- Therapie
- Pacing / Energiemanagement
- Ansatz
- Aktivität so dosieren, dass sie unter der individuellen Belastungsgrenze bleibt; Energiebudget, Pausen vor der Erschöpfung, Herzfrequenz-Grenze, Aktivitätstagebuch
- Indikation
- Alle Betroffenen mit PEM, auch ohne gesicherte ME/CFS-Diagnose; bei schwerer Erkrankung im Bett oder Zimmer
- Evidenz
- Empfehlung in NICE NG206 und S1-Leitlinie; Daten vor allem aus Patientenbefragungen und Beobachtungsstudien, wenige kontrollierte Studien; viele berichten weniger Crashs und stabilere Tage, keine Heilung
- Status/Zugang
- Basis jeder Behandlung; Anleitung über Ergotherapie, Physiotherapie mit ME/CFS-Erfahrung, Post-COVID-Ambulanzen; Ergotherapie auf ärztliche Verordnung in CH, DE, AT kassenpflichtig
- Risiken
- Kaum körperliche Risiken; soziale Isolation, Frust und Dekonditionierung möglich, wenn die Grenze sehr niedrig liegt; konsequentes Pacing verlangt Unterstützung durch Umfeld und Arbeitgeber
- Therapie
- Angepasste Rehabilitation (PEM-sensibel)
- Ansatz
- Stationäre oder ambulante Reha mit Energiemanagement, Atemtherapie, kognitivem Training, psychologischer Begleitung und behutsamer, symptomgesteuerter Belastung
- Indikation
- Post-COVID mit Fatigue, Atemnot, kognitiven Störungen; bei PEM nur in Einrichtungen mit Erfahrung, Belastung unterhalb der Grenze
- Evidenz
- Für Long COVID ohne PEM Verbesserungen in Beobachtungsstudien; bei PEM nur mit angepasstem Konzept, Standard-Reha mit Steigerung kann verschlechtern
- Status/Zugang
- CH: Kostengutsprache der Krankenversicherung; DE: Antrag bei Deutscher Rentenversicherung oder Krankenkasse; AT: Antrag bei PVA oder ÖGK; Reha-Kliniken mit Post-COVID-Programmen in allen drei Ländern
- Risiken
- Crash durch zu dichtes Programm, lange Anreise, Reizüberflutung; vor Antritt nach PEM-Konzept fragen; bei sehr schwerer ME/CFS oft nicht geeignet
- Therapie
- Ivabradin oder niedrig dosierte Betablocker bei POTS
- Ansatz
- Senkung der Herzfrequenz beim Stehen; Ivabradin hemmt den If-Kanal im Sinusknoten ohne Blutdrucksenkung, Betablocker (zum Beispiel Propranolol 10 bis 20 mg) dämpfen die Adrenalinwirkung
- Indikation
- Gesichertes posturales Tachykardiesyndrom (POTS) mit belastendem Herzrasen, wenn nicht-medikamentöse Massnahmen nicht reichen
- Evidenz
- Ivabradin: kleine randomisierte Studie bei POTS (Taub, JACC 2021, 22 Teilnehmende) mit niedrigerer Herzfrequenz und besserer Lebensqualität; Propranolol niedrig dosiert in kleinen Studien wirksam auf Herzfrequenz und Symptome; für Post-COVID-POTS nur Fallserien
- Status/Zugang
- Beide off-label für POTS (zugelassen für Herzinsuffizienz, Angina pectoris, Bluthochdruck); günstig, als Generika verfügbar; Einstellung durch Kardiologie oder Innere Medizin
- Risiken
- Ivabradin: Lichtblitze im Sehfeld, zu langsamer Puls, Vorhofflimmern, nicht in Schwangerschaft (sichere Verhütung nötig); Betablocker: Müdigkeit, tiefer Blutdruck, kalte Hände, Verschlechterung von Asthma
- Therapie
- Kompression, Salz und Flüssigkeit bei POTS
- Ansatz
- Mehr Blutvolumen und weniger Versacken des Blutes in Beinen und Bauch: 2 bis 3 Liter Flüssigkeit täglich, mehr Kochsalz nach ärztlicher Absprache, Kompressionsstrümpfe bis zur Hüfte oder Bauchgurt, Gegenmanöver beim Stehen
- Indikation
- POTS und orthostatische Intoleranz, auch als Basis vor Medikamenten
- Evidenz
- Empfohlen in internationalen Konsenspapieren zu POTS (Heart Rhythm Society 2015); Wirkung physiologisch plausibel und in kleinen Studien belegt; viele Betroffene spüren rasch eine Besserung
- Status/Zugang
- Erstmassnahme; Kompressionsstrümpfe auf Rezept über MiGeL (CH), Hilfsmittelverordnung (DE) oder Heilbehelfe (AT) mit Selbstbehalt; Salztabletten und Elektrolytpulver meist selbst bezahlt
- Risiken
- Blutdruckanstieg, Wassereinlagerungen; nicht ohne Rücksprache bei Bluthochdruck, Herz- oder Nierenschwäche; Kompression ist im Sommer belastend
- Therapie
- Niedrig dosiertes Naltrexon (LDN, off-label)
- Ansatz
- Naltrexon in sehr niedriger Dosis (meist mit 0,5 bis 1 mg begonnen, langsam auf 3 bis 4,5 mg am Abend); vermutete Dämpfung von Entzündungsreaktionen über Gliazellen im Gehirn
- Indikation
- Fatigue, Schmerzen, Brain Fog bei Long COVID und ME/CFS, als individueller Behandlungsversuch
- Evidenz
- Fallserien und Beobachtungsdaten mit Besserung bei einem Teil der Behandelten; randomisierte, placebokontrollierte Studien bei Long COVID laufen, belastbare Ergebnisse fehlen bis heute
- Status/Zugang
- Off-label; muss als Magistralrezeptur in der Apotheke hergestellt werden, da keine Fertigpräparate in dieser Dosis; etwa 30 bis 60 CHF oder 20 bis 50 EUR pro Monat, Kostenübernahme unsicher
- Risiken
- Schlafstörungen, lebhafte Träume, Kopfschmerzen, Übelkeit, meist vorübergehend; nicht zusammen mit Opioiden (hebt deren Wirkung auf, Entzugsgefahr); Vorsicht bei Lebererkrankungen
- Therapie
- Antihistaminika bei Verdacht auf Mastzellaktivierung (MCAS, off-label)
- Ansatz
- Kombination eines H1-Blockers (zum Beispiel Cetirizin, Fexofenadin) mit einem H2-Blocker (zum Beispiel Famotidin), teils ergänzt durch Mastzellstabilisatoren
- Indikation
- Beschwerden, die zu einer Mastzellaktivierung passen: Hautrötung, Juckreiz, Nesselsucht, Unverträglichkeiten, Bauchbeschwerden, Herzrasen nach dem Essen
- Evidenz
- Kleine Beobachtungsstudien und Fallserien mit Besserung bei einem Teil der Behandelten; MCAS als eigene Diagnose bei Long COVID umstritten; keine grossen kontrollierten Studien
- Status/Zugang
- H1-Blocker teils rezeptfrei; Einsatz bei Long COVID off-label; Behandlungsversuch über einige Wochen mit klarer Erfolgskontrolle sinnvoll
- Risiken
- Müdigkeit (besonders ältere H1-Blocker), Mundtrockenheit, Kopfschmerzen; Famotidin meist gut verträglich; Wechselwirkungen prüfen; nicht dauerhaft ohne Nutzen weiterführen
- Therapie
- Riechtraining bei Geruchsverlust
- Ansatz
- Zweimal täglich je etwa 20 Sekunden an vier Düften riechen (klassisch Rose, Zitrone, Eukalyptus, Gewürznelke), über mindestens 12 Wochen, Düfte nach einigen Monaten wechseln
- Indikation
- Anhaltender Geruchsverlust oder verzerrte Gerüche (Parosmie) nach der Infektion
- Evidenz
- Für postvirale Riechstörungen in randomisierten Studien belegt (Hummel und Kollegen ab 2009); viele erholen sich auch spontan innert Monaten, ein Teil bleibt über Jahre beeinträchtigt
- Status/Zugang
- Kostengünstig, Sets in Apotheken oder selbst zusammengestellt; Abklärung in der HNO-Heilkunde bei Verlust über drei Monate
- Risiken
- Praktisch keine Risiken; Hauptproblem ist das Durchhalten; Rauchmelder und Gasmelder als Sicherheitsmassnahme, solange der Geruch fehlt
- Therapie
- Atemphysiotherapie
- Ansatz
- Behandlung dysfunktionaler Atmung (flache, schnelle Brustatmung, Überatmung), Zwerchfellatmung, Atemrhythmus, Entspannung der Atemhilfsmuskulatur
- Indikation
- Atemnot ohne passenden Lungen- oder Herzbefund, Druckgefühl in der Brust, Seufzeratmung; nach Ausschluss organischer Ursachen
- Evidenz
- Gut belegt für dysfunktionale Atmung; randomisierte Studie mit Online-Atemprogramm bei Long COVID (Philip, Lancet Respiratory Medicine 2022, 150 Teilnehmende) mit besserer Lebensqualität und weniger Atemnot
- Status/Zugang
- Physiotherapie auf ärztliche Verordnung in CH, DE, AT kassenpflichtig, mit den üblichen Selbstbehalten und Zuzahlungen
- Risiken
- Sehr geringe Risiken; bei PEM kurze Einheiten, im Liegen oder Sitzen, kein Ausdauertraining "nebenbei"
- Therapie
- Immunadsorption und Apherese (experimentell)
- Ansatz
- Blut wird ausserhalb des Körpers gefiltert; Immunadsorption entfernt Antikörper (unter anderem Autoantikörper gegen Rezeptoren des autonomen Nervensystems), andere Verfahren (zum Beispiel H.E.L.P.-Apherese) Blutfette und Gerinnungseiweisse
- Indikation
- Nur in klinischen Studien oder im eng begründeten Einzelfall, etwa bei ME/CFS mit nachgewiesenen Autoantikörpern
- Evidenz
- Kleine Pilotstudien an der Charité mit Besserung bei einem Teil der Teilnehmenden; kontrollierte Studien bei Post-COVID und ME/CFS mit uneinheitlichen Ergebnissen, Nutzen nicht belegt
- Status/Zugang
- Experimentell; keine Kassenleistung ausserhalb von Studien; private Angebote kosten je Sitzung oft über 1000 EUR, Behandlungsserien mehrere tausend bis über 20'000 EUR
- Risiken
- Kreislaufprobleme, Infektion oder Thrombose am Zugang, Blutungen, allergische Reaktionen; finanzielle Belastung; Fachgesellschaften warnen vor teuren Angeboten ohne Studienrahmen
- Therapie
- Antivirale Langzeittherapie (Nirmatrelvir/Ritonavir) und BC007 (Rovunaptabin)
- Ansatz
- Nirmatrelvir/Ritonavir (Paxlovid) über 15 bis 25 Tage soll mögliche Virusreste bekämpfen; BC007 ist ein Aptamer, das Autoantikörper gegen G-Protein-gekoppelte Rezeptoren neutralisieren soll
- Indikation
- Studienteilnahme; keine Behandlung für den Alltag
- Evidenz
- Nirmatrelvir/Ritonavir: STOP-PASC (Geng, JAMA Internal Medicine 2024, 155 Teilnehmende, 15 Tage) und RECOVER-VITAL (25 Tage) ohne Vorteil gegenüber Placebo; BC007: Phase-2-Studie reCOVer erreichte 2024 den primären Endpunkt (Fatigue) nicht
- Status/Zugang
- Nirmatrelvir/Ritonavir nur für akute COVID-19 bei Risikopersonen zugelassen; BC007 nicht zugelassen und nicht verfügbar; weitere antivirale und immunologische Studien laufen
- Risiken
- Nirmatrelvir/Ritonavir: Geschmacksstörung, Durchfall, viele Wechselwirkungen über Ritonavir (zum Beispiel mit Blutverdünnern, Statinen, Herzmedikamenten); keine Behandlung ausserhalb von Studien