im Schnitt zwischen 8 und 12 Kilo verloren. Das klang nach genau dem, was ich brauchte.

Die ersten vier Wochen mit 2,5 mg waren gut. Ein bisschen Völlegefühl, deutlich weniger Appetit, minus drei Kilo. Bei 5 mg blieb es angenehm, weitere drei Kilo runter. Das Gliclazid hat meine Ärztin bei 5 mg abgesetzt, um Unterzuckerungen zu vermeiden. Bei 7,5 mg begann die Übelkeit, vor allem am zweiten und dritten Tag nach der Injektion. Ich habe durchgehalten, weil die Werte so gut waren. Nach zwölf Wochen lag der HbA1c bei 7,3 Prozent.

Bericht 6

In Anpassung

«Zwölf Jahre habe ich das Insulin hinausgezögert, aus Angst vor der Nadel»

Renate W., 66, Linz (AT)

Therapiedauer
5 Monate Insulin, davor 12 Jahre orale Therapie
Therapie
Insulin glargin 22 Einheiten abends (Basalinsulin), Metformin 2 x 1000 mg, Empagliflozin 10 mg

Ich hatte immer gesagt: Alles, nur kein Insulin. Ich hatte meine Mutter mit Insulin erlebt, mit den Unterzuckerungen, dem Zittern, den Nächten, in denen mein Vater Traubenzucker holen musste. Zwölf Jahre lang habe ich mit Tabletten gearbeitet, zuletzt mit drei verschiedenen. Der HbA1c stieg trotzdem, 8,1, dann 8,7, zuletzt 9,3 Prozent. Meine Hausärztin sagte, dass die Bauchspeicheldrüse nach so vielen Jahren nicht mehr genug eigenes Insulin produziere und dass die Tabletten daran nichts ändern könnten. Sie sagte auch, dass es kein Versagen sei, sondern der natürliche Verlauf der Krankheit.

Ich habe trotzdem drei Monate gebraucht, bis ich Ja gesagt habe. Was mich überzeugt hat, waren zwei Dinge: Erstens hatte ich zunehmend Kribbeln in den Füssen, und die Ärztin erklärte, dass die Nerven unter dem hohen Zucker leiden und dass sich das nicht beliebig zurückholen lässt. Zweitens erfuhr ich, dass ich nur einmal am Tag spritzen müsste, abends, mit einem lang wirksamen Insulin, und dass die modernen Basalinsuline deutlich weniger Unterzuckerungen verursachen als das, was meine Mutter hatte.

Bericht 7

Frühe Phase

«Der Sensor zeigt mir Dinge, die ich zehn Jahre lang nicht sehen wollte»

Leon M., 34, Basel (CH)

Therapiedauer
8 Wochen mit CGM, seit 2 Jahren Diabetes
Therapie
Metformin 2 x 1000 mg, Dapagliflozin 10 mg, kontinuierliche Glukosemessung (CGM)

Ich bin mit 32 diagnostiziert worden, was ich lange für einen Irrtum hielt. Typ-2-Diabetes ist doch eine Krankheit für ältere Menschen, dachte ich. Mein Arzt erklärte mir, dass die Zahl junger Erwachsener mit Typ 2 steigt, vor allem bei Übergewicht und familiärer Belastung, und beides trifft auf mich zu: Mein Vater und meine Grossmutter haben Diabetes, und ich wog 106 Kilo bei 1,83 Meter. Zwei Jahre lang habe ich Metformin genommen, später kam Dapagliflozin dazu. Mein HbA1c pendelte um 7,8 Prozent, und ich habe ehrlich gesagt selten gemessen, weil das Stechen in den Finger im Büro und beim Sport lästig war.

Meine Diabetologin schlug vor, für einige Wochen einen Glukosesensor zu tragen, nicht als Dauerlösung, sondern als Lernwerkzeug. Sie sagte offen, dass die Grundversicherung in der Schweiz CGM bei Typ-2-Diabetes ohne intensivierte Insulintherapie in der Regel nicht übernimmt und dass ich die Sensoren selbst bezahlen müsste. Ein Sensor hält 14 Tage und kostet je nach System etwa 60 bis 80 Franken. Für zwei Monate war ich bereit, das auszugeben.

Bericht 8

Abgesetzt

«Der Zuckerabfall auf der Autobahn war der Moment, in dem ich meine Therapie ernsthaft hinterfragt habe»

Bernd K., 58, Nürnberg (DE)

Therapiedauer
6 Jahre Gliclazid, seit 8 Monaten Sitagliptin
Therapie
Metformin plus Sitagliptin (Januvia) nach Absetzen von Gliclazid (Diamicron)

Ich fahre beruflich viel, gut 40'000 Kilometer im Jahr als Aussendienstler für einen Werkzeughersteller. Meine Diabetesdiagnose kam mit 51, und mein damaliger Hausarzt hat mir neben Metformin ziemlich schnell Gliclazid verschrieben. Das hat auch funktioniert. Mein HbA1c ging von 8,4 Prozent auf 6,9 Prozent, und ich habe mir keine grossen Gedanken gemacht. Dass Sulfonylharnstoffe die Bauchspeicheldrüse zur Insulinausschüttung anregen, unabhängig davon, ob gerade Zucker im Blut ist, hat mir damals niemand so erklärt, dass ich es verstanden hätte.

Die ersten Jahre war alles ruhig. Ab und zu ein leichtes Zittern, wenn ich das Mittagessen wegen eines Kundentermins ausfallen liess, aber ein Traubenzucker hat das immer behoben. Im Februar dieses Jahres war ich auf der A9 Richtung München unterwegs, hatte morgens nur einen Kaffee getrunken und war zwei Stunden gefahren. Plötzlich habe ich die Schilder nicht mehr scharf gesehen, meine Hände waren nass, und ich habe gemerkt, dass ich die Spur nicht mehr sauber halte. Ich habe es noch auf den Standstreifen geschafft. Ein Lastwagenfahrer hat angehalten und den Notruf gewählt. Der Rettungsdienst hat einen Blutzucker von 2,1 mmol/l (38 mg/dl) gemessen. Ich hatte eine schwere Hypoglykämie mit Fremdhilfe, wie das in den Leitlinien heisst.

Bericht 9

Abgesetzt

«Ich habe Semaglutid nicht freiwillig aufgegeben, aber im Rückblick war der Zeitpunkt richtig»

Corinne F., 49, Lausanne (CH)

Therapiedauer
14 Monate Semaglutid, seit 5 Monaten Metformin plus Empagliflozin
Therapie
Metformin 2 x 1000 mg plus Empagliflozin (Jardiance) 10 mg

Mein Diabetes wurde mit 45 entdeckt, bei einer Routinekontrolle, die ich eigentlich wegen meiner Schilddrüse gemacht hatte. HbA1c 7,8 Prozent, BMI 34, Blutdruck an der Grenze. Metformin allein hat den Wert innerhalb von sechs Monaten auf 7,1 Prozent gebracht, aber mein Gewicht hat sich nicht bewegt. Meine Diabetologin hat mir dann Semaglutid (Ozempic) vorgeschlagen, wöchentlich gespritzt, mit dem Argument, dass der GLP-1-Rezeptoragonist nicht nur den Zucker senkt, sondern auch beim Abnehmen hilft und das Herz-Kreislauf-Risiko reduziert.

Die ersten Monate waren beeindruckend. Ich habe von 0,25 mg auf 0,5 mg und dann auf 1 mg gesteigert, das Hungergefühl war wie abgeschaltet, und nach einem Jahr hatte ich 14 kg verloren. Mein HbA1c lag bei 6,2 Prozent. Die Übelkeit der ersten Wochen war unangenehm, aber erträglich. Ich war überzeugt, die richtige Therapie gefunden zu haben.

Bericht 10

Erfolg

«Meine Nieren waren das Thema, nicht mein Zucker, und das hat meine ganze Therapie umgedreht»

Helmut R., 66, Graz (AT)

Therapiedauer
18 Monate
Therapie
Metformin 2 x 500 mg, Dapagliflozin (Forxiga) 10 mg, Finerenon (Kerendia) 20 mg, Ramipril 10 mg

Ich habe seit 15 Jahren Typ-2-Diabetes und war eigentlich immer der Meinung, dass ich gut eingestellt bin. HbA1c um 7 Prozent, keine Unterzuckerungen, zweimal im Jahr Kontrolle. Was ich nicht wusste: Meine Nierenwerte waren seit Jahren langsam rückläufig, und niemand hatte mir gesagt, was das bedeutet. Als mein neuer Hausarzt in Graz die eGFR von 48 ml/min/1,73 m² und eine Albumin-Kreatinin-Ratio von 340 mg/g sah, hat er mich sofort zur Nephrologin überwiesen. Diagnose: diabetische Nierenerkrankung, Stadium G3a A3. Das A3 steht für eine deutlich erhöhte Eiweissausscheidung, und das ist der Teil, der die Prognose bestimmt.

Die Nephrologin hat mir sehr direkt erklärt, dass Menschen in meinem Stadium ohne gezielte Therapie ein hohes Risiko haben, innerhalb von zehn Jahren dialysepflichtig zu werden oder vorher an einem Herzinfarkt zu sterben. Sie hat aber auch gesagt, dass sich die Behandlung in den letzten fünf Jahren grundlegend verändert hat und dass es heute Wirkstoffe gibt, die den Verlauf nachweislich bremsen.

Bericht 11

In Anpassung

«Der Schwangerschaftsdiabetes war die Vorwarnung, die ich sechs Jahre lang ignoriert habe»

Jasmin T., 34, Winterthur (CH)

Therapiedauer
7 Monate
Therapie
Metformin 2 x 850 mg, seit 6 Wochen zusätzlich Dulaglutid (Trulicity) 0,75 mg wöchentlich

Bei meiner ersten Schwangerschaft mit 27 wurde in der 26. Woche ein Gestationsdiabetes festgestellt. Ich musste Blutzucker messen, Ernährung umstellen und in den letzten Wochen Insulin spritzen. Nach der Geburt war alles wieder normal, so hat man es mir gesagt, und ich habe das Thema abgehakt. Die Nachkontrolle nach sechs bis zwölf Wochen habe ich gemacht, die empfohlene jährliche Kontrolle danach nicht mehr. Mit einem Baby und dann einem zweiten Kind mit 30 hatte ich anderes im Kopf. Bei der zweiten Schwangerschaft war der Zucker wieder erhöht, diesmal von Anfang an, und ich habe wieder Insulin gebraucht.

Was mir damals niemand so klar gesagt hat: Frauen mit Gestationsdiabetes haben ein etwa sieben- bis zehnfach erhöhtes Risiko, in den folgenden zehn Jahren einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Ich habe das erst im Januar dieses Jahres wirklich verstanden, als ich wegen ständiger Müdigkeit und Durst zum Hausarzt ging und der HbA1c bei 8,1 Prozent lag. Nüchternzucker 9,4 mmol/l. Diagnose Typ-2-Diabetes mit 33. Ich habe mich nicht nur krank gefühlt, sondern auch schuldig, weil ich die Warnung gehabt hätte.

Bericht 12

Erfolg

«Weniger Medikamente, weniger Unterzuckerungen, und ich fühle mich zum ersten Mal seit Jahren wieder wach»

Walter S., 71, Bielefeld (DE)

Therapiedauer
22 Jahre Diabetes, Deintensivierung seit 10 Monaten
Therapie
Metformin 2 x 500 mg plus Linagliptin (Trajenta) 5 mg, vorher Glimepirid, Basalinsulin und Metformin

Ich habe 2004 die Diagnose bekommen, mit 49. Damals hiess das Ziel: HbA1c so tief wie möglich. Über die Jahre sind die Medikamente immer mehr geworden. Metformin, dann Glimepirid, dann ab 2016 Basalinsulin abends, dazu Blutdrucksenker, ein Statin, ein Magenschutz, ein Schmerzmittel für die Knie, ein Mittel gegen die Prostata und ein Schlafmittel. Zuletzt waren es zwölf verschiedene Tabletten und Spritzen am Tag. Meine Frau hat die Dosette gefüllt, ich habe nur noch geschluckt.

Der Wendepunkt war ein Sturz in der Nacht. Ich bin aufgestanden, mir wurde schwarz vor Augen, und ich bin gegen die Badezimmertür gefallen, Platzwunde an der Stirn. Im Krankenhaus wurde ein Blutzucker von 3,1 mmol/l (56 mg/dl) gemessen. Die Ärztin in der Geriatrie hat meine Medikamentenliste durchgeschaut und gefragt, warum ein 71-Jähriger mit einem HbA1c von 6,4 Prozent noch Glimepirid und Insulin nimmt. Sie hat mir erklärt, dass die Leitlinien für ältere Menschen mit mehreren Erkrankungen ein HbA1c-Ziel von 7 bis 8 Prozent nennen, nicht 6,4, weil die Unterzuckerungen in meinem Alter gefährlicher sind als ein leicht erhöhter Zucker. Stürze, Herzrhythmusstörungen, Verwirrtheit. Ich hatte offenbar seit Jahren regelmässig nächtliche Unterzuckerungen, ohne sie zu bemerken. Der Sensor, den man mir zwei Wochen lang angelegt hat, zeigte fünf Nächte mit Werten unter 3,9.

Bericht 13

Frühe Phase

«Sechs Wochen nach der Diagnose weiss ich vor allem, wie wenig ich vorher wusste»

Lukas M., 44, Innsbruck (AT)

Therapiedauer
6 Wochen
Therapie
Metformin 1 x 500 mg, Steigerung auf 2 x 500 mg geplant, Diabetesberatung, Ernährungsumstellung

Die Diagnose kam Ende Juli, an einem Dienstag, per Telefon. Ich hatte ein Blutbild für eine Lebensversicherung machen lassen, und die Ärztin rief an, weil der Nüchternzucker bei 8,7 mmol/l lag. Der HbA1c, den sie nachbestimmt hat, war 7,9 Prozent. Ich bin 44, arbeite als Projektleiter in einer Baufirma, habe einen BMI von 30, und mein Vater hat Diabetes. Ich habe trotzdem nicht damit gerechnet. Ich hatte keine Beschwerden, jedenfalls keine, die ich einem Diabetes zugeordnet hätte. Dass ich seit Monaten nachts zweimal auf die Toilette musste, hatte ich auf das Bier am Abend geschoben.

Die ersten Tage waren ein Schock. Ich habe im Internet gelesen und bin bei Amputationen und Dialyse gelandet. Meine Frau hat mich gestoppt und darauf bestanden, dass ich den Termin bei der Diabetesberatung wahrnehme, den mir die Hausärztin über Therapie Aktiv vermittelt hat. Diese Beratung, zwei Stunden mit einer Diabetesberaterin in der Landesklinik, hat mehr bewirkt als alles, was ich vorher gelesen hatte. Sie hat mir erklärt, was Insulinresistenz ist, warum mein Bauchfett dabei eine Rolle spielt, und dass ein HbA1c von 7,9 Prozent in einem frühen Stadium nichts ist, was mich in zehn Jahren an die Dialyse bringt, wenn ich jetzt handle. Sie hat mir auch gesagt, dass Remission möglich ist, also Zuckerwerte im Normbereich ohne Medikamente, wenn ich in den ersten Jahren nach der Diagnose deutlich Gewicht verliere.

Bericht 14

Frühe Phase

«Ich bin noch kein Diabetiker, und ich habe vor, das so zu lassen»

Sabine H., 52, Zürich (CH)

Therapiedauer
3 Monate Präventionsprogramm
Therapie
keine Medikamente, strukturiertes Präventionsprogramm, Intervallfasten 16:8, Krafttraining

Der Begriff Prädiabetes ist mir im Mai zum ersten Mal begegnet, bei einem Check-up, den ich meinem Arbeitgeber zu verdanken habe. HbA1c 6,2 Prozent, Nüchternzucker 6,3 mmol/l. Die Ärztin hat mir erklärt, dass ich damit in einem Bereich liege, in dem der Körper bereits Mühe hat, den Zucker zu verarbeiten, ohne dass die Schwelle zum Diabetes von 6,5 Prozent überschritten ist. Sie hat mir auch gesagt, dass etwa 5 bis 10 Prozent der Menschen mit Prädiabetes pro Jahr einen Diabetes entwickeln, und dass ich mit einem BMI von 28, Bauchumfang 94 cm und einer Mutter mit Typ-2-Diabetes zu den Menschen gehöre, bei denen das Risiko höher liegt.

Ich bin 52, arbeite als Juristin in einer Versicherung, sitze zehn Stunden am Tag und habe seit der Menopause vor drei Jahren 7 kg zugenommen, alles am Bauch. Die Ärztin hat mir kein Medikament angeboten. Sie hat gesagt, in meiner Situation sei der Lebensstil das Medikament, und dass das nicht als Floskel gemeint sei, sondern durch Studien gedeckt.

Versorgung & Kosten

Vom ersten Gespräch zur Begleitung

1

Diagnose und Standortbestimmung

Die Diagnose stützt sich auf einen HbA1c-Wert von 6.5 Prozent (48 mmol/mol) oder mehr, einen Nüchternblutzucker von 7.0 mmol/l (126 mg/dl) oder mehr oder einen Gelegenheitswert über 11.1 mmol/l (200 mg/dl) mit Symptomen, wobei ein auffälliger Wert ohne Symptome an einem zweiten Tag bestätigt werden soll. Beim ersten Gespräch gehören Blutdruck, Blutfette, Nierenwerte (eGFR und Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin), Gewicht, Bauchumfang und eine Erhebung von Begleiterkrankungen dazu. Die Hausärztin oder der Hausarzt stellt die Diagnose in der Regel selbst; eine Überweisung an die Diabetologie ist bei unklarem Diabetestyp, sehr hohen Werten oder jungen Betroffenen sinnvoll.

2

Individuelle Therapieziele festlegen

Der HbA1c-Zielwert wird gemeinsam vereinbart: Bei jüngeren Menschen ohne Begleiterkrankungen meist unter 7 Prozent, bei älteren Menschen mit mehreren Erkrankungen oder Hypoglykämiegefahr 7.5 bis 8.5 Prozent. Gleichrangig werden Ziele für Blutdruck (meist unter 130/80 mmHg), LDL-Cholesterin (unter 1.8 mmol/l beziehungsweise 70 mg/dl bei hohem Risiko, darunter bei sehr hohem Risiko) und Gewicht besprochen. Aus dem Risikoprofil ergibt sich die Wahl des ersten Medikaments: Metformin für die meisten, ein SGLT2-Hemmer oder GLP-1-Rezeptoragonist bei Herz- oder Nierenerkrankung.

3

Schulung, Ernährung und Bewegung als Therapie

Eine strukturierte Diabetesschulung ist in allen drei Ländern Teil der Grundversorgung und wird in Deutschland und Österreich im Rahmen der Disease-Management-Programme, in der Schweiz durch Diabetesfachberatung und Ernährungsberatung auf ärztliche Verordnung angeboten. Inhalte sind Ernährung, Bewegung (Ziel 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche plus zwei Krafttrainings), Blutzuckermessung, Fusspflege, Umgang mit Unterzuckerungen und der Einsatz der Medikamente. Wer die Schulung besucht hat, erreicht nachweislich bessere HbA1c-Werte und weniger Spitalaufenthalte.

4

Regelmässige Begleitung und Anpassung

Alle drei Monate werden HbA1c, Gewicht und Blutdruck kontrolliert, einmal jährlich Nierenwerte, Blutfette, Augenhintergrund und Füsse (Sensibilität, Durchblutung, Druckstellen). Die Therapie wird angepasst, wenn das Ziel nach drei bis sechs Monaten nicht erreicht ist, wenn Nebenwirkungen auftreten oder wenn neue Erkrankungen dazukommen. Wichtig ist auch der umgekehrte Weg: Bei Gewichtsverlust, im hohen Alter oder bei Gebrechlichkeit werden Medikamente reduziert, um Unterzuckerungen zu vermeiden. Eine Überweisung an die Diabetologie ist angezeigt, wenn trotz drei Wirkstoffen das Ziel verfehlt wird, bei Insulinbeginn mit Basis-Bolus-Schema oder bei fortgeschrittenen Folgeerkrankungen.

Ländervergleich

Wer verschreibt
Schweiz (CH)
Hausärztin oder Hausarzt, Fachärztin oder Facharzt für Endokrinologie/Diabetologie; für GLP-1-Rezeptoragonisten und Tirzepatid gelten Limitationen der Spezialitätenliste (unter anderem BMI ab 28 kg/m² und Kombination mit Metformin, Sulfonylharnstoff oder Basalinsulin), die jede Ärztin und jeder Arzt beachten muss
Deutschland (DE)
Hausärztin oder Hausarzt, diabetologische Schwerpunktpraxis, Innere Medizin mit Endokrinologie; alle sechs Wirkstoffklassen sind zu Lasten der GKV verordnungsfähig, für Semaglutid und Tirzepatid nur innerhalb der Diabetes-Zulassung
Österreich (AT)
Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Endokrinologie; SGLT2-Hemmer, DPP-4-Hemmer und Dulaglutid im Erstattungskodex mit Regeln, Semaglutid und Tirzepatid mit chefärztlicher Bewilligung (RE1) unter Auflagen wie BMI-Grenze und Vortherapie
Kostenübernahme Grundversicherung / GKV / ÖGK
Schweiz (CH)
Obligatorische Krankenpflegeversicherung übernimmt alle in der Spezialitätenliste geführten Diabetesmedikamente nach Abzug von Franchise und Selbstbehalt; Metformin, Sitagliptin-Generika und Insulin-Biosimilars vollständig, GLP-1-Rezeptoragonisten und Tirzepatid nur bei Erfüllung der Limitatio; bei Verstoss gegen die Limitatio zahlt die Versicherung nicht
Deutschland (DE)
GKV übernimmt verordnete Medikamente abzüglich Zuzahlung; Metformin, Sulfonylharnstoffe, Sitagliptin-Generika und Insulin-Biosimilars meist unter Festbetrag und damit für viele Betroffene zuzahlungsfrei; Semaglutid, Dulaglutid, Tirzepatid, Empagliflozin und Dapagliflozin mit regulärer Zuzahlung
Österreich (AT)
ÖGK und andere Träger übernehmen Medikamente des Erstattungskodex gegen Rezeptgebühr; für Semaglutid und Tirzepatid ist die Bewilligung Voraussetzung, ohne Bewilligung volle Selbstzahlung
Selbstbehalt und typische Monatskosten
Schweiz (CH)
Franchise 300 bis 2500 CHF pro Jahr wählbar, danach 10 Prozent Selbstbehalt bis maximal 700 CHF pro Jahr; Preise laut Spezialitätenliste (Stand 2025, gerundet): Metformin etwa 10 bis 20 CHF, Empagliflozin oder Dapagliflozin etwa 55 bis 70 CHF, Sitagliptin-Generikum etwa 30 bis 45 CHF, Dulaglutid etwa 120 bis 140 CHF, Semaglutid 1 mg etwa 130 bis 150 CHF, Tirzepatid etwa 200 bis 300 CHF je nach Dosis, Insulin glargin etwa 40 bis 80 CHF; wer die hohe Franchise gewählt hat, trägt diese Kosten bis zur Franchisegrenze selbst
Deutschland (DE)
Zuzahlung 10 Prozent des Preises, mindestens 5 und höchstens 10 Euro pro Packung; Belastungsgrenze 2 Prozent des Bruttojahreseinkommens, bei chronisch Kranken (DMP-Teilnahme ist ein Nachweisweg) 1 Prozent; typische GKV-Preise (gerundet): Metformin etwa 3 bis 6 Euro, Empagliflozin etwa 50 bis 60 Euro, Dapagliflozin etwa 45 bis 60 Euro, Sitagliptin-Generikum etwa 10 bis 25 Euro, Dulaglutid etwa 90 bis 110 Euro, Semaglutid etwa 90 bis 120 Euro, Tirzepatid etwa 200 bis 350 Euro je nach Dosis, Insulin glargin etwa 30 bis 60 Euro; die Kasse trägt den Preis abzüglich Zuzahlung
Österreich (AT)
Rezeptgebühr etwa 7.50 bis 8 Euro pro Packung (jährlich angepasst), Befreiung bei geringem Einkommen und Deckelung bei 2 Prozent des Nettojahreseinkommens (Rezeptgebührenobergrenze); Medikamentenpreise vergleichbar mit Deutschland, für Betroffene entscheidend ist die Zahl der Packungen pro Monat: eine Dreifachtherapie kostet etwa 20 bis 25 Euro Rezeptgebühr monatlich, bei Überschreiten der Obergrenze entfällt die Gebühr für den Rest des Jahres
Programme
Schweiz (CH)
Kein nationales DMP; Chronic-Care-Ansätze in Hausarztnetzen und Managed-Care-Modellen (zum Beispiel mediX, Sanacare, Medbase), kantonale Diabetesprogramme (Programme cantonal Diabète im Kanton Waadt), QualiCCare als nationale Qualitätsinitiative; Diabetesfachberatung nach KLV Art. 9c auf ärztliche Verordnung mit 10 Sitzungen pro Verordnung, Ernährungsberatung nach KLV Art. 9b mit 6 Sitzungen pro Verordnung (verlängerbar); regionale Diabetesgesellschaften von diabetesschweiz bieten Beratung, Kurse und Hilfsmittelverkauf
Deutschland (DE)
DMP Diabetes mellitus Typ 2 seit 2002/2003 mit rund 4.5 Millionen Eingeschriebenen, das grösste Chronikerprogramm Europas; Einschreibung über die koordinierende Ärztin oder den koordinierenden Arzt, quartalsweise Dokumentation, strukturierte Schulungen (etwa MEDIAS 2, PRIMAS bei Insulin), jährliche Augen- und Fussuntersuchung, Anspruch auf Chroniker-Regelung bei der Zuzahlung; Teilnahme freiwillig und kostenlos
Österreich (AT)
Therapie Aktiv (Diabetes im Griff) seit 2007, DMP der Sozialversicherung mit rund 120 000 bis 130 000 Teilnehmenden; Einschreibung bei einer Therapie-Aktiv-Ärztin oder einem Therapie-Aktiv-Arzt, jährliche Zielvereinbarung, strukturierte Kontrollen und Schulungen; Auswertungen zeigen weniger Spitalaufenthalte und Folgeerkrankungen bei Teilnehmenden; kostenlos
Reha und Hilfsmittel
Schweiz (CH)
Stationäre Rehabilitation bei Diabetes ist selten und an eine Akutbehandlung oder schwere Folgeerkrankung geknüpft; Hilfsmittel nach Mittel- und Gegenständeliste (MiGeL): Blutzuckermessgeräte, Teststreifen (Höchstvergütung pro Jahr je nach Therapie), Pen-Nadeln, Insulinpumpen, CGM-Sensoren nach MiGeL Kapitel 21 auf Verordnung; Podologie bei diabetischem Fusssyndrom seit 2022 auf ärztliche Anordnung kassenpflichtig; orthopädische Schuhe über IV oder Krankenkasse je nach Situation
Deutschland (DE)
Medizinische Rehabilitation über Deutsche Rentenversicherung (bei Erwerbstätigen) oder GKV, drei Wochen stationär oder ambulant, Antrag über Hausarzt; Hilfsmittel: Blutzuckermessgerät und Teststreifen bei Insulintherapie unbegrenzt, ohne Insulin nur in instabilen Phasen (G-BA-Beschluss 2011), Pen-Nadeln, Insulinpumpen, CGM auf Verordnung; podologische Behandlung bei diabetischem Fusssyndrom als Heilmittel; diabetesadaptierte Einlagen und Schutzschuhe verordnungsfähig
Österreich (AT)
Rehabilitation über Pensionsversicherung (Stoffwechsel-Reha, drei Wochen) auf Antrag; Heilbehelfe über ÖGK: Messgeräte, Teststreifen mit Mengenlimits je nach Therapie, Pen-Nadeln, Insulinpumpen und CGM mit Bewilligung; Fusspflege bei diabetischem Fuss als Heilbehandlung über den Träger in vielen Bundesländern
Regulierungsbehörde
Schweiz (CH)
Swissmedic (Zulassung, Sicherheit); Bundesamt für Gesundheit (BAG) für Spezialitätenliste, Preise und Limitationen
Deutschland (DE)
BfArM (Zulassung, Sicherheit, Lieferengpässe); Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) für Nutzenbewertung und Erstattungsregeln, GKV-Spitzenverband für Erstattungsbeträge
Österreich (AT)
BASG (Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen) mit der AGES Medizinmarktaufsicht; Dachverband der Sozialversicherungsträger für den Erstattungskodex

Kostenübernahme CGM je Land

Schweiz. Die kontinuierliche Glukosemessung ist über die Mittel- und Gegenständeliste (MiGeL, Kapitel 21) vergütet, wenn eine intensivierte Insulintherapie vorliegt, also Basis-Bolus-Schema oder Insulinpumpe, oder wenn unter Insulintherapie schwere oder unbemerkte Unterzuckerungen auftreten. Die Verordnung muss von einer Fachärztin oder einem Facharzt für Endokrinologie/Diabetologie oder von einer entsprechend qualifizierten Hausarztpraxis erfolgen, teilweise mit Kostengutsprache der Versicherung. Für die reine Basalinsulintherapie oder für Menschen ohne Insulin ist CGM in der Regel nicht vergütet; ein FreeStyle-Libre-Sensor kostet dann als Selbstzahlung etwa 70 bis 80 CHF für 14 Tage. Wie alle Leistungen der Grundversicherung unterliegen die Sensoren Franchise und Selbstbehalt.

Deutschland. Seit dem G-BA-Beschluss von 2016 ist rtCGM Kassenleistung für Menschen mit intensivierter Insulintherapie, bei denen die Therapieziele trotz Schulung nicht erreicht werden oder die zu Unterzuckerungen neigen. Das gilt ausdrücklich auch für Diabetes Typ 2. Die Verordnung erfolgt durch eine diabetologisch qualifizierte Praxis, häufig mit Antrag an die Kasse; die Systeme sind über Hilfsmittelverträge geregelt, sodass die Kasse meist ein bestimmtes System vorgibt. Für Menschen mit Basalinsulin allein ist die Genehmigung möglich, aber nicht garantiert, und wird häufig mit der MOBILE-Studie begründet. Ohne Insulintherapie gibt es keine Kostenübernahme; die Selbstzahlung liegt bei etwa 60 bis 70 Euro pro Sensor. Die gesetzliche Zuzahlung für Hilfsmittel beträgt 10 Prozent, mindestens 5 und höchstens 10 Euro pro Monat.

Österreich. Die Sozialversicherungsträger übernehmen CGM-Systeme nach chefärztlicher Bewilligung für Menschen mit Diabetes Typ 1 und für Menschen mit Diabetes Typ 2 unter intensivierter Insulintherapie, in Einzelfällen auch bei Basalinsulin mit dokumentierten Unterzuckerungen. Die Verordnung erfolgt meist über eine Diabetesambulanz oder eine Fachärztin oder einen Facharzt. Seit 2023 wurden die Bewilligungsregeln in mehreren Bundesländern vereinheitlicht und erleichtert, die Praxis bleibt aber trägerabhängig. Ohne Bewilligung kostet ein Sensor als Privatkauf etwa 60 bis 70 Euro. Für bewilligte Heilbehelfe fällt ein Kostenanteil von 10 Prozent an, der bei Rezeptgebührenbefreiung entfällt.

Selbstbehalt und Franchise in der Schweiz

Für Menschen mit Diabetes Typ 2 in der Schweiz ist die Wahl der Franchise die wichtigste Kostenentscheidung. Die Grundversicherung übernimmt Arztbesuche, Medikamente, Laboruntersuchungen und Hilfsmittel erst, wenn die gewählte Jahresfranchise (300, 500, 1000, 1500, 2000 oder 2500 CHF für Erwachsene) aufgebraucht ist. Danach folgt der Selbstbehalt von 10 Prozent auf allen Leistungen bis maximal 700 CHF pro Jahr. Wer chronisch krank ist und jährlich Kosten von mehr als etwa 2000 CHF verursacht, fährt mit der tiefsten Franchise von 300 CHF fast immer besser, auch wenn die Monatsprämie höher ist: Eine Therapie mit Metformin, Empagliflozin und Semaglutid plus vier Arztbesuchen, Labor und einer Augenkontrolle erreicht schnell 3000 bis 4000 CHF pro Jahr. Bei Franchise 300 CHF zahlt man in diesem Fall 300 plus 10 Prozent des Rests, also etwa 600 bis 700 CHF im Jahr, bei Franchise 2500 CHF dagegen 2500 plus Selbstbehalt bis 700 CHF, also bis zu 3200 CHF. Die Prämiendifferenz zwischen den beiden Franchisen beträgt je nach Kanton und Versicherer etwa 1300 bis 1500 CHF im Jahr, deckt den Unterschied also nicht. Die Franchise kann jeweils per Jahresende gewechselt werden, die Frist für die Mitteilung an die Kasse ist meist Ende November. Personen mit tiefem Einkommen erhalten kantonale Prämienverbilligung. Zusatzversicherungen decken bei Diabetes in der Regel nur Ergänzungen wie Fitnessbeiträge oder Spitalwahl, nicht die Kernbehandlung. Nicht vergütete Leistungen wie CGM ohne Insulintherapie, Podologie ohne diabetisches Fusssyndrom oder Wirkstoffe ausserhalb der Limitatio müssen vollständig selbst getragen werden; hier lohnt sich vor Beginn eine schriftliche Anfrage an die Versicherung.

Spezialisten finden

Die erste Anlaufstelle bei Diabetes Typ 2 ist die Hausarztpraxis (Allgemeine Innere Medizin in der Schweiz, Allgemeinmedizin oder hausärztliche Innere Medizin in Deutschland und Österreich). Die Fachrichtung für komplexe Verläufe heisst Endokrinologie und Diabetologie: In der Schweiz tragen die Fachärztinnen und Fachärzte den Titel "Endokrinologie/Diabetologie" und sind über die Schweizerische Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie oder über diabetesschweiz auffindbar. In Deutschland führen diabetologische Schwerpunktpraxen und Fachärztinnen und Fachärzte für Innere Medizin und Endokrinologie/Diabetologie die Behandlung; die Deutsche Diabetes Gesellschaft zertifiziert Praxen und Kliniken als Diabeteszentrum DDG, eine Suche ist über die DDG-Website und die Kassenärztlichen Vereinigungen möglich. In Österreich sind Diabetesambulanzen an Spitälern, Fachärztinnen und Fachärzte für Innere Medizin mit Additivfach Endokrinologie und Stoffwechsel sowie Therapie-Aktiv-Ärztinnen und -Ärzte die Adressen; die Österreichische Diabetes Gesellschaft und die Sozialversicherung führen entsprechende Listen. Ergänzend gehören je nach Situation weitere Fachpersonen ins Team: Diabetesfachberatung und Ernährungsberatung, Augenärztin oder Augenarzt für die jährliche Netzhautkontrolle, Nephrologie bei eingeschränkter Nierenfunktion, Kardiologie bei Herzerkrankung, Podologie und Angiologie beim diabetischen Fuss sowie Psychologie oder Psychiatrie, wenn Depression, Essstörung oder Therapiemüdigkeit den Verlauf beeinflussen. Wer die Diabetesschulung besucht hat und in einem strukturierten Programm eingeschrieben ist, hat nachweislich die besseren Chancen auf einen stabilen Verlauf, unabhängig davon, welches Medikament am Ende gewählt wird.

Suchen Sie eine Ärztin oder einen Arzt mit Schwerpunkt Endokrinologie in Ihrer Nähe?

Ärztin oder Arzt suchen

Studien & Updates

Aktuelle Evidenz

Aktuelle Evidenz

Die folgenden Einträge fassen die Studien und Leitlinien zusammen, die die Behandlung des Typ-2-Diabetes in den letzten Jahrzehnten am stärksten geprägt haben. Ergebnisse gelten für die jeweils untersuchte Gruppe. Ob und wie stark ein Effekt bei einer einzelnen Person eintritt, hängt von Diagnosezeitpunkt, Begleiterkrankungen, Gewicht, Nierenfunktion und vielen weiteren Faktoren ab.

StudieLancet, 1998-09 (10-Jahres-Follow-up: NEJM, 2008-10)

UKPDS: Intensive Blutzuckersenkung schützt die kleinen Gefässe, Metformin auch das Herz

Die United Kingdom Prospective Diabetes Study schloss 3867 Personen mit neu diagnostiziertem Typ-2-Diabetes ein und begleitete sie im Median rund zehn Jahre. Eine intensive Behandlung mit Sulfonylharnstoff oder Insulin senkte das HbA1c auf im Mittel 7,0 Prozent gegenüber 7,9 Prozent unter konventioneller Therapie und reduzierte mikrovaskuläre Komplikationen (Augen, Nieren, Nerven) um 25 Prozent. In der Untergruppe übergewichtiger Teilnehmender senkte Metformin Herzinfarkte um 39 Prozent und die Sterblichkeit um 36 Prozent. Das zehnjährige Nachbeobachten (3277 Personen) zeigte einen sogenannten Legacy-Effekt: Obwohl sich die HbA1c-Werte der Gruppen nach Studienende anglichen, blieb der Vorteil der früh intensiv Behandelten bestehen (Herzinfarkt minus 15 Prozent, Gesamtsterblichkeit minus 13 Prozent; unter Metformin minus 33 und minus 27 Prozent).

StudieNEJM, 2015-09

EMPA-REG OUTCOME: Erstmals senkt ein Diabetesmedikament die kardiovaskuläre Sterblichkeit

7020 Personen mit Typ-2-Diabetes und bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung erhielten zusätzlich zur Standardtherapie Empagliflozin (Jardiance) oder Placebo, im Median über 3,1 Jahre. Der kombinierte Endpunkt aus Herz-Kreislauf-Tod, Herzinfarkt und Schlaganfall sank um 14 Prozent. Deutlicher fielen die Einzelergebnisse aus: Herz-Kreislauf-Tod minus 38 Prozent, Spitaleinweisungen wegen Herzinsuffizienz minus 35 Prozent, Gesamtsterblichkeit minus 32 Prozent. Der Effekt trat innerhalb weniger Monate ein und ist nicht allein durch die moderate HbA1c-Senkung erklärbar. Häufigste Nebenwirkung waren Genitalinfektionen.

StudieNEJM, 2016-07

LEADER: Liraglutid senkt schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse

9340 Personen mit Typ-2-Diabetes und hohem kardiovaskulärem Risiko erhielten täglich Liraglutid (Victoza) oder Placebo, die mediane Beobachtungszeit betrug 3,8 Jahre. Der kombinierte Endpunkt aus Herz-Kreislauf-Tod, Herzinfarkt und Schlaganfall trat unter Liraglutid um 13 Prozent seltener auf, der Herz-Kreislauf-Tod um 22 Prozent seltener, die Gesamtsterblichkeit um 15 Prozent. LEADER war die erste grosse Endpunktstudie, die einen kardiovaskulären Nutzen für einen GLP-1-Rezeptoragonisten belegte. Übelkeit, Erbrechen und Durchfall führten bei einem Teil der Teilnehmenden zum Abbruch.

StudieLancet, 2018-02 (2-Jahres-Daten: Lancet Diabetes Endocrinol, 2019-05)

DiRECT: Remission durch strukturierte Gewichtsreduktion in der Hausarztpraxis

In 49 britischen Hausarztpraxen wurden 306 Personen mit Typ-2-Diabetes (Diagnose seit höchstens sechs Jahren, BMI 27 bis 45, keine Insulintherapie) untersucht. Die Interventionsgruppe erhielt drei bis fünf Monate lang eine Formuladiät mit etwa 825 bis 853 Kilokalorien pro Tag, danach eine schrittweise Rückkehr zu normaler Kost, begleitet von der Praxis, und alle Diabetesmedikamente wurden zu Beginn abgesetzt. Nach zwölf Monaten waren 46 Prozent in Remission (HbA1c unter 6,5 Prozent ohne Medikamente) gegenüber 4 Prozent in der Kontrollgruppe. Bei einem Gewichtsverlust von 15 Kilogramm oder mehr lag die Remissionsrate bei 86 Prozent. Nach zwei Jahren waren noch 36 Prozent in Remission (Kontrolle 3 Prozent); wer einen Gewichtsverlust von mindestens zehn Kilogramm hielt, blieb zu 64 Prozent in Remission.

StudieNEJM, 2021-08

SURPASS-2: Tirzepatid gegen Semaglutid im direkten Vergleich

1879 Personen mit Typ-2-Diabetes unter Metformin (Ausgangs-HbA1c im Mittel 8,3 Prozent) erhielten 40 Wochen lang wöchentlich Tirzepatid (Mounjaro) in 5, 10 oder 15 Milligramm oder Semaglutid (Ozempic) 1 Milligramm. Das HbA1c sank unter Tirzepatid um 2,0, 2,2 beziehungsweise 2,3 Prozentpunkte, unter Semaglutid um 1,9 Prozentpunkte. Der Gewichtsverlust betrug 7,6, 9,3 beziehungsweise 11,2 Kilogramm gegenüber 5,7 Kilogramm. Magen-Darm-Nebenwirkungen waren in allen Gruppen häufig und meist vorübergehend. Die Studie belegt die Überlegenheit bei Blutzucker und Gewicht, nicht aber bei harten Endpunkten wie Herzinfarkt; dazu laufen separate Studien.

StudieNEJM, 2020-12

FIDELIO-DKD: Finerenon bremst die diabetische Nierenerkrankung

5734 Personen mit Typ-2-Diabetes und chronischer Nierenerkrankung (mit Albuminurie) erhielten zusätzlich zu einer maximal verträglichen RAS-Blockade Finerenon (Kerendia) oder Placebo, die mediane Beobachtungszeit betrug 2,6 Jahre. Der kombinierte Nierenendpunkt (Nierenversagen, anhaltender eGFR-Abfall um mindestens 40 Prozent oder Nierentod) trat um 18 Prozent seltener auf, der kardiovaskuläre Endpunkt um 14 Prozent seltener. Hyperkaliämie, also ein zu hoher Kaliumspiegel, führte bei 2,3 Prozent (Placebo 0,9 Prozent) zum Absetzen. Finerenon ist damit neben SGLT2-Hemmern eine zweite nierenschützende Substanzklasse, die unabhängig von der Blutzuckersenkung wirkt.

StudieNEJM, 2020-10

DAPA-CKD: Dapagliflozin schützt die Niere, mit und ohne Diabetes

4304 Personen mit chronischer Nierenerkrankung (eGFR 25 bis 75 ml/min, deutliche Albuminurie), davon rund zwei Drittel mit Typ-2-Diabetes, erhielten Dapagliflozin (Forxiga) oder Placebo. Die Studie wurde nach im Median 2,4 Jahren wegen eindeutiger Wirksamkeit vorzeitig beendet: Der kombinierte Endpunkt aus eGFR-Abfall um mindestens 50 Prozent, Nierenversagen, Nieren- oder Herz-Kreislauf-Tod sank um 39 Prozent, die Gesamtsterblichkeit um 31 Prozent. Der Nutzen war bei Teilnehmenden mit und ohne Diabetes vergleichbar. Zusammen mit EMPA-REG und CREDENCE begründet DAPA-CKD den Stellenwert der SGLT2-Hemmer als Nierenschutz.

StudieDiabetes Care, 2022-11

ADA/EASD-Konsensus 2022: Gewicht und Organschutz stehen gleichberechtigt neben dem Blutzucker

Der gemeinsame Konsensbericht der American Diabetes Association und der European Association for the Study of Diabetes definiert die Behandlung des Typ-2-Diabetes neu. Gewichtsmanagement wird zum gleichrangigen Therapieziel neben der Blutzuckerkontrolle, mit einer angestrebten Reduktion von 5 bis 15 Prozent des Körpergewichts. Bei bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung, Herzinsuffizienz oder chronischer Nierenerkrankung sollen SGLT2-Hemmer beziehungsweise GLP-1-Rezeptoragonisten mit nachgewiesenem Nutzen unabhängig vom HbA1c und unabhängig von Metformin eingesetzt werden. Metformin bleibt eine gute Basistherapie, ist aber nicht mehr zwingend die erste Stufe. Der Bericht betont zudem Schlaf, Bewegung, Ernährung und die gemeinsame Entscheidungsfindung mit der behandelnden Fachperson.

StudieEMA und BfArM, 2023 (Swissmedic und Fachgesellschaften: 2023)

Versorgungs-Update: Lieferengpässe bei GLP-1-Rezeptoragonisten, Priorität für Diabetespatienten

Seit 2022 sind Semaglutid (Ozempic) und zeitweise auch Dulaglutid (Trulicity) in Europa nur eingeschränkt lieferbar, ausgelöst durch die stark gestiegene Nachfrage, auch durch Off-Label-Verordnungen zur Gewichtsreduktion. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA und das deutsche BfArM haben 2023 dazu aufgerufen, Ozempic ausschliesslich für die zugelassene Indikation Typ-2-Diabetes zu verordnen und Menschen mit Diabetes zu priorisieren. In der Schweiz haben Swissmedic, das BAG und die Schweizerische Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie entsprechende Empfehlungen ausgesprochen. Zusätzlich warnten EMA und Swissmedic 2023 vor gefälschten Ozempic-Pens im Umlauf. Die Situation hat sich seither teilweise entspannt, kann sich aber je nach Wirkstoff und Dosisstärke kurzfristig wieder verschärfen. Wer betroffen ist, sollte den Wechsel auf einen anderen Wirkstoff oder eine andere Dosis nur in Absprache mit der behandelnden Fachperson vornehmen.

StudieEuropäische Kommission / EMA, 2022 (Swissmedic: nachfolgende Zulassung)

Zulassungs-Update: Tirzepatid für Typ-2-Diabetes

Tirzepatid (Mounjaro), der erste duale GIP/GLP-1-Rezeptoragonist, wurde 2022 in der EU zur Behandlung des Typ-2-Diabetes zugelassen, in der Schweiz folgte die Zulassung durch Swissmedic. Die Zulassung stützt sich auf das SURPASS-Studienprogramm mit HbA1c-Senkungen von etwa 2 Prozentpunkten und Gewichtsverlusten von bis zu über 10 Kilogramm. Ob und unter welchen Bedingungen die Kosten übernommen werden, ist länderspezifisch geregelt und hat sich seit der Zulassung mehrfach geändert; aktuelle Auskunft geben Krankenkasse beziehungsweise die verordnende Praxis.

Services

FAQ, Glossar & Downloads

Häufige Fragen

Kann ich Diabetes Typ 2 wieder loswerden?+

Eine Heilung im engeren Sinn gibt es nicht, aber eine Remission ist möglich: Das HbA1c bleibt ohne blutzuckersenkende Medikamente mindestens drei Monate unter 6,5 Prozent. Der wichtigste Hebel ist ein deutlicher Gewichtsverlust, meist zehn Kilogramm oder mehr, und die Chancen sind am besten in den ersten Jahren nach der Diagnose. In der DiRECT-Studie erreichten 46 Prozent nach einem Jahr eine Remission, nach zwei Jahren waren es 36 Prozent. Auch eine bariatrische Operation führt bei vielen zu einer Remission. Die Veranlagung bleibt bestehen; nimmt das Gewicht wieder zu, kann der Diabetes zurückkehren. Regelmässige Kontrollen sind deshalb auch in Remission sinnvoll.

Muss ich irgendwann Insulin spritzen?+

Nicht zwangsläufig. Typ-2-Diabetes ist eine fortschreitende Erkrankung, bei der die Insulinproduktion über die Jahre abnehmen kann. Viele Menschen kommen jedoch mit Lebensstil, Metformin und modernen Wirkstoffen wie SGLT2-Hemmern oder GLP-1-Rezeptoragonisten lange oder dauerhaft ohne Insulin aus. Insulin wird nötig, wenn das HbA1c trotz Ausschöpfung anderer Optionen deutlich über dem Ziel bleibt, bei sehr hohen Werten zur Diagnose, in der Schwangerschaft oder bei bestimmten Begleiterkrankungen. Insulin ist keine Strafe und kein Zeichen des Versagens, sondern ein wirksames Werkzeug. Manchmal wird es nur vorübergehend gebraucht, etwa bei einer Infektion oder Operation.

Welche Werte sollte ich kennen?+

Fünf Werte gehören ins eigene Wissen: Das HbA1c (Langzeitzucker, Ziel meist 6,5 bis 7,5 Prozent, individuell festgelegt), der Nüchternblutzucker (Ziel etwa 4,4 bis 7,2 mmol/l beziehungsweise 80 bis 130 mg/dl), der Blutdruck (Ziel meist unter 130/80 mmHg), das LDL-Cholesterin (Ziel abhängig vom Risiko, oft unter 1,8 mmol/l beziehungsweise 70 mg/dl) und die Nierenwerte eGFR und Albumin-Kreatinin-Quotient im Urin. Dazu kommen Gewicht beziehungsweise Taillenumfang. Wer die Werte kennt, kann Therapieentscheidungen mittragen und Veränderungen früh bemerken. Lassen Sie sich die aktuellen Zahlen bei jeder Kontrolle mitgeben.

Zahlt die Kasse einen Sensor?+

Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) wird in CH, DE und AT in der Regel dann übernommen, wenn eine Insulintherapie besteht, insbesondere eine intensivierte Insulintherapie mit mehreren Injektionen täglich oder Pumpe. In der Schweiz ist die Vergütung über die Mittel- und Gegenständeliste geregelt, in Deutschland hat der Gemeinsame Bundesausschuss die rtCGM-Erstattung 2016 für insulinbehandelte Patientinnen und Patienten beschlossen, in Österreich entscheidet die Sozialversicherung nach Antrag. Ohne Insulin oder nur mit Basalinsulin ist die Übernahme meist nicht oder nur befristet vorgesehen, etwa zur Therapieschulung. Die Regeln ändern sich; fragen Sie die Diabetesberatung oder die Kasse direkt.

Darf ich Alkohol trinken?+

In kleinen Mengen ist Alkohol für die meisten Menschen mit Typ-2-Diabetes vertretbar, als Orientierung gelten höchstens ein Standardglas pro Tag für Frauen und zwei für Männer, mit alkoholfreien Tagen. Wichtig ist der Zeitpunkt: Alkohol hemmt die Zuckerfreisetzung der Leber und kann, besonders unter Insulin oder Sulfonylharnstoffen, noch Stunden später eine Unterzuckerung auslösen. Trinken Sie deshalb nicht auf nüchternen Magen und messen Sie vor dem Schlafen. Süsse Cocktails, Liköre und Bier bringen zusätzlich Kohlenhydrate und Kalorien mit. Bei Fettleber, Nervenschäden, Bauchspeicheldrüsenentzündung oder erhöhten Triglyzeriden ist Verzicht ratsam.

Was ist mit den Füssen und Augen?+

Erhöhte Blutzuckerwerte schädigen über Jahre die kleinen Gefässe und Nerven. An den Augen kann eine diabetische Retinopathie entstehen, die lange keine Beschwerden macht, aber unbehandelt zur Erblindung führen kann. Deshalb ist eine augenärztliche Kontrolle mit erweiterter Pupille zur Diagnose und danach mindestens alle ein bis zwei Jahre empfohlen. An den Füssen führen Nervenschäden zu vermindertem Schmerzempfinden, kleine Verletzungen bleiben unbemerkt und können sich zu Geschwüren entwickeln. Täglich die Füsse anschauen, passende Schuhe, keine Barfussgänge auf unbekanntem Grund, professionelle Fusspflege bei Bedarf und die jährliche Fussuntersuchung in der Praxis sind die wirksamsten Schutzmassnahmen.

Ozempic für Diabetiker: gibt es genug?+

Semaglutid (Ozempic) ist seit 2022 in Europa immer wieder knapp, weil die Nachfrage auch durch Verordnungen zur reinen Gewichtsreduktion stark gestiegen ist. EMA, BfArM und die Schweizer Behörden haben 2023 klargestellt, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes Vorrang haben und Ozempic nur für die zugelassene Indikation verordnet werden soll. Die Lage hat sich seither verbessert, einzelne Dosisstärken können aber weiterhin zeitweise fehlen. Wenn Ihre Apotheke nicht liefern kann: Fragen Sie nach anderen Apotheken, nach einer anderen Dosisstärke oder nach einem Wechsel auf Dulaglutid, Liraglutid oder Tirzepatid, immer in Absprache mit der Praxis. Beziehen Sie Ozempic nie über nicht zugelassene Online-Quellen; es sind Fälschungen im Umlauf.

Welches Medikament ist für mich das richtige?+

Das hängt von Begleiterkrankungen, Gewicht, Nierenfunktion, Unterzuckerungsrisiko, Verträglichkeit und Kosten ab. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankung, Herzinsuffizienz oder Nierenerkrankung empfehlen die Leitlinien SGLT2-Hemmer oder GLP-1-Rezeptoragonisten mit nachgewiesenem Organschutz, unabhängig vom HbA1c. Bei starkem Übergewicht steht die Gewichtswirkung im Vordergrund, dort sind GLP-1-basierte Wirkstoffe am effektivsten. Metformin bleibt eine gut verträgliche, günstige Basis. Sulfonylharnstoffe sind günstig, bergen aber ein Unterzuckerungsrisiko. Die Entscheidung sollte gemeinsam getroffen und regelmässig, etwa alle drei bis sechs Monate, überprüft werden.

Wie oft muss ich Blutzucker messen, wenn ich kein Insulin spritze?+

Ohne Insulin und ohne Sulfonylharnstoffe ist eine tägliche Messung nicht nötig, das HbA1c alle drei bis sechs Monate reicht zur Steuerung. Sinnvoll sind gezielte Messungen in bestimmten Phasen: nach einer Therapieumstellung, bei Infekten, vor und zwei Stunden nach einer Mahlzeit, um zu lernen, welche Lebensmittel den Wert wie stark bewegen. Ein Profil an ein bis zwei Tagen pro Woche über einige Wochen liefert dafür mehr Erkenntnisse als eine tägliche Einzelmessung zum immer gleichen Zeitpunkt. Wer Sulfonylharnstoffe nimmt, sollte bei Symptomen wie Zittern, Schwitzen oder Heisshunger messen.

Kann ich mit Diabetes Typ 2 normal Sport treiben?+

Ja, und Bewegung ist ein zentraler Teil der Behandlung: Muskeln nehmen Glukose auch unabhängig von Insulin auf, die Insulinempfindlichkeit steigt für bis zu 48 Stunden nach einer Trainingseinheit. Empfohlen sind mindestens 150 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche plus zwei Einheiten Krafttraining. Vor intensivem Beginn empfiehlt sich bei langjährigem Diabetes, Herzproblemen oder Nervenschäden eine ärztliche Abklärung. Unter Insulin oder Sulfonylharnstoffen kann Sport Unterzuckerungen auslösen, dann gehören Traubenzucker und eine Messung dazu. Bei Fussproblemen sind gelenkschonende Sportarten wie Radfahren oder Schwimmen sicherer.

Glossar

HbA1c
Anteil des roten Blutfarbstoffs, an den Zucker gebunden ist, angegeben in Prozent oder mmol/mol. Der Wert spiegelt den durchschnittlichen Blutzucker der letzten acht bis zwölf Wochen und ist der wichtigste Verlaufsparameter.
Nüchternglukose
Blutzuckerwert nach mindestens acht Stunden ohne Kalorienzufuhr. Ab 7,0 mmol/l (126 mg/dl) in zwei Messungen liegt ein Diabetes vor, 5,6 bis 6,9 mmol/l gelten als Prädiabetes.
Insulinresistenz
Zustand, in dem Muskel-, Leber- und Fettzellen schwächer auf Insulin reagieren. Die Bauchspeicheldrüse muss mehr Insulin produzieren, bis sie den Bedarf nicht mehr deckt; Übergewicht, Bewegungsmangel und Veranlagung sind die Haupttreiber.
GLP-1
Darmhormon, das nach dem Essen die Insulinausschüttung steigert, die Magenentleerung verlangsamt und das Sättigungsgefühl fördert. GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid oder Liraglutid ahmen diese Wirkung länger anhaltend nach.
SGLT2
Transporter in der Niere, der Zucker aus dem Urin zurück ins Blut holt. SGLT2-Hemmer wie Empagliflozin oder Dapagliflozin blockieren ihn, sodass Zucker mit dem Urin ausgeschieden wird; sie schützen zusätzlich Herz und Niere.
eGFR
Geschätzte glomeruläre Filtrationsrate, ein aus dem Kreatinin berechnetes Mass für die Nierenleistung in ml/min. Werte über 90 gelten als normal, unter 60 als eingeschränkte Nierenfunktion.
Albuminurie
Ausscheidung des Eiweisses Albumin über den Urin, gemessen als Albumin-Kreatinin-Quotient. Werte über 30 mg/g zeigen einen frühen Nierenschaden an, oft bevor die eGFR sinkt.
Hypoglykämie
Unterzuckerung, meist definiert als Blutzucker unter 3,9 mmol/l (70 mg/dl). Symptome sind Zittern, Schwitzen, Herzklopfen, Heisshunger und Verwirrtheit; sie tritt vor allem unter Insulin und Sulfonylharnstoffen auf.
CGM
Kontinuierliche Glukosemessung über einen Sensor im Unterhautfettgewebe, der alle paar Minuten einen Wert liefert und Trends anzeigt. Ersetzt für viele Anwender das Stechen in die Fingerkuppe.
Time in Range
Anteil der Zeit, in der die Sensorglukose im Zielbereich von 3,9 bis 10,0 mmol/l (70 bis 180 mg/dl) liegt. Empfohlen sind für die meisten Menschen mit Diabetes über 70 Prozent, unter 4 Prozent der Zeit unter dem Zielbereich.
Remission
Rückgang des Typ-2-Diabetes auf Werte unterhalb der Diagnoseschwelle, definiert als HbA1c unter 6,5 Prozent über mindestens drei Monate ohne blutzuckersenkende Medikamente. Keine Heilung, da die Veranlagung bleibt.
DMP
Disease-Management-Programm, ein strukturiertes Betreuungsprogramm mit festen Kontrollintervallen, Schulungen und Dokumentation. In Deutschland über die GKV, in Österreich als "Therapie Aktiv", in der Schweiz als Chronic-Care-Angebote einzelner Versicherer und Praxisnetze.

Downloads & Tools

Rechner 1: HbA1c in mittleren Glukosewert (eAG)

Rechner 1

HbA1c-zu-Glukose-Umrechner

Einheit

Auswertung

Geben Sie Ihren HbA1c-Wert ein.

Referenztabelle
6 %etwa 126 mg/dl7,0 mmol/l
7 %etwa 154 mg/dl8,6 mmol/l
8 %etwa 183 mg/dl10,2 mmol/l
9 %etwa 212 mg/dl11,8 mmol/l
10 %etwa 240 mg/dl13,4 mmol/l

Die Formel stammt aus der ADAG-Studie und beschreibt einen statistischen Durchschnitt. Blutarmut, Eisenmangel, Nierenerkrankung, Schwangerschaft und Hämoglobinvarianten verfälschen das HbA1c.

Über diesen Rechner: Eingaben, Formeln, Interpretationsgrenzen+

Name: HbA1c-zu-Glukose-Umrechner

Eingaben:

  • HbA1c in Prozent (Dezimalstelle erlaubt, gültiger Bereich 4,0 bis 15,0) oder alternativ in mmol/mol (IFCC, Bereich 20 bis 140)

Formeln:

  • Umrechnung mmol/mol in Prozent: HbA1c (%) = HbA1c (mmol/mol) x 0,0915 + 2,15
  • Mittlerer Glukosewert in mg/dl: eAG = 28,7 x HbA1c (%) minus 46,7
  • Mittlerer Glukosewert in mmol/l: eAG = 1,59 x HbA1c (%) minus 2,59 (entspricht mg/dl geteilt durch 18,02)

Ausgabe:

  • eAG in mg/dl und mmol/l, gerundet auf ganze mg/dl beziehungsweise eine Dezimalstelle
  • HbA1c zusätzlich in der jeweils anderen Einheit (Prozent und mmol/mol)
  • Referenztabelle: 6 % entspricht etwa 126 mg/dl (7,0 mmol/l); 7 % entspricht etwa 154 mg/dl (8,6 mmol/l); 8 % entspricht etwa 183 mg/dl (10,2 mmol/l); 9 % entspricht etwa 212 mg/dl (11,8 mmol/l); 10 % entspricht etwa 240 mg/dl (13,4 mmol/l)

Interpretationsgrenzen:

  • Unter 5,7 %: normaler Bereich
  • 5,7 bis 6,4 %: Prädiabetes
  • Ab 6,5 %: Diagnosebereich Diabetes
  • Für Menschen mit bekanntem Diabetes ist der individuelle Zielwert massgebend, meist zwischen 6,5 und 7,5 %, bei hohem Alter oder Begleiterkrankungen auch bis 8,0 %

Hinweis zur Interpretation: Die Formel stammt aus der ADAG-Studie und beschreibt einen statistischen Durchschnitt. Der persönliche Zusammenhang zwischen HbA1c und Sensor- oder Messwerten kann um mehr als 1 mmol/l abweichen. Blutarmut, Eisenmangel, Nierenerkrankung, Schwangerschaft und Hämoglobinvarianten verfälschen das HbA1c; in solchen Fällen ist der Rechner nicht aussagekräftig.

Rechner 2: FINDRISK-Diabetesrisiko

Rechner 2

FINDRISK-Test

Geschlecht
Mindestens 30 Minuten körperliche Aktivität täglich
Täglich Obst, Gemüse oder Vollkornbrot
Jemals Medikamente gegen Bluthochdruck verordnet
Jemals erhöhter Blutzucker festgestellt
Diabetes in der Familie
Es zählt nur die höchste zutreffende Kategorie.

Auswertung

Geben Sie Alter, Gewicht, Grösse und Taillenumfang ein, um Ihr Zehnjahresrisiko zu schätzen.

Der Test ersetzt keine Labormessung und erkennt keinen bestehenden Diabetes. Für Personen mit süd- oder ostasiatischer Herkunft unterschätzt er das Risiko.

Über diesen Rechner: Eingaben, Formeln, Interpretationsgrenzen+

Name: FINDRISK-Test (Finnish Diabetes Risk Score, deutschsprachige Version der Deutschen Diabetes-Stiftung)

Zweck: Schätzt das Risiko, innerhalb der nächsten zehn Jahre an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Gedacht für Personen ohne bekannten Diabetes, etwa Angehörige.

Eingaben und Punkte:

  1. Alter: unter 35 Jahre 0 Punkte; 35 bis 44 Jahre 1 Punkt; 45 bis 54 Jahre 2 Punkte; 55 bis 64 Jahre 3 Punkte; über 64 Jahre 4 Punkte
  2. Body-Mass-Index (Gewicht in kg geteilt durch Grösse in m zum Quadrat, der Rechner berechnet ihn aus Gewicht und Grösse): unter 25 0 Punkte; 25 bis 30 1 Punkt; über 30 3 Punkte
  3. Taillenumfang (auf Nabelhöhe, unbekleidet): Männer unter 94 cm 0 Punkte, 94 bis 102 cm 3 Punkte, über 102 cm 4 Punkte; Frauen unter 80 cm 0 Punkte, 80 bis 88 cm 3 Punkte, über 88 cm 4 Punkte
  4. Mindestens 30 Minuten körperliche Aktivität täglich (Arbeit und Freizeit zusammen): ja 0 Punkte; nein 2 Punkte
  5. Täglich Obst, Gemüse oder Vollkornbrot: ja 0 Punkte; nein 1 Punkt
  6. Jemals Medikamente gegen Bluthochdruck verordnet bekommen: nein 0 Punkte; ja 2 Punkte
  7. Jemals erhöhter Blutzucker festgestellt (Untersuchung, Krankheit, Schwangerschaft): nein 0 Punkte; ja 5 Punkte
  8. Diabetes in der Familie: nein 0 Punkte; ja, bei Grosseltern, Tante, Onkel oder Cousin/Cousine 3 Punkte; ja, bei Eltern, Geschwistern oder eigenen Kindern 5 Punkte

Formel: Summe der acht Punktwerte (Minimum 0, Maximum 26). Bei Frage 8 zählt nur die höchste zutreffende Kategorie.

Ausgabe und Auswertung:

  • Unter 7 Punkte: niedriges Risiko, etwa 1 von 100 erkrankt in zehn Jahren
  • 7 bis 11 Punkte: leicht erhöhtes Risiko, etwa 4 von 100
  • 12 bis 14 Punkte: mittleres Risiko, etwa 17 von 100
  • 15 bis 20 Punkte: hohes Risiko, etwa 33 von 100
  • Über 20 Punkte: sehr hohes Risiko, etwa 50 von 100

Interpretationsgrenzen: Ab 12 Punkten wird eine Blutzuckerbestimmung (Nüchternglukose oder HbA1c) in der Hausarztpraxis empfohlen, ab 15 Punkten dringend. Der Test ersetzt keine Labormessung und erkennt keinen bestehenden Diabetes. Er wurde an einer finnischen Bevölkerung entwickelt und in Deutschland validiert; für Personen mit süd- oder ostasiatischer Herkunft unterschätzt er das Risiko, da dort schon bei niedrigerem BMI und Taillenumfang ein erhöhtes Risiko besteht. Der Rechner zeigt zu jedem Item an, welche Punkte beeinflussbar sind (Gewicht, Taille, Bewegung, Ernährung) und welche nicht (Alter, Familie, Vorgeschichte).

Newsletter

Einmal im Monat fassen wir neue Studien, Zulassungen und Versorgungshinweise zu Typ-2-Diabetes für die Schweiz, Deutschland und Österreich zusammen, sachlich und ohne Werbung. Melden Sie sich an, wenn Sie Ihre nächste Entscheidung mit aktuellem Wissen treffen möchten.

Verwandte Studio+ Hubs

Weitere Themen