Bericht 1
Erfolg"Der Chirurg hat gesagt: Wir können operieren. Wir müssen aber nicht."
Sandro K., 41, Wil (CH)
- Therapiedauer
- 10 Wochen
- Therapie
- Schmerzmittel (Ibuprofen, Metamizol), Physiotherapie, stufenweise Rückkehr an den Arbeitsplatz
Es war ein Montag im Februar. Ich habe im Lager Getränkekisten umgeschichtet, nichts Besonderes, das mache ich seit zwanzig Jahren. Am Abend hat es hinten links gezogen, am Dienstag sass es im Gesäss, am Mittwoch lief es das Bein hinunter bis in die Fusssohle. Wer das nie hatte: Das ist kein Rückenweh. Das fühlt sich an, als hätte jemand ein Stromkabel durchs Bein gezogen und eingesteckt. Sitzen ging nicht, Autofahren auch nicht. Ich bin auf dem Bauch auf dem Sofa gelegen und meine Frau hat mir die Socken angezogen.
Mein Hausarzt hat das gestreckte Bein angehoben, bei etwa 30 Grad war Schluss. Dann hat er mit dem Hämmerli auf die Achillessehne geklopft, links kam weniger als rechts. Kraft war aber da, auf den Zehenspitzen stehen ging, wacklig, aber es ging. Er meinte, das sei sehr wahrscheinlich ein Bandscheibenvorfall, der auf die Nervenwurzel S1 drückt. Solange keine Lähmung dazukomme und Blase und Darm normal funktionierten, brauche es nicht sofort ein MRI. Die Warnzeichen hat er mir auf einen Zettel geschrieben: Taubheit im Intimbereich, Probleme beim Wasserlösen oder mit dem Stuhl, ein Fuss, der schlapp wird. Dann sofort auf den Notfall.
Ich hätte das MRI trotzdem gern gehabt, ehrlich gesagt aus Angst. Nach drei Wochen, als es kaum besser war, hat er es angemeldet. Befund: extrudierter Bandscheibenvorfall L5/S1 links mit Kompression der S1-Wurzel. Das Bild sah schlimm aus, ein grauer Klumpen, der in den Kanal hineinragt. Ich war überzeugt, dass der raus muss.
Beim Wirbelsäulenchirurgen im Kantonsspital St. Gallen bin ich innerlich schon mit gepackter Tasche gesessen. Er hat sich die Bilder angeschaut, mich nochmals untersucht und dann den Satz gesagt, der oben steht. Gerade bei grossen, ausgetretenen Vorfällen baue der Körper das Material recht oft selbst ab. Er hat mir von einer holländischen Studie erzählt: Wer früh operiert wurde, war schneller schmerzfrei, nach einem Jahr ging es beiden Gruppen ungefähr gleich gut. Seine Abmachung mit mir: Wenn es in sechs Wochen nicht deutlich besser ist oder die Kraft nachlässt, sehen wir uns sofort wieder.
Das hat mir den Druck genommen, jetzt sofort entscheiden zu müssen. Ich habe tagsüber Ibuprofen genommen, in der Nacht Metamizol, dazu einen Magenschutz. Physio zweimal pro Woche, am Anfang fast nur Lagerung und Nervenmobilisation, später Kräftigung für Rumpf und Gesäss. Die Physiotherapeutin hat mich jeden Tag spazieren geschickt. Zuerst zehn Minuten, mit Pause bei jedem Bänkli. Nach fünf Wochen bin ich zum ersten Mal ohne Halt ums Quartier gelaufen und habe mich gefühlt wie nach einem Marathon.
Mein Chef war anständig. Vier Wochen war ich voll krankgeschrieben, dann zwei Wochen zu 50 Prozent in der Disposition statt auf dem Stapler. Nach zehn Wochen war ich wieder voll im Lager. Ich hebe jetzt anders und frage öfter einen Kollegen, auch wenn das am Anfang an meinem Stolz gekratzt hat. Am äusseren Rand der Fusssohle habe ich noch eine pelzige Stelle, etwa so gross wie ein Fünfliber. Der Arzt sagt, das könne bleiben oder in ein paar Monaten verschwinden.
Was mich genervt hat: Im Internet liest man entweder "sofort operieren" oder "das ist alles psychisch". Bei mir war es keins von beidem. Ich bin froh, dass ich gewartet habe. Aber ich verstehe jeden, der die ersten drei Wochen nicht aushält und sich operieren lässt. Das waren die schlimmsten Wochen, die ich je hatte.
Meine Werte
- Beinschmerz (NRS 0 bis 10): vorher 9, nach 10 Wochen 1
- Rückenschmerz (NRS): vorher 4, nach 10 Wochen 1
- Oswestry-Index: vorher 62 Prozent, nach 10 Wochen 8 Prozent
- Gehstrecke: vorher etwa 100 m mit Pausen, nachher eine Wanderung von 8 km
- Arbeitstage: 28 Tage voll arbeitsunfähig, 14 Tage zu 50 Prozent
Nebenwirkungen
- Magenbrennen unter Ibuprofen in der zweiten Woche, mit Magenschutz besser
- Blutbildkontrolle wegen Metamizol, unauffällig
- Pelzige Stelle am Fussrand als Restbeschwerde
Kosten
Ich bin mit 1500 Franken Franchise versichert. MRI, Konsultationen und 18 Physiositzungen liefen über die Grundversicherung, selbst bezahlt habe ich mit Franchise und Selbstbehalt etwa 1800 Franken.
Studienbezug
Peul et al., NEJM 2007 (Sciatica Trial): 283 Personen mit 6 bis 12 Wochen Ischias wurden früh operiert oder zunächst konservativ behandelt. Die Operierten hatten schneller weniger Beinschmerzen, nach einem Jahr war der Unterschied nicht mehr relevant. Etwa 39 Prozent der konservativ Behandelten wurden im Verlauf doch operiert.
